Reisen

Lore führt die Kinder der historischen Kinderzeche an. (Foto: Ingrid Wenzel)

03.07.2019

Kinder retten eine Stadt

Altes Handwerk und Brauchtum werden in Feuchtwangen und Dinkelsbühl hochgehalten

Das Ambiente könnte stimmungsvoller kaum sein: Wir stehen im Kreuzgang der Stiftskirche von Feuchtwangen. Sommerzeit ist in der 12 000 Einwohner-Stadt auch Festspielzeit. Bei den Kreuzgang-spielen werden auch Klassiker der Weltliteratur gezeigt. Heuer stehen Die Geierwally und Räuber Hotzenplotz auf dem Programm. Zum Schauspiel gesellt sich auch Musik – unter der künstlerischen Leitung von Christiane Karg. Mit der in Feuchtwangen geborenen Sopranistin, die selbst in den weltbesten Opernhäusern auftritt, findet die Konzertreihe „Kunstklang“ statt.

Zuckerbäcker und Weber

Im Festflügel der Stiftsanlage zeigen die „Handwerksstuben“ original erhaltene Arbeitsräume, die Einblick in heute teils ausgestorbene Berufe wie Zuckerbäcker, Blaufärber, Töpfer, Zinngießer, Schuhmacher oder Weber geben. Die Sammlung wurde in den 1930er-Jahren aus dem Nachlass eines Handwerkers zusammengestellt.
Der Beruf des Zuckerbäckers habe sich im späten Mittelalter aus dem Brotbäcker heraus entwickelt, erklärt unsere Führerin Sabine: „Brotwaren wurden damals mit edlen Gewürzen wie Nelken und Anis sowie teilweise auch mit Honig verfeinert.“ Dann nimmt sie eine alte, aber noch funktionsfähige Gewürzmühle in die Hand. Beim Drehen hört man, wie ein Stein auf einem anderen schleift: „So hat man damals Gewürze feingemahlen.“

Dann liest Sabine aus dem Originalzeugnis, das ein Färbermeister im Jahr 1895 einem Lehrling ausgestellt hat. „Ich muss bestätigen, dass sein ganzes Benehmen auf eine nur gute Erziehung schließen lässt. Er war fleißig, treu, sittlich, gutwillig und pünktlich in der Ausführung der ihm übertragenen Beschäftigung.“ Das enspräche heute einer glatten Schulnote eins, erklärt schmunzelt Sabine.

Ab dem 12. Jahrhundert entwickelten sich die Zünfte, in denen die Handwerker zunehmend vereint waren. „Wenn Handwerker auf der Walz für einige Monate eine Anstellung suchten, wurden sie bei Zünften vorstellig“, erklärt Susanne Klemm, Leiterin des Fränkischen Museums in Feuchtwangen. „Die Zünfte hatten die Aufgabe, die Überlebenschancen der Handwerker abzusichern. Aus den Zünften heraus bildete sich auch ein reges Brauchtum, das zum Teil noch heute erhalten ist.“

Im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim wurden alte Häuser aus der Region originalgetreu wieder aufgebaut. Sie geben Zeugnis, wie man früher im ländlichen Franken gelebt hat. In den kombinierten Wohn/Stallgebäuden der damaligen Zeit ist noch heute der Geruch von Tieren zu spüren. Und wo geheizt wurde, riecht man auch das heute noch. Bei Vorführungen im Museum zeigen Steinmetze, Schmiede oder Zimmerer, was sie handwerklich drauf haben.

Wir fahren weiter nach Dinkelsbühl. Die Kreisstadt im mittelfränkischen Landkreis Ansbach zählt ebenfalls knapp 12 000 Einwohner. Neben einer malerischen Altstadt, in der gut drei Viertel der Häuser mehr als 350 Jahre alt sind, lockt Dinkelsbühl vor allem mit der Kinderzeche. „Sie beruht zum einen auf der Schulzeche der Lateinschüler, die sich im 17. Jahrhundert entwickelte. Am Ende eines Schuljahrs zogen Schüler und Lehrer bei einem Landausflug in eine Dorfwirtschaft und wurden dort verköstigt“, erklärt Stadtführerin Ingrid Metzner.

Farbenprächtiger Umzug

Neben der Schulzeche entstand Ende des 19. Jahrhunderts die historische Kinderzeche, welche die Stadt über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt machte. Zentrale Rolle spielt dabei ein Mädchen namens Lore. Die Tochter des städtischen Turmwächters sammelte bei der Belagerung Dinkelsbühls durch die Schweden während des Dreißigjährigen Kriegs Kinder der Stadt um sich und bat den Heerführer der Belagerer um Gnade für die Stadt, um der Kinder Willen. So bewahrte sie die Stadt vor der Plünderung.

Das wird heute noch jedes Jahr gefeiert. Höhepunkt der Festwoche im Juli ist ein farbenprächtiger Umzug. Rund 1200 Teilnehmer in historischen Soldatenuniformen stellen das Geschehen während der Belagerung in den Gassen der Altstadt noch einmal eindrucksvoll nach. Auch das „historische Festpiel“ von Ludwig Stark wird bei der Festwoche regelmäßig aufgeführt.

Wenn von Franken die Rede ist, dann darf in der Gastronomie die fränkische Bratwurst nicht fehlen. Wer sie aus Nürnberg kennt, mag in Feuchtwangen oder Dinkelsbühl etwas überrascht sein. „Bei uns ist die fränkische Bratwurst dicker und auch etwas schmackhafter als in Nürnberg“, schwärmt Eva-Maria aus Feuchtwangen. Und tatsächlich mundete unsere „Feuchtwanger Fränkische“ hervorragend. Darüber hinaus ist zu sagen, das ist eine Region, die man kennenlernen sollte. (Gerhard Deutschmann)

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