Freizeit und Reise

Saengduean „Lek“ Chailert mit einem ihrer Elefanten. (Foto: Hans Nagel)

23.06.2026

Wiegenlied für einen Elefanten

Zu Gast bei Thailands Elefantenflüsterin „Lek“ Chailert

Im Elephant Nature Park in Nordthailand leben rund 120 Elefanten naturnah in menschlicher Obhut. Die Thailänderin Saengduean „Lek“ Chailert hat die Rettungsstation für ehemalige Arbeits- und Zirkuselefanten 2003 gegründet. Wer bei der „Elefantenflüsterin“ Thailands zu Gast ist, erlebt eine berührende Nähe zwischen Mensch und Tier, geprägt von Respekt und Zuneigung.

Saengduean Chailert ist eine zierliche Person. Ihr Spitzname „Lek“ bedeutet klein, wie passend. Behutsam geht sie auf Tong-Ae zu, kniet nieder und setzt sich zwischen die Beine des Elefanten. Tong-Ae umschmeichelt sie mit seinem Rüssel und ein Spiel beginnt. Zart nimmt er ihr den Hut ab, zieht ihr mit ruhigen, geschmeidigen Bewegungen seines Rüssels die Stiefel aus. Schließlich legt Tong-Ae seinen Rüssel sanft über ihren Mund. Jeder Widerstand scheint zwecklos. Plötzlich beginnt Lek leise zu summen und singt: „Lulla, Lullaby, lullaby … my sweet little baby.“

Ein Wiegenlied für einen Elefanten: Wer das bei seinem Besuch im Elephant Nature Park nicht selbst erlebt, würde es kaum glauben. Doch Saengduean Chailert gilt nicht ohne Grund als „Elefantenflüsterin“ Thailands. Rund 60 Kilometer nördlich von Chiang Mai betreibt sie seit 2003 das Refugium für misshandelte Arbeits- und Zirkuselefanten. Über dem Gelände liegen ein ständiges Trompeten, Rüsselklopfen, tiefes Brummen und eine Wolke rötlichen Staubes, wenn die Elefanten in Laufschritt fallen. Die Szene mit Tong-Ae erklärt Lek später so: „Tong-Ae will immer meine volle Aufmerksamkeit. Er möchte nicht, dass ich mich mit unseren Besuchern unterhalte.“

Leks Mitarbeiterin Aom berichtet bei einem Rundgang, dass jeder Elefant Lek „an ihrer Stimme, ihrem Geruch und ihrem Gang erkennt“. Sie sei wie ein Magnet für die Tiere. Tatsächlich scharen sich plötzlich mehrere Elefanten um die zierliche Person und nehmen sie schützend in der Mitte ihrer Herde auf. Ein besonderer Liebesbeweis ist offenbar, sie mit der sandigen Erde zu bewerfen. Lek genießt die Nähe, lächelnd guckt sie unter den dicken Bäuchen hervor.

Chailerts Passion für Elefanten begann im Kindesalter. Ihr Großvater, ein Heiler, bekam eines Tages den Elefanten Thong Kham als Geschenk, und Lek schloss mit dem Tier rasch Freundschaft. Als 16-Jährige beobachtete sie in einem Holzfällercamp, wie schwer Elefanten arbeiten mussten, wie sie gequält wurden und unter welch kargen Bedingungen sie lebten. Um sie für die Arbeit gefügig zu machen, wurden sie mit der brutalen Phajaan-Dressur abgerichtet. Ziel war es, den Willen der Tiere durch Einschüchterung und Misshandlung zu brechen. Die Methode wird teilweise heute noch angewendet.

Ab den 1990er-Jahren half Lek deshalb bei der medizinischen Versorgung von Elefanten und baute ihr Rettungsnetzwerk auf. Schätzungen zufolge gibt es nur noch 2000 bis 3000 wild lebende Elefanten in Thailand. Aktuell wird etwa die gleiche Zahl in Gefangenschaft als Arbeitstiere gehalten. Als problematisch gilt vor allem die Tourismusindustrie. Besonders erbärmlich geht es dabei Tieren in Reitbetrieben: In sengender Hitze tragen sie Touristen über glühend heißen Asphalt, wie man beispielsweise in Touristenzenten wie Ayutthaya beobachten kann.

Für den Elephant Nature Park hat Lek seit dessen Gründung rund 200 Elefanten aus Farmarbeit, Zirkusarenen und Reitbetrieben gerettet. „Alle Tiere sind psychisch traumatisiert, wenn sie zu uns kommen“, erzählt sie. „Sie sind meist schwer verletzt, abgemagert und haben oft Knochenbrüche. Durch das grelle Licht im Zirkus sind einige unserer Tiere sogar erblindet.“ Im Park beschäftigt sie deshalb acht Tierärzte und Dutzende Elefantenpfleger, die sogenannten Mahouts. „Bei uns müssen die Tiere nicht mehr arbeiten, sie werden zu nichts gezwungen und nicht bestraft“, sagt Lek. „Wir heilen sie, und dann dürfen sie sein, ganz wie sie es möchten.“

Für ihr Engagement wurde Lek vielfach ausgezeichnet. Doch nicht alle sind ihr wohlgesonnen: Von Gegnern ihrer Arbeit hat sie Morddrohungen erhalten. Lek zuckt mit den Schultern, wenn man sie darauf anspricht. Aufgehört hat sie trotzdem nicht. Mit der Stiftung Save Elephant Foundation klärt sie über das oft traurige Schicksal der Tiere auf. Zum Fortbestand ihrer Arbeit tragen auch die geschätzt bis zu 20 000 Touristinnen und Touristen pro Jahr bei, die gegen Gebühr den Park besuchen. Denn pro Tag verschlingen die Dickhäuter mindestens 36 Tonnen Futter – rund 300 bis 400 Kilo pro Tier: Melonen, Bananen, Kürbisse und allerlei Grünzeug, das viele Bauern der Umgebung extra für den Park anbauen.

„Wir bekommen auch viele Spenden, nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Grundstücke, die das Areal des Parks weiterwachsen lassen“, berichtet Lek. „Ohne Spenden würden wir nicht alle satt bekommen und hätten keinen Platz für so viele Tiere.“ Denn im Park leben nicht nur Elefanten, sondern auch Dutzende Hunde, Katzen, Ziegen, Pferde, Schweine und auch sonst noch allerlei Getier.

Die Sonne steht schon tief. Unter dem Gemeinschaftshaus rauscht der von Regenwald gesäumte Fluss. „Schaut, schaut, die Elefanten kommen heim“, ruft Lek. Und tatsächlich, an der Biegung des Flusses wirft sich eine kleine Herde in die Fluten und kommt im Laufschritt mit lautem Tröröh flussaufwärts. Was für ein Spaß, als sich die Tiere gegenseitig mit Wasser bespritzen. Dann erklimmen sie das Ufer und laufen federnden Schrittes zum Futtertrog. Dort sind Melonen angerichtet. Die kleine Chaba ist heute besonders hungrig. Eins, zwei, drei … fünf, zehn und mehr Früchte verschwinden, so schnell kann man gar nicht gucken. Chaba jedenfalls hat heute nur Augen für die Melonen. (Constanze Mauermayer)
 

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche
X
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Beilagen

Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, sagt über die Deutschen: "Unser Mindset hat sich nicht weiterentwickelt – es ist in einer Art Biedermeier-Modus stehen geblieben."

> Das einblicke-Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung ist online

Die Suche nach dem sichersten Ort für unseren Atommüll ist eine staatliche Jahrhundertaufgabe. Das einblicke-Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung stellt vier Menschen vor, die diese Mission bei der Bundesgesellschaft für Endlagerung mit ihre

> Änderung der Gemeindeordnung

Liebe Leserinnen und Leser des Kommunalen Taschenbuchs, die Gemeindeordnung des Freistaats Bayern hat sich am 23. Dezember 2025 nach Redaktionsschluss (14. November 2025) nochmals geändert. Die entsprechenden Seiten können Sie hier herunterladen.

Jahresbeilage 2025

Nächster Erscheinungstermin:
28. November 2026

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 28.11.2025 (PDF, 16,5 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Das kunst- und kulturhistorische Online-Magazin der Bayerischen Staatszeitung

Abo Anmeldung

Passwort vergessen?

Geben Sie Ihren Benutzernamen oder Ihre E-Mail ein um Ihr Passwort zurückzusetzen. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an: vertrieb(at)bsz.de

Zurück zum Anmeldeformular 

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Passwort vergessen?

Geben Sie Ihren Benutzernamen oder Ihre E-Mail ein um Ihr Passwort zurückzusetzen. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an: vertrieb(at)bsz.de

Zurück zum Anmeldeformular 

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Unser Bayern - Nachbestellen

Aktuelle Einzelausgaben des Online-Magazins „Unser Bayern” können im ePaper der BSZ über den App-Store bzw. Google Play gekauft werden.