Beruf & Karriere

Mal wieder nichts zu tun? Das Gefühl, ständig unterfordert zu sein, kann auch für Stress sorgen. (Foto: dpa/Jens Kalaene)

18.03.2022

Wenn Langeweile im Job krank macht

Unterfordert und gefrustet: Was Angestellte gegen Boreout in der Arbeit tun können

Eigentlich hört es sich so gut an: Einfach mal nichts tun während der Arbeitszeit, stundenlang im Internet surfen, statt von Meeting zu Meeting zu hetzen. Oder einfach nur ohne groß nachzudenken ein bisschen vor sich hinarbeiten und trotzdem gutes Geld dafür bekommen. Doch das schöne Bild trügt. Auf Dauer kann zu wenig Arbeit im Job ebenso negative Folgen haben wie zu viel Arbeit. Boreout heißt das Phänomen, abgeleitet aus dem Englischen „to be bored“ – gelangweilt sein. Betroffene fühlen sich ausgebrannt, kraftlos und leer. Denn auch das Gefühl, ständig unterfordert zu sein, kann für Stress sorgen. Erst recht, wenn man nach außen versucht, ausgelastet zu wirken. Dafür kann es zwei Motive geben: Entweder, man hat Sorge, sonst noch mehr langweilige Aufgaben aufgebürdet zu bekommen. Oder aber, man will nach außen demonstrieren, dass man mit immens bedeutenden Arbeiten beschäftigt ist.„Wer viel zu tun hat, ist wichtig. Wer nichts zu tun hat, ist es nicht. Hier geht es um ‘soziale Erwünschtheit‘“, sagt der Schweizer Gesundheitsfachmann Peter R. Werder, der mit Philippe Rothlin ein Buch zum Thema Unterfordert. Diagnose Boreout geschrieben hat.

Der Saarbrücker Wirtschaftspsychologe Andreas Hemsing sieht das ähnlich: „Wenn ich nichts tue, was eine Bedeutung hat, habe ich auch keine Bedeutung.“ Das Bedürfnis, Leistung zu bringen, sei bei vielen durchaus groß. Der Umkehrschluss „Wenn du keine Leistung bringst, verlierst du deinen Platz in der Gesellschaft“, habe durchaus Auswirkungen auf die Gesundheit. „Es ist seit etlichen Jahren klar, dass inhaltliche Leere Menschen emotional schädigt“, sagt Hemsing. Die Betroffenen fühlen sich nicht nur gelangweilt und desinteressiert, sondern auch unzufrieden, frustriert ungenervt.Und das nicht nur tagsüber während der wenig ausfüllenden Arbeit. „Seinen wirklich fiesen Charakter zeigt der Boreout nach Feierabend“, so Werder. Weil sich die Symptome nicht auf Knopfdruck abstellen lassen, wenn man das Büro verlässt. Und weil man sich gar nicht bewusst darüber ist, dass das Unwohlsein am Abend, die Lustlosigkeit, Gereiztheit, Müdigkeit und Introvertiertheit einen Bezug zur Arbeit haben könnten.

„Viele, die darunter leiden, kündigen irgendwann innerlich und entwickeln so etwas wie eine resignative Arbeitszufriedenheit“, sagt Dirk Windemuth, Direktor des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) in Dresden. Das heißt, sie wissen zwar, dass ihre Tätigkeit eigentlich Mist ist, sagen sich selbst jedoch: „Es ist okay hier! Ich habe keine Probleme, ich bekomme regelmäßig Urlaub und verdiene ganz gutes Geld.“ Letztendlich sei dies jedoch Selbstbetrug, der auf Dauer nicht funktioniert. Besser und wichtiger, als sich die Arbeit schön zu reden, sei es, die Arbeit selbst und die Quelle von Beeinträchtigungen zu verändern. Und das geht nicht ohne Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und Kommunikation gegenüber seinem Arbeitgeber: „Ansprechen, intern wechseln, Weiterbildung machen oder kündigen. Das sind die Möglichkeiten – und keine davon ist sehr einfach“, sagt Werder. Zumal man die vertraute Tätigkeit oft schon lange Zeit ausgeführt hat, bevor man sich dem Boreout bewusst wird und die Konsequenzen zieht. „Meistens ist man schon zu spät dran, wenn man mit seinem Chef redet. Dann kann man höchstens in die Zukunft sprechen.“

Auf Dauer funktioniert der Selbstbetrug nicht

Das heißt: sich nicht beschweren, dass man seit Ewigkeiten einen zu monotonen Job oder zu wenig Arbeit hat. Lieber formuliert man Wünsche wie: „Ich würde gerne ab und zu auch etwas anderes erledigen, dafür bräuchte ich eine Weiterbildung.“ Oder: „Ich würde gerne bei der Firma bleiben, aber kann ich mal in einer anderen Abteilung arbeiten?“ Laut Windemuth kann auch eine Art Job-Rotation helfen, während der Beschäftigte die Tätigkeiten im Stunden- oder Tagestakt wechselt. Oder aber, Beschäftigte bemühen sich, ihre Arbeitsaufgaben anzureichern. Denkbar ist etwa, auch Tätigkeiten zu übernehmen, die im Arbeitsprozess vor oder nach der eigentlichen Aufgabe stehen. Andreas Hemsing rät, zu versuchen, die emotionale Bedeutung von Arbeit zu reduzieren. Sprich: Ich suche mir etwas in meinem Leben, das mir mehr Begeisterung verschafft. „Um die Monotonie auszugleichen und mein Selbstwertgefühl aus etwas anderem zu nähren als aus meiner Arbeitstätigkeit.“ Das kann ein Hobby sein, Aktivitäten wie Sprachenlernen, Reisen oder Sport oder auch ein Ehrenamt. Dass die Corona-Pandemie das Phänomen Boreout verstärkt, glauben die Experten nicht. „Seine Arbeit eigenständig planen und einteilen zu können, gilt als Prävention gegen Monotonie“, sagt Dirk Windemuth. Daher könne es im Homeoffice helfen, zwischendurch mal die Waschmaschine anzustellen oder mit dem Hund zu gehen.

Und anders als im Großraumbüro fällt häufig auch der Druck bei der Außendarstellung weg, sagt Peter Werder: „Im Homeoffice ist ja niemand, dem man beweisen muss, dass man viel arbeitet.“ Boreout ist als Krankheit oder Diagnose nicht von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannt, so Windemuth. Burnout dagegen wird von der WHO mittlerweile als möglicher Faktor für Gesundheitsschäden eingestuft. Auch unter Boreout könnten Betroffene aber stark leiden. Das zeige auch der etwa alle fünf Jahre erhobene „Stressreport Deutschland“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). „Über alle Branchen hinweg ist eine monotone Tätigkeit tatsächlich das fünfthäufigste Problem im Bereich der psychischen Belastung“, so Windemuth. Der Anteil sei allerdings im Zeitraum von 2006 bis 2020 leicht gesunken. Wissenschaftlich seriöse Daten zu diesem Aspekt speziell zu Zeiten der Corona-Pandemie gibt es aber laut Windemuth noch nicht. (dpa)

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