Beruf & Karriere

Schokoladen-Laden-Pionier Holger in’t Veld spricht bei einer „Fuckup Night“ über berufliche Fehlentscheidungen. (Foto: dpa/Britta Pedersen)

09.01.2021

Misserfolge feiern

Lektion für Erfolg: Bei sogenannten Fuckup Nights sprechen Unternehmer*innen über ihre beruflichen Niederlagen

Aus Fehlern wird man klug“, „Irren ist menschlich“ oder gar „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ – der Volksmund kennt viele Weisheiten, wenn es darum geht, Fehler zu machen oder sich auszuprobieren. Doch auch wenn es nur menschlich ist, sich auch mal zu irren, fällt es den meisten nicht leicht, dies einzugestehen. Insbesondere nicht offen vor anderen. Dabei kann eine wirklich gelebte Fehlerkultur nicht nur Innovationen ermöglichen, sondern Mitarbeiter*innen wie auch Vorgesetzte glücklicher machen.

Viele Führungskräfte sehen Fehler als Desaster an, das es unbedingt zu vermieden gilt. Besonders in Deutschland bevorzugen Unternehmen den sicheren Weg. Dabei verlangsamen Sicherheitsdenken und die Weigerung von Führungskräften, Verantwortung abzugeben, die Prozesse. Eine Null-Fehler-Toleranz nimmt ihnen die Möglichkeit, sich zu verbessern und neue Erkenntnisse schnell umzusetzen.

Nachvollziehbar ist sicherlich, dass Führungskräfte ungern Projekte scheitern sehen – in einigen Fällen kann dies Geld oder die Kundinnen und Kunden kosten – dennoch sollten sie bei Fehlern gelassen reagieren. Sie gehören zum Arbeitsalltag dazu und bieten eine Möglichkeit zur Verbesserung des Unternehmens. Wer keine Pannen aufdeckt, bleibt auf der Stelle stehen.

Das Scheitern annehmen

Ein Perspektivwechsel beinhaltet dabei nicht nur, Scheitern anzunehmen. Vielmehr geht es darum, den Misserfolg von der vermeintlich schuldigen Person zu entkoppeln und die Ursache für das Problem zu suchen. Denn wer als Vorgesetzter nicht angemessen auf Fehltritte reagiert, kann riskieren, dass Mitarbeiter*innen sich nicht ausprobieren, aus Angst davor zu scheitern und vor den negativen Reaktionen des Chefs. Doch in einer Welt, in der es immer wichtiger wird, schnell und flexibel auf Anforderungen zu reagieren, gilt es, diese Einstellung so schnell wie möglich zu ändern.

Eine Möglichkeit dazu liegt in den bereits seit einigen Jahren überall in Deutschland stattfindenden Fuckup Nights. Menschen erzählen hier einen Abend lang auf der Bühne vor Publikum, wie sie beruflich gescheitert sind und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen. Entstanden ist die Idee bereits im Jahr 2012 in Mexiko, als sich ein paar Freunde darüber austauschten, wie sie eine Bauchlandung erlitten hatten und dabei bemerkten, wie positiv dieser Austausch für sie war.

Weg vom Perfektionismus

Dabei zeigen diese Events nicht nur, welche Fehler andere begangen haben, die jeder in Zukunft vermeiden sollte. Vielmehr stehen sie für eine Änderung des Mindsets. Weg vom Perfektionismus und hin zu einer Sichtweise, bei der ein Fehlschlag auch ein Neuanfang sein kann. Wer ausblendet, dass Scheitern Teil des beruflichen Werdegangs sein kann, ignoriert auch, dass es ihm selbst zustoßen kann. Doch spätestens sobald tatsächlich ein Fehler passiert, wird klar, dass dieser Weg nicht der richtige sein kann. Als wichtig stellt sich jedoch heraus, sich vor Augen zu führen, dass eine berufliche Niederlage nicht das Ende der Karriere bedeutet. Fuckup Nights sollen daher verdeutlichen, dass es möglich ist, sowohl gestärkt aus Rückschlägen hervorzugehen als auch die eigenen Misserfolge ernst zu nehmen. Schließlich steckt in einem Fehler viel eher eine Lektion als in einem Erfolg. Doch das eigene Scheitern mit der Öffentlichkeit zu teilen, zeugt nicht nur von großem Mut, sondern bietet auch einen ungemeinen Mehrwert für andere.

In den USA und besonders im zukunftsweisenden Silicon Valley gehört diese Sichtweise bereits zum Arbeitsalltag dazu. Führungskräfte ermutigen ihre Mitarbeiter sich auszuprobieren. Wer dabei nicht weiterkommt, teilt seinen Misserfolg, damit alle daraus lernen können. Zwar erscheint eine solch gelebte Fehlerkultur durchaus Erfolg versprechend, jedoch passiert der Wandel nicht über Nacht und auch nicht in jedem Unternehmen gleichermaßen optimal. Während große, börsennotierte Unternehmen unter dem enormen Druck von Analysten stehen, hängen bei kleinen Firmen schlimmstenfalls Existenzen an Entscheidungen. Diesen Druck, der dabei entsteht, geben Vorgesetzte dann häufig an ihre Angestellten weiter, und die Gefahr für Unternehmen besteht, dass sie ihre besten Angestellten verlieren, da eine solche Arbeitsatmosphäre die gesamte Stimmung im Team beeinflusst.

Insbesondere Mitarbeiter der neuen Generation suchen heute nach einem Arbeitsumfeld, in dem sie Fehler machen dürfen und sich ausprobieren können. Sie streben aus intrinsischer Motivation eine Verbesserung für das Unternehmen an, weil sie selbst für ihre Arbeit brennt. Das bedeutet auch einen positiven Effekt für das Unternehmen.
(Mike Warmeling)
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