Beruf & Karriere

Über 60 Unternehmen zeigen Interesse am neuen Beruf Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce. (Foto: dpa)

26.01.2018

Wie ein neuer Ausbildungsberuf entsteht

Zehn Jahre von der Idee bis zur Umsetzung: Kaufmann/-frau im E-Commerce

Es war ein langer Weg, den die beiden gemeinsam gegangen sind, Max-Josef Weismeier, Ausbildungsleiter der Baur-Gruppe und Fred Wunder, Ausbildungsberater der IHK für Oberfranken Bayreuth. Ihr Ziel: Die Schaffung eines neuen Ausbildungsberufes.

Die Arbeitswelt verändert sich kontinuierlich. Berufe sterben aus, müssen an die aktuellen Rahmenbedingungen angepasst werden oder entstehen ganz neu. Schließlich entwickeln sich auch die Aufgaben- und Tätigkeitsprofile weiter, was die Anforderungen an die Mitarbeiter verändert. Immer wieder werden deshalb neue Ausbildungsberufe geschaffen. 328 anerkannte Ausbildungsberufe sind es seit 13. Dezember 2017.

Um einen neuen Ausbildungsberuf zu schaffen, muss zunächst einmal nachgewiesen werden, dass ein entsprechender Qualifikationsbedarf in der Wirtschaft besteht. Ein solcher Beruf entsteht in einem mehrstufigen Verfahren, in das Unternehmen, Kammern, Verbände, Gewerkschaften, Bund und Länder sowie das Bundesinstitut für Berufsbildung einbezogen sind. Eine Vielzahl von Schritten, Abstimmungsprozessen und Prüfungen sind erforderlich, bevor Unternehmen im entsprechenden Ausbildungsberuf ausbilden können.

Es gibt 328 anerkannte Ausbildungsberufe

Auf die Frage, was leichter sei, eine Tiefkühltruhe in den Norden Grönlands zu verkaufen oder einen neuen Ausbildungsberuf zu etablieren, lacht Weismeier. Gut zehn Jahre hat sich Weismeier zusammen mit vielen anderen für die Schaffung des neuen Ausbildungsberufes „Kaufmann im E-Commerce“ eingesetzt. Auch wenn der Vorlauf bis zur Genehmigung zur Schaffung des neuen Berufsbildes lange war, erfolgte die Umsetzung dank der sehr zielorientierten und konstruktiven Zusammenarbeit aller Beteiligten in Rekordzeit.

„Im Versandhandel wurden über viele Jahrzehnte hinweg klassischerweise Kaufleute im Groß- und Außenhandel ausgebildet. Die dort vermittelten Qualifikationen haben aber die Anforderungen im Versandhandel nie komplett abgedeckt, zumal es sich bei einem Versandhaus ja um ein Einzelhandelsunternehmen handelt. Wir haben unsere Azubis über eigene Programme entsprechend weiterqualifiziert“, so der Baur-Ausbildungsleiter. Dass trotzdem nie ein entsprechender Ausbildungsberuf entstanden ist, lag daran, dass sich die Ausbildung auf wenige Unternehmen und Standorte konzentriert hätte. Hinzu kommt, dass sich bei „Splitterberufen“ der Berufsschulunterricht sehr schwierig gestaltet, da entsprechende Klassengrößen benötigt werden. „In der Regel ein k.o.-Kriterium, da bei solchen Berufen ein wohnortnaher Berufsschulunterricht nicht möglich ist“, so Bernd Rehorz, Leiter der Beruflichen Bildung bei der IHK.

Inzwischen haben sich die Rahmenbedingungen komplett geändert. Aus den klassischen Versandhäusern sind längst Online-Handelsunternehmen geworden. Der Ausbildungsberuf „Kaufmann im Groß- und Außenhandel“ deckt das Tätigkeitsgebiet der Mitarbeiter bei Baur und anderen Online-Händlern weniger ab denn je. Die Unternehmen suchen Mitarbeiter, die einerseits Freude am Verkaufen und Vermarkten haben, aber auch Interesse an betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen, mit Daten und Zahlen umgehen können, aber auch die Kommunikation in Wort und Schrift beherrschen. Jetzt musste „nur“ noch der entsprechende Ausbildungsberuf geschaffen werden.

„Schon im Jahr 2007 mussten wir feststellen, dass theoretische und praktische Ausbildungsinhalte unserer kaufmännischen Azubis immer weiter auseinanderdriften und ein neues Berufsbild notwendig ist“, so Weismeier. „Als sich trotz unserer punktuellen Anstöße bei Politik und Verbänden nichts bewegte, beschlossen wir zusammen mit der IHK für Oberfranken Bayreuth eine strategische Vorgehensweise. Es war sehr schnell klar, dass das kein leichtes Unterfangen sein wird, weil viele Akteure überzeugt werden müssen.“ Er lobt die IHK für Oberfranken Bayreuth, die die Idee von Anfang an unterstützt hat. Wunder gibt das Lob zurück: „Entscheidend war, dass Baur zügig ein umfassendes Anforderungsprofil erstellen konnte.“

„Unsere Azubis haben im Rahmen eines Azubi-Projektes sämtliche Fertigkeiten, die von ihnen gefordert werden, gesammelt, strukturiert und nach Wichtigkeit bewertet und überzeugend aufbereitet. So entstand letztendlich das Anforderungsprofil für die neue Ausbildungsordnung“, so Weismeier: „Also aus der Praxis für die Praxis.“ Besonders stolz ist er darauf, dass seine Azubis für diese Leistung 2015 mit dem Personalmanagement Award des Bundesverbandes der Personalmanager ausgezeichnet wurden, der das Ziel hat, innovative Personalarbeit sichtbar zu machen.

Dank der Unterstützung von wichtigen Mitstreitern auf Verbands- und Unternehmensebene, aber auch durch den DIHK und die IHK für Oberfranken Bayreuth, konnte letztendlich die Schaffung eines neuen Ausbildungsberufes anstoßen werden. Der neue Ausbildungsberuf ist so konzipiert, dass nicht nur Handelsunternehmen, sondern auch Dienstleister oder Industrieunternehmen mit Direktvertrieb ihre E-Commerce-Nachwuchskräfte selbst ausbilden können. Weismeier: „Ich bin froh, dass es gelungen ist, einen passgenauen Ausbildungsberuf zu entwickeln, so kann der Nachwuchs einer Wachstumsbranche künftig systematischer und qualifizierter auf eine Karriere im Online-Handel vorbereitet werden.“

Nun ist es endlich soweit, ab dem Ausbildungsjahr 2018/2019 können Unternehmen auch im Beruf „Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce“ ausbilden. Die Firma Baur will mit fünf Auszubildenden starten. Wunschlos glücklich wäre Weismeier, wenn die entsprechende Klasse in der Berufsschule Lichtenfels eingerichtet wird, aber auf jeden Fall in Oberfranken.

„Ein Beruf, der in Oberfranken für etliche Unternehmen interessant sein dürfte“, so Rehorz. „Deshalb veranstaltet die IHK auch drei Informationsveranstaltungen für interessierte Ausbildungsbetriebe.“ Über 60 Unternehmen zeigen bereits Interesse am neuen Ausbildungsberuf und haben sich für die drei Informationsveranstaltungen der IHK angemeldet. (Peter Belina)

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