Beruf & Karriere

Herz und Verstand sind wichtig – aber eben auch gefühlsgetrieben und voller Stereotype. (Foto: dpa)

01.06.2018

Wo das Bauchgefühl seine Grenze erreicht

Heute gilt es als modern, Entscheidungen möglichst intuitiv zu treffen – im beruflichen Alltag kann das auch Nachteile haben

In Zeiten von Big Data und unzähligen wissenschaftlich mehr oder weniger fundierten Anleitungen zur effizienten Entscheidungsfindung wird der Ruf lauter, sich wieder auf das Bauchgefühl und den gesunden Menschenverstand zu verlassen. Doch dabei sollte man die Tücken der eigenen Befindlichkeiten nicht außer Acht lassen.

Ein sprichwörtlicher Augenblick genügt, um sich ein Bild von einem anderen Menschen zu machen. Die eigene Psyche unterscheidet dabei nicht, ob es um berufliche oder private Kontakte geht. Selbst wenn der oder die andere nur mittels eines Films beobachtet werden kann, werden einer Person sehr schnell und ganz automatisch bestimmte Eigenschaften, Kompetenzen und Charakterzüge unterstellt.

Bei Experimenten mit Studierenden, die anhand der Aufzeichnung von Lehrveranstaltungen die Qualität der Professoren beurteilen sollten, reichten bereits Sekundenbruchteile, um eine entsprechende Einschätzung zu treffen – die dann in den meisten Fällen auch nach einer längeren Betrachtungsphase beibehalten wurde. Häufig geht es insofern nicht mehr darum, ein differenzierteres Bild von der Person zu gewinnen, sondern die eigene Ersteinschätzung anhand von weiteren Beobachtungen zu bestätigen. Unbewusste Entscheidungen werden rational begründet, dies scheint ein weit verbreitetes Phänomen zu sein. Dabei kann man mit der intuitiven Bewertung einer Person oder einer Situation völlig richtig liegen – oder auch ziemlich daneben, was dem eigenen Beharrungsvermögen nicht zwangsläufig entgegenwirken muss.

 Experten sprechen in diesem Zusammenhang von kognitiven Verzerrungen wie beispielsweise dem sogenannten Halo-Effekt, dem Nobelpreisträger Daniel Kahneman zu einiger Bekanntheit verholfen hat. Menschen schließen dabei von Eigenschaften, die sie bei einer Person wahrnehmen, auf weitere Eigenschaften, für deren Ausprägung sie eigentlich keine Hinweise haben. Grundlage dafür sind generelle Sympathien oder ablehnende Haltungen bestimmten Charakteren gegenüber, die unbewusst, gewissermaßen als Schablone, auf die unbekannte Person projiziert werden. Dies funktioniert mit positiven Eigenschaften – daher die Bezeichnung „Halo“, englisch für „Heiligenschein“ – ebenso wie mit einem negativen Gesamtbild.

Kahneman prägte im Rahmen seiner Forschungsarbeiten zusammen mit Amos Tversky das Bild vom „schnellen Denken“, das vor allem gefühlsgetrieben ist und gerne auf Stereotypen zurückgreift – und damit eben auch äußerlich unbegründete Wahrnehmungen begünstigt. Dem gegenüber funktioniert nach seiner Theorie das „langsame Denken“ eher analytisch und ist von spontanen Eingebungen und Eindrücken weniger beeinflusst.

Intuition bezieht sich immer auf die eigene Wirklichkeit

Um der Qualität von intuitiven Entscheidungen besser auf die Spur zu kommen, lohnt ein Blick darauf, wie Experten die entsprechenden Zusammenhänge sehen. „Intuition ist ein gefühltes Wissen, das plötzlich ins Bewusstsein gelangt, dessen tiefere Gründe man selbst nicht kennt und das dennoch stark genug ist, um uns zum Handeln zu bewegen“, so Professor Gerd Gigerenzer, einer der bedeutendsten Forscher rund um das Phänomen der Intuition und derzeit Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Eine seiner zahlreichen Veröffentlichungen trägt den Titel: Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. Ein schönes Bild, das die Zweideutigkeit von rationalem und unbewusstem Handeln ausleuchtet. Sinn machen beide Ebenen zusammen – wirklich gute und zufriedenstellende Entscheidungen beziehen die bewussten, kognitiven Erfahrungen genauso ein wie die Eindrücke und Gefühle, die sich direkt aus dem Bauch heraus entwickeln. Sagt das Bauchgefühl spontan „Ja“, kann es nicht schaden, einen möglichst neutralen Blick auf die Fakten zu werfen oder sich, je nach Tragweite einer Entscheidung, mit einer anderen Person objektiv auszutauschen. Umgekehrt gewinnt ein „schwarzes“ Bauchgefühl vielleicht an Farben, wenn sachliche Informationen den Blick etwas weiten. Auf was man letztlich hört, bleibt jeder Person selbst überlassen und ist sicherlich der Abwägung im Einzelfall geschuldet.

Geht es um berufliche Weichenstellungen oder die Einstellung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ist es besonders ratsam, schnelles und langsames Denken einfließen zu lassen. Wer seine Auswahl zu sehr an Daten und Fakten orientiert, läuft Gefahr, den Menschen dahinter als Abbild der Sachlage zu sehen und nicht umgekehrt. Die möglichen Folgen kennen alle, die schon einmal Personen in einem Team erlebt haben, die überhaupt nicht „miteinander können“. Und das, obwohl die Qualifikationen und Kompetenzen sich doch perfekt ergänzen müssten. Disziplinen wie die Personaldiagnostik bieten Verfahren an, die bei der objektiven Einschätzung wertvolle Dienste leisten können. Auf das Bauchgefühl der Beteiligten sollte man parallel immer hören – und sich trauen, diesem bei Bedarf auch mal eine laute Stimme zu geben. (Frank Beck)

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