Freizeit und Reise

Der Wald liegt im Herbst nicht selten im Nebel und hat etwas märchenhaftes. (Foto: Melanie Bäumel-Schachtner)

02.11.2022

Verhüllte Geheimnisse

Auf Schusters Rappen unterwegs im Gebiet des Geißkopfs

Der Geißkopf zeigt sich nicht. Er verhüllt sein Antlitz. Weiße Nebelschwaden umschmeicheln sein grünes Gesicht. Dabei hätte der 1097 Meter hohe Berg im Landkreis Regen gar keinen Grund sich zu verstecken. Denn er kann viel. Er kann modern und verwunschen. Er kann Sport und Meditation. Er kann Hightech und tief verwurzelten Glauben. Wer durch den dichten Herbstnebel ein wenig genauer hinschaut, der sieht, dass der Berg nicht nur ein Gesicht hat, sondern viele.

In einer Endlosschleife erhebt sich der Sessellift mit dem roten Kunstlederbezug auf den Geißkopf für diejenigen, die ganz bequem auf den Berg möchten – im Winter mit Skiern und Rodel, im Sommer mit Mountainbikes oder Wanderschuhen an den Füßen. Der neue Lift, den die Familie von Poschinger-Bray gebaut hat, verliert sich heute im Nebel. Die Sechsergondeln scheinen ins Nichts zu schweben. Die Freiherrn von Poschinger-Bray, eigentlich in Irlbach im Landkreis Straubing-Bogen die Schlossherren, sind die Besitzer und Hüter des Geißkopfs. Und auch seine Modernisierer, seit Jahrzehnten die Pioniere des Tourismus über den Dächern der Gemeinde Bischofsmais.

Dominik Freiherr von Poschinger-Bray erinnert an seinen Großvater Adalbert. 1967 hat er den ersten Lift auf den Geißkopf gebaut – für die Skifahrer. Der stand hier bis vor einem Jahr. Doch nach so vielen Fahrten auf dem Buckel war der Lift in die Jahre gekommen. „Er war auf nette Weise Retro, aber nicht mehr zeitgemäß“, blickt von Poschinger-Bray zurück. Also wurde investiert. Und wenn schon in die Natur eingegriffen wird, dann als Ganzjahresbetrieb. „Mittlerweile ist die Bahn im Sommer stärker gefragt als im Winter“, erzählt der Freiherr. Denn vor über 20 Jahren wurde auf dem Geißkopf ein Bikepark eröffnet. Seither geht es für sportliche Radler*innen auf drei Strecken mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden talwärts oder auch uphill.

In den Lift können die Mountainbikes eingeklickt werden und fahren so nach oben. Auch an diesem vernebelten Samstag versuchen die Radlerinnen und Radler mit ihren neonfarbenen Sportoutfits ein wenig aus dem Grau herauszustechen. Ein echter Biker kennt kein schlechtes Wetter. Die Saison geht bis November.

Wenige Meter vom Trubel des Bikeparks entfernt, führt der Weg in die Stille. Michael Kramhöller kennt ihn. Der 71-Jährige ist Wanderführer und kennt jeden Stein, jede Wurzel, jede Wegbiegung. Die Wegmarkierungen braucht er nicht zu lesen. Es geht Richtung Landshuter Haus, eine Hütte, die der Bayerische Wald-Verein betreibt. Aber erst führt er durch verwunschene Pfade. „Jetzt beginnt der Märchenwald“, sagt der Mann mit dem weißen Rauschebart.

Und er hat nicht zu viel versprochen. Bäume wachsen knotig und scheinen Gesichter zu tragen. Sie erinnern an Trolle und Elfen. Wurzeln und Äste ranken sich wie Geisterhände den Wanderern entgegen. Grünes Moos, ein weicher Waldweg unter einem Blätterdach, der ins Nichts zu führen scheint. Und doch geht es immer weiter. Und dann leises, durch den Boden gedämpftes Hufgetramppel. Der Prinz auf einem Pferd? Nicht ganz. Es sind zwei Wanderreiter aus Wiesenfelden auf Westernpferden. Sie bleiben stehen, die Pferde schnauben. Ein kurzer Gruß, ein kurzer Ratsch. Dann verschwinden sie wieder zwischen den Bäumen und hinter der Nebelwand als wären sie geträumt, nie dagewesen.

Weniger als zwei Kilometer sind es vom Geißkopf – die Einheimischen sagen „Goaßkopf“ – zur Oberbreitenau, wo das Landshuter Haus steht. Nicht nur wegen der Einkehr ist der Ort bekannt. Dort liegt auch das verlassene Dorf. Geheimnisvoll, fast schon mystisch erheben sich nur noch ein paar Mauerreste der wenigen Anwesen, die hier einmal für ein karges Auskommen für ihre Bewohner*innen gesorgt haben, die ihnen aber Schutz und Heimat boten. Sie sind nicht freiwillig gegangen. Hitler wollte hier einen Flugplatz bauen. Ein Großteil der Anwesen war ihm im Weg.

Es wurde hier dann doch nie gebaut, doch die Menschen mussten trotzdem weichen. Einer nach dem anderen, Gehöft für Gehöft verwaiste, nach und nach. Aus warmen Stuben wurde kalte Leere. 1956 gingen die letzten von ihnen. Eine von ihnen war Michael Kramhöllers Mutter, die mit sechs Jahren mit ihrer Familie das kleine Dorf verlassen musste. Nachdenklich steht der Wanderführer zwischen den Mauerresten, die von dem Anwesen zeugen, in dem sie geboren wurde. Eigentlich wäre dies sein Elternhaus gewesen. Vielleicht würde er selbst noch heute hier leben, dort oben auf dem Berg. Aber mit der Vertreibung der Menschen endete eine rund 400 Jahre alte Tradition.

Sie durften sich vor vier Jahrhunderten hier ansiedeln, um auf den Wald aufzupassen – dass das Holz nicht gestohlen wurde. Ein Stück Land war der Lohn. Die neuen Bewohner*innen von Oberbreitenau bauten eine einfache Glashütte, um im Winter Glasperlen für Rosenkränze herzustellen und so ihr bescheidenes Auskommen zu sichern. Es war ein einfaches Leben, oben am Berg. Doch es bedeutete auch Heimat, Wurzeln, Sesshaftigkeit. Diese Wurzeln finden sich immer noch im Boden – es sind die Mauerreste. Anfang der 1990er-Jahre hat die Gemeinde Bischofsmais begonnen, einzelne Höfe freizulegen. Inzwischen sind die Grundmauern saniert und Infotafeln erzählen von einem Dorf, das fast vergessen worden wäre.

Nebenan streichelt das Hochmoor die Seele, denn die gedeckten Erdfarben und das leichte Dunkelgrün, die ineinanderfließen, wirken schon fast meditativ. Gräser wiegen sich sanft im Herbstwind. Hier lebt das Auerhuhn und kommt oft ganz nah ans Landshuter Haus, das letzte Gehöft von Oberbreitenau, das noch steht. Wanderer können sich hier stärken, die Hütte des Bayerischen Wald-Vereins ist nun wieder an einen Wirt verpachtet.
Während die Kürbissuppe aus dem weißen Teller dampft, erzählt Markus Kerner, Vorsitzender des 20 000 Mitglieder starken Bayerischen Wald-Vereins, von den Plänen, das von der Sektion Deggendorf „geerbte“ Einkehrhaus mit 40 Betten wieder zeitgemäß auszustaffieren. Stimmen die Mitglieder bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung zu und explodieren die Baukosten nicht weiter, dann könnten schon im kommenden Jahr Bagger und Kran anrücken, um das Landshuter Haus fit für die Zukunft zu machen. „Es ist einfach in die Jahre gekommen“, erzählt Kerner.

Der Bayerische Wald-Verein betreibt aber nicht nur Häuser sowie Schutzhütten und organisiert in 58 Sektionen Wanderungen, sondern pflegt auch die Wanderwege und ist im kulturellen Bereich tätig. So bewahrt er zum Beispiel altes Liedgut. Er wurde 1883 gegründet. „Da bewegte sich was, die ersten Wanderer und Touristen kamen. Aber als die Stadtleute in den Wald strömten, sind sie einfach kreuz und quer gerannt“, blickt der Vorsitzende mit leisem Schmunzeln zurück. Der Wald-Verein kümmerte sich darum, Wanderwege auszuweisen und tut es noch heute.

Gestärkt durch Suppe und/oder Brotzeit, führt der Weg nur noch bergab. Inzwischen hat der Regen eingesetzt, doch das dichte Blätterdach schirmt den Wanderer von oben recht gut ab. Die Steine und Wurzeln glänzen jetzt vor Nässe. Pilze sind in den grünen Waldboden hineingetupft. Da taucht plötzlich die Degenhard-Kapelle auf. In der Einsamkeit des Waldes in der Breitenau lebte 30 Jahre lang, bis zu seinem Tode 1374, der Eremit Degenhard, ein Sohn des Ritters Conrad von Pruck.

Die von Degenhard errichtete hölzerne Kapelle wurde jedoch ein Opfer des Dreißigjährigen Krieges. Die Schweden kamen und zerstörten sie. Ab 1999 aber wurde das kleine, hölzerne Kirchlein wieder aufgebaut. Einer der drei Initiatoren war Michael Kramhöller. Und dem Wanderführer war eines wichtig: „Dass die Tür der Kapelle immer offen ist.“ Das ist sie in der Tat, sie steht weit auf, denn es gibt gar kein Tor. Der Blick auf den schlichten Innenraum ist unverbaut und so auch der Weg zurück zu Gott auch für denjenigen, der ihn vielleicht verloren hat und sich nicht mehr in eine Kirche traut – so sieht es zumindest Kramhöller. Denn so ein Mensch, schwer krank, hat ihm schon einmal aus genau diesem Grund für seine Kapelle gedankt.

Die Kapelle ist nicht das einzige Zeichen des Glaubens in der Gemeinde Bischofsmais. Es gibt auch einen beliebten Wallfahrtsort: Sankt Hermann, eine Viertelstunde vom Ort entfernt. Heuer ist es 700 Jahre her, dass der aus Heidelberg stammende Hermann eine Klause und eine Kapelle zu Ehren des heiligen Hermann Josef dort baute. Viele Menschen in Not suchten den Marienverehrer und Laienbruder auf. Heute erinnern die drei Heiligtümer an ihn – die Einsiedelei-Kapelle, die Brunnen-Kapelle und die Wallfahrtskirche.

Besonders die Einsiedelei-Kapelle lässt Geschichte atmen. Der ursprünliche Holzbau umhüllt einen Altar mit dem Bildnis des heiligen Hermann und ist mit zahlreichen Votivtafeln behangen, die davon zeugen, dass den Menschen nach dem Gebet hier geholfen worden sein soll. Die Hermann-Zelle nebenan sieht aus wie ein Beinhaus, doch die Gliedmaßen sind aus Holz und ebenfalls als Dank für erhaltene Hilfe gestiftet.

Eine Besonderheit ist auch die aus Buchsbaumholz geschnitzte Figur des „Hirmon“. Um sie rankt sich ein ganz besonderer Brauch: das „Hirmonhopsen“. Bei der Wallfahrt wird die Figur dreimal gehoben und zum Schluss geküsst, um ein besonderes Anliegen vorzubringen. Franz Hollmayr, Vorsitzender des Fördervereins, weiß, was viele Mädchen dabei am dringendsten wissen wollten: „Sie fragten den Heiligen Hermann, ob sie einen Mann abbekommen würden. Nickte die Figur mit dem Kopf, dann war dies der Fall.“ Das geht aber heute nicht mehr, schränkt der Gemeinderat von Bischofsmais ein: „Der lockere Kopf wurde inzwischen befestigt.“

Aber auch die Brunnenkapelle und die Walllfahrtskirche, die zusammen ein Ensemble bilden, sind einen Besuch wert. Im August wird hier gleich zweimal Kirchweih gefeiert. Neben drei Gottesdiensten laden auch Stände und Bewirtung zur Geselligkeit ein. An diesem Herbsttag liegen die Kapellen und die Kirche aber still und stumm am Fuße des Geißkopfs, umspült vom unentwegt prasselnden Regen. Und der Dunst verhüllt immer noch einen Berg, der so viel zu zeigen hat, aber gerne den Wanderern seine Geheimnisse erst nach und nach offenbart, wenn er sich die Mühe macht, sich zu Fuß auf ihn einzulassen. (Melanie Bäumel-Schachtner)
 

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