Beruf & Karriere

Nur rund jede zehnte Führungskraft im Top-Management der DAX-Unternehmen ist weiblich. (Foto: dpa)

30.11.2018

Vielfalt in der Führung? Von wegen

Der Anteil von Frauen in Chefpositionen verharrt in Deutschland auf niedrigem Niveau – häufig geht er sogar zurück

Vom neu konstituierten bayerischen Landtag bis zu den großen deutschen Konzernen: Frauen spielen bei Führungsaufgaben eine untergeordnete Rolle. Dies bringt nicht nur eine inakzeptable Missachtung von Grundlagen der Gleichstellung mit sich, sondern auch den Verlust wertvoller Potenziale und dringend benötigter Fähigkeiten.

Ein aktueller Bericht der deutsch-schwedischen AllBright-Stiftung zeigt, dass es anders geht: Weltweit sind demnach Frauen in verantwortungsvollen Führungspositionen auf dem Vormarsch. Deutschland bildet im Vergleich mit Frankreich, Großbritannien, Polen, den USA und Schweden allerdings das Schlusslicht, sofern beispielweise der Frauenanteil in den Vorständen der jeweils dreißig führenden Börsenunternehmen betrachtet wird. Nur etwa jede zehnte Führungskraft im Top-Management der DAX-Unternehmen ist weiblich.

Die Vermutung liegt nahe, dass das Verharren in patriarchalischen Strukturen durchaus einer Strategie folgt – sind doch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland eigentlich wie geschaffen für eine ausgeprägte Vielfalt in der Führung. Wäre eine systematische Benachteiligung von Frauen in den Chefetagen nicht bereits skandalös genug, mutet diese angesichts der ständigen Forderungen nach Veränderungen der Organisationskultur und steigendem Innovationsbedarf noch grotesker an. Schließlich bringen gemischte Führungsteams Unternehmen nicht nur kulturell weiter, sondern erleichtern vielfach auch den Zugang zu erfolgreichen, zukunftsorientierten Lösungen in den Geschäftsbereichen.

Quoten können zwar hilfreich sein, um die Lage zu verändern – eine grundlegende Verbesserung der Haltung in den Unternehmen und Organisationen lässt sich damit nur schwer erreichen. Genau darauf kommt es jedoch an, so die Führungsexpertin Birgit Schiche aus Hamburg, die seit Jahren Unternehmen und öffentliche Einrichtungen diesbezüglich berät und in Coaching-Prozessen Führungskräfte direkt begleitet. „Die Hürden liegen zum einen oftmals bei den Verantwortlichen auf den Führungsebenen, die lieber unter sich und im gewohnten Fahrwasser bleiben, als bei der Neubesetzung von Positionen vermeintliche Risiken einzugehen.

Sichtbarkeit und Wertschätzung als Schlüssel

Zum anderen stehen sich auch hochqualifizierte Frauen manchmal selbst im Weg, indem sie sich und ihre Leistungen zu wenig sichtbar machen und in den Verteilungsspielen nicht beherzt Chancen nutzen“, so Schiche mit Blick auf die eingefahrenen Muster, die für die ungleiche Verteilung von Karriereoptionen sorgen. Gerade der öffentliche Dienst hätte gute Voraussetzungen, um hier zu punkten – nicht zuletzt aus den genannten Gründen tut sich in der Praxis wenig.

Birgit Schiche rät zur konsequenten Ermutigung, statt mit einseitigen Fördermaßnahmen kurzlebig nachzuhelfen: „Instrumente wie die Führung auf Probe, die der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst/TVöD ermöglicht, bieten wunderbare Chancen, um vorhandene Potenziale besser entwickeln und nutzen zu können.“ Kommen erst einmal mehr Frauen in die Führungsrolle und werden Erfolgsbeispiele präsenter, gewinnt die Vielfalt in den Führungsteams fast automatisch an Dynamik, so die Erfahrung der Beraterin, die selbst einmal Führungsaufgaben im öffentlichen Sektor verantwortet hat und die Praxis sehr gut von verschiedenen Seiten kennt.

Welche Bilder eine Organisation prägen, lässt sich manchmal bereits in den Eingangsbereichen oder an den Flurwänden ablesen. Typischerweise sind es männliche Leistungsträger und Attribute, die Einfluss ausüben und für Werte stehen. Dies setzt sich bis in die Personalauswahl fort und zieht gewissermaßen einen Graben, den Frauen auf dem Weg in Führungspositionen nicht nur einmal, sondern im Berufsalltag ständig zu überwinden haben – sofern sie es denn bis in die exponierte Position schaffen sollten.

Bei den üblichen Machtspielen zählt dann nicht primär die Kompetenz, sondern die wahrgenommene Präsenz und das tragfähigere Netzwerk. Viele Frauen bringen hingegen mehr von dem mit, was gerade in Veränderungsphasen wie auch bei der Erprobung neuer Führungs- und Teamformen wertvoll ist. Zum Beispiel die Fähigkeit, auch andere Sichtweisen und Standpunkte gelten zu lassen und dabei ohne Imponiergehabe der eigenen Linie treu zu bleiben. Dabei gilt es, Ergebnisse und Erfolge zu zeigen und schnell in die Kommunikation mit unterschiedlichen Ebenen zu kommen. Das erleichtert gemischten Teams die nächsten Schritte und stabilisiert mehr als reine fachliche Brillanz.

Wenn Unternehmen und öffentliche Einrichtungen agiler werden müssen, wenn lineare Karrieren nicht mehr das prägende Ideal für Arbeitgeber und Mitarbeitende darstellen, können sich Mehrwert und Nutzen von Vielfalt in der Führung endlich richtig entfalten. Wer dies ernst nimmt und sich jetzt auf den Weg macht, hat die größten Chancen, um im zunehmenden Wettbewerb um Talente und Fachkräfte zu gewinnen. (Frank Beck)

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