Freizeit und Reise

Die mächtigen Wachtürme von La Rochelle. (Foto: Farid Makhlouf)

11.08.2026

Natur, Meer und Geschichte

Die große Vielfalt der französischen Atlantikküste entdecken

Das Médoc ist ein Land zwischen der breiten ruhig dahinströmenden Gironde im Osten und dem offenen, oft wilden Atlantik im Westen. Die ausgeprägte, Europas breiteste Flussmündung, die Süßwasser mit salzigem Meerwassser verbindet, wird Ästuar genannt. Hier treffen Wasser und Wald, Weinberge und Dünen, Eleganz und Ursprünglichkeit aufeinander.

Neben der Weinwelt und klassizistischen Schlössern existiert ein weites, stilles Land mit lichten Kiefernwäldern, Sümpfen, Seen und Wasserläufen. Das Naturschutzgebiet zwischen Lacanu und Carcans, eine Lagunenlandschaft mit Feuchtwiesen und Wäldern, bietet Fischadlern sowie zahlreichen Zugvögeln Platz und ist besonders beliebt bei Wanderern und Radfahrern.
In Lacanau, in der Region Nouvelle-Aquitaine, gibt natürlich das Meer den Ton an. Wind und Wasser lassen im rhythmischen Takt die Schaumkronen der Gischt im Sand verlaufen. Für Wasserratten, Surfer, und Sonnenanbeter bietet hier die Atlantikküste die besten Voraussetzungen, um aktiv zu sein oder im goldenen Sand, die Sonne zu genießen.

Von der Holzterrasse des Strandrestaurants Le Kayoc beobachen wir das bunte Treiben. Dabei genießen wir die Spezialtäten wie frische Muscheln oder die Fischsuppe. Meer, Strand, Sonne und blauer Himmel vermitteln sommerliche Leichtigkeit. Und die salzige Luft des Ozeans erfrischt bei jedem Atemzug.

Verschluckt vom Sand

Nach einer Fahrt durch die nahegelegenen Kiefernwälder, die im 19. Jahrhundert künstlich angelegt wurden, um die starke Erosion des sandigen Bodens zu verhindern, führt unser Weg in das Städtchen Soulac-sur Mer, das westlich der Gironde Mündung liegt.

Dass hier der Wind von beiden Seiten besonders stark bläst, hat über die Zeit schon starke Verwüstung gebracht. Der Sand hat Teile der Stadt im Laufe der Jahrhunderte verschluckt. Dazu zählt auch die romanische Kirche Notre-Dame de la Fin des Terres aus dem 12. Jahrhundert. Einst war sie am Ende der Welt, eine bedeutende Station auf dem Jakobsweg und wurde dann über die Jahrhunderte hinweg vom Sand begraben. Heute ist sie UNESCO-Weltkulturerbe und ein Symbol für Beständigkeit in einer sich ständig verändernden Landschaft.

Über allem wachen die Leuchtürme des Médoc. Sie sind steinerne Zeugen der Seefahrtsgeschichte. Beim Leuchtturm Richard wartet Jean Marie Calbet auf uns. Er betreut das aus dem Jahr 1846 stammende historische Seezeichen, das den Schiffen den Weg wies. „Früher sicherte der Turm einen Teil der Gironde. Er diente der Navigation in den tückischen Gewässern der Flussmündung, wo Strömungen, Sandbänke und Nebel die Schiffe in Gefahr brachten“, erklärt er, während wir die 63 Stufen nach oben steigen und von dort die immense Weite der Gironde überblicken, der größten Flussmündung Europas.

Hier bläst der Wind schon ganz tüchtig und es ist nicht schwer, sich vorzustellen wenn die Naturmächte bei Wind und Wetter um die schmale Landzunge toben. Trotz der Naturgewalten konnte sich die Fischertradition entwickeln. „Früher fuhr man in kleinen Booten hinaus, um Sardinen, Aal oder Seebarsch zu fangen“, berichtet Jean Marie. „Heute ist die Fischerei technischer geworden. Aber es wird nur das gefangen, was das Meer erlaubt.“ Dann führt uns Calbet zu den Fischerhütten, die auf hölzernen Stelzenkonstruktionen (Carrelets) stehen. Mit Senknetzen und mittels einer Winde werden so Aale, Garnelen und Neunauge gefischt.

Der Leuchtturm von Grave, den Jean Marie ebenfalls betreut, markiert den Übergang vom Fluss zum offenen Meer. „Er steht für die Zeit, in dem Navigation noch von Sternen und Karten geprägt war“, erklärt Jean Marie. Er führt uns durch die gut bestückte Ausstellung und weist dabei hin-aus aufs offene Meer, wo der König der Leuchttürme Phare du Cordouan seit 1611 mitten im Meer steht.

Direkt an der Mündung der Gironde entdecken wir das älteste Weingut des Medoc, Chateau Loudenne. Wie ein Dornröschenschloss liegt das rosafarbene Anwesen aus dem 17. Jahrhundert eingebettet in einem prächtig angelegten Garten und 62 Hektar Rebenfläche. Zum Angebot des Weinguts gehört neben einem Besuch des viktorianischen Weinkellers aus dem 19. Jahrhundert mit Weinverkostung auch ein Picknick im Park und eine Bootstour auf der Gironde.

Das verlockende Angebot wollen wir uns nicht entgehen lassen und beginnen mit dem Rundgang durch den Weinkeller. Hier erfahren wir über die Vorteile, die die Lage am Fluss mit sich bringt, nämlich Schutz vor Frost im Frühjahr, kühlere Sommer und einen milden Herbst. Der Guide erklärt uns, dass die Geschmacksnuacen der Rotweine Cabernet Sauvignon sowie Merlot kraftvoll sind und die Weißweine Savignon Blanc oder Sémillon eine fruchtig frische Note haben.

Mit einem Korb voller köstlicher Pasteten, Früchten, Käse und natürlich Weinen aus dem Chateau Keller genießen wir die frische Prise am Fluss und die einmalige Atmosphäre der märchenhaften Parklandschaft. Ein anschließender Bootstrip an die Gironde Mündung rundet den Besuch im historischen Weingut ab.

Auf der Ile d’Oléron, die mit einer Brücke zum Festland verbunden ist, geht es eher rustikal und einfach zu. Auf der zweitgrößten Insel Frankreichs dreht sich alles um die Zucht und den Verkauf von Austern, Langusten und Muscheln. Und in den Salzgärten (Marais salants) zeigen die Salzbauern, wie das weiße Gold gewonnen wird, das dann in den Marktbuden als Mehrsalz, Fleur de Sel oder Gewürzsalz verkauft wird.

In einem provisorisch gebauten Lokal geht es um die Mittagszeit richtig rund. Es gilt Qualität statt Inszenierung. Hier serviert man Moules frites, Austern mit Zitrone und Schalotten, Fischsuppe mit geriebenem Käse und gegrillten Fisch. Alles kommt frisch direkt aus dem Meer und schmeckt prima. Die Inselspezialität nennt sich „Eclade“, damit sind die Bouchot Muscheln gemeint, die auf einem Holzbrett kreisförmig geschichtet und mit Tannen- oder Piniennadeln angezündet und geräuchert werden. Das besondere an dieser Zubereitung ist hier das ganz speziell holzige und salzige Aroma, das in der Kombination mit Knoblauchbrot und einem Glas Weißwein, voll den Geschmack der anwesenden Besucher trifft. Denn das Personal ist unermüdlich dabei, die fertig geräucherten Muschelplatten an die Tische zu tragen.

Nach einem Besuch der Salzfelder im Naturschutzgebiet, beenden wir unseren Inselrundgang. Wieder einmal haben wir viel Neues über das Meer und seine schmackhaften Produkte erfahren.
Das Médoc ist keine laute Region. Seine Schönheit erschließt sich in Übergängen: Vom Weinberg zum Wald, von Wiesen zu den Lagunen und vom Fluss zum Meer.

Wuchtige Wehrtürme

Bei dieser Tour entlang der Atlantikküste darf La Rochelle nicht fehlen. Die einst so mächtige Hafenstadt mit den drei wuchtigen Wehrtürmen, die die Hafeneinfahrt bewachen, erzählen vom Mittelalter. Gegründet im 10. Jahrhundert entwickelte sich La Rochelle zu einem bedeutenden Handelsplatz. Salz, Wein und Produkte aus der Neuen Welt brachten den Wohlstand. Im 16. Jahrhundert wurde die Stadt zur Hochburg der Hugenotten. Doch politische Auseinadersetzungen unter Ludwig XIII. führten zur Belagerung der Hafenstadt. Massive Dammkonstruktionen schnitten La Rochelle vom Meer ab, Hunger und Seuchen dezimierten die Bevölkerung, bis die Hafenstadt kapitulierte und dabei seine Autonomie verlor.

Im 17. und 18. Jahrhundert erfuhr die Hafenstadt erneut eine Blütezeit. Stolze Bürgerhäuser mit eleganten Fassaden, Arkadengänge entlang der Straßen und das Renaissance Rathaus mit seiner repräsentativen Eleganz und seinem opulenten Fassadenschmuck zeugen vom Stolz der einst unabhängigen Stadtrepublik.

Und die Stadt atmet noch heute authentischen, mittelalterlichen Charme. Die hellen Kalksteinfassaden reflektieren das Atlantiklicht. Und im Alten Hafen liegen heute stolze Segelboote und Yachten. Salzige Luft und der Blick aufs offene Meer verleihen dem Ort seine maritime Leichtigkeit.

Zeugnis einer machtvollen Zeit vermitteln auch die Herzöge der Bretagne. Wir besuchen in Nantes das Chateau des ducs de Bretagne. Der Bau wurde im 13. Jahrhundert begonnen und zwei Jahrhunderte später unter Herzog Franz II. und seiner Tocher Anne de Bretagne ausgebaut. Die Anlage verbindet mit seinen mächtigen Mauern mittelaltlerliche Wehrhaftigkeit. Der Wassergraben, die sieben Türme und ein elegantes Wohngebäude sind im Stil der Spätgotik und beginnenden Reanissance gestaltet.

So unterschiedlich die Erscheinungsbilder der beiden Städte auch sind, erzählen La Rochelle und Nantes doch eine gemeinsame Geschichte vom Leben am Wasser, von Handel, Macht und kultureller Blüte. Während in La Rochelle der Alte Hafen maritime Leichtigkeit ausstrahlt, zeugt in Nantes das Château des ducs de Bretagne von politischer Stärke und herzoglicher Tradition. Beide Städte verbinden auf ihre eigene Weise mittelalterliches Erbe mit lebendiger Gegenwart. (Eva-Maria Mayring)
 

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