Beruf & Karriere

Seit 2018 gibt es auf dem Spielzeugmarkt eine Barbie als Robotik-Ingenieurin. Doch im wahren Leben fehlen der Industrie weibliche Eigenschaften. (Foto: BSZ)

04.01.2019

Mehr als nur Ingenieur-Barbies

Lediglich 15 Prozent der Beschäftigten in MINT-Berufen sind weiblich – dabei steigern Frauen Kreativität und Innovation in der technischen Arbeitswelt

Gerade einmal 18 Prozent beträgt der Anteil von erwerbstätigen Frauen in Ingenieursberufen. Schon im Grundschulalter werden Kinder so sozialisiert, dass Fünftklässlerinnen sich in naturwissenschaftlichen Disziplinen für weniger begabt halten als gleichaltrige Jungen. Seit Kurzem fördert der Spielzeughersteller Mattel mit seiner Ingenieur-Barbie laut eigenen Angaben „das Interesse von Mädchen für MINT-Fächer“. Doch bis die Kinder von heute ihre Berufsausbildung abgeschlossen haben, werden die männlich dominierten Ingenieursteams weiterhin durch das Fehlen von Frauen gebremst. Denn, so meint ein Personalexperte, mehr Frauen können Kreativität und Innovation in der technischen Arbeitswelt deutlich steigern.

Was das für das Arbeitsumfeld bedeuten kann, wenn die Kollegen alle männlich sind, erlebt die Vertriebsspezialistin Elisabeth Meidl jeden Tag. Die einzige Frau unter lauter männlichen Kollegen verantwortet den Vertrieb eines Herstellers von Spezialfolien für Bayern und ganz Österreich. Dass sie das technische Know-how für ihre Arbeit mitbringt, stellen Kollegen wie Kunden immer wieder in Frage. Sich erklären muss sie sich aber vor allem zu ihrer Vorgehensweise, denn diese unterscheidet sich von der männlicher Kollegen. Die Reaktionen schwanken zwischen Missgunst, Bewunderung und sexuellen Avancen.

Offene Diskriminierung ist im Berufsalltag von Elisabeth Meidl zwar eine Ausnahme, doch sie ist schon vorgekommen. So unterstellte ihr ein Kollege einmal, ihrer Aufgabe nicht gewachsen zu sein und sprach ihr technisches Wissen ab: Begründung: „Frauen können das nicht.“ Als sie ihn mit ihren Leistungen überholte, diffamierte er sie öffentlich. Die Firma zog schließlich die Reißleine und trennte sich von ihm. Zum Glück ist das die Ausnahme für Meidl, die seit gut einem Jahr für ein Unternehmen im Vertrieb als technische Beraterin tätig ist. „Man muss definitiv mehr leisten als Frau um sich zu beweisen. Anders als bei den männlichen Kollegen stellen bei mir zum Beispiel erst einmal viele infrage, dass ich mich mit den Maschinen meiner Kunden auskenne.“ Meidl selbst macht neben ihrer Erfahrung in Gesprächsführung vor allem Fähigkeiten für ihren Erfolg verantwortlich, die sie bei Frauen für stärker ausgeprägt hält als bei Männern: Zuhören können und Einfühlungsvermögen. Zwar glaubt sie nicht, dass Frauen im Vertrieb unbedingt besser sind, ihre Herangehensweise sei aber eben eine andere – und der der Männer ebenbürtig.

Die deutsche Industrie könnte mit mehr Frauen besser bei innovativen Technologien sein. Denn reine Männerteams leiden nicht selten unter ihrem schroffen Umgang, weiß der Personalberater Georgios Papanikolaou. Der Spezialist für Technik-Persönlichkeiten bedauert den Mangel an weiblichen Mitarbeitern in Ingenieursberufen. Denn die Anwesenheit von Frauen bewirke nicht nur einen respektvolleren Ton in der Arbeitsumgebung, sondern auch einen größeren Blickwinkel für Aufgaben und damit kreativere Lösungen. Das hält der Personalberater vor allem in Hinblick auf die zukunftsweisende Technologien wie künstliche Intelligenz oder Robotik für unerlässlich. Er geht davon aus, dass ein größerer Anteil an Frauen die Industrie in Deutschland enorm nach vorne bringen könnte.

Für gemischte Teams spricht sich auch Kira Kastell, Vorsitzende des VDI-Netzwerks Frauen im Ingenieurberuf, aus: „Divers aufgestellte Mitarbeitende finden bessere Lösungen für komplexe Probleme als homogene Gruppen. Potenziale lassen sich am besten ausschöpfen, wenn sich eine Gruppe Frauen im Ingenieursberuf - Personalberater Georgios Papanikolaou im Gespräch mit einer Kandidatin wertschätzend verhält, unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder körperlichen Beeinträchtigungen.“

Die weibliche Herangehensweise ist ebenbürtig und wichtig, aber eines der vorherrschenden Glaubenssätze über Ingenieursberufe ist: Es gehe nur um analytisches Denken und Technikverständnis. Eine repräsentative Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC, für die mehr als 2000 Schüler und Studierende an deutschen (Hoch-)Schulen befragt wurden, belegt dies: Die Befragten nannten neben mangelndem Interesse und der Schwierigkeit der Ausbildung vor allem die fehlende Kreativität der Fächer (22 Prozent der Studierenden beziehungsweise 21 Prozent der Schüler) als Grund, sich gegen ein MINT-Fach zu entscheiden.

Personalberater Papanikolaou widerspricht dem Klischee: „Um als Ingenieur oder Informatiker innovativ zu sein, ist Kreativität enorm wichtig. Ideen und Lösungen entwickelt man nicht durch schematisches Denken oder Programmieren. Die Frauen in Entwicklungsteams bringen weibliche Perspektiven und Herangehensweisen mit, die vielleicht anders sind als männliche, aber absolut ebenbürtig.“ Gerade in Zeiten der rasanten Bewegungen bei neuen Technologien würde Papanikolaou gerne mehr Frauen für Ingenieurspositionen rekrutieren. Möglicherweise wird das leichter in Zukunft, denn 23 Prozent aller Studierenden, die im Wintersemester 2017/2018 in einem ingenieurwissenschaftlichen Fach eingeschrieben waren, sind weiblich. Ob die Ingenieur-Barbie eine Veränderung im Denken der kleinen Mädchen hervorrufen wird, bleibt abzuwarten – zumal es das Spielzeug nur ein Jahr lang auf dem Markt geben soll. (BSZ)

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