Kommunales

Postkarten-Oberbayern: Jungrinder toben ausgelassen auf einer Bergweide bei Mittenwald. (Foto: Bitala)

14.04.2023

Eine Grüne kämpft gegen einen Grünen

Anbindehaltung verbieten: Vizelandrätin aus dem Werdenfelser Land stemmt sich gegen die Pläne ihres Parteifreunds, dem Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir

Die traditionelle Lebensform der Bauernfamilien zwischen Zugspitze und Staffelsee sei durch die aktuellen Pläne der Bundesregierung gefährdet – davor warnt sogar Theresa Lödermann (Grüne), die Vizelandrätin des Landkreises Garmisch-Partenkirchen. Tier-, Denkmal- und Naturschutz kollidieren in der Region.

Die erfahrene Naturschützerin – Vizepräsidentin des Bundesverbands und Kreisvorsitzende von Garmisch-Partenkirchen – kennt die exakte Zahl der Kühe in ihrer Heimat genau: „Die 17 166 Rinder bei uns im Werdenfelser Land haben alle ihre Namen, mit denen sie angesprochen werden und die sie kennen. Bei uns im Landkreis Garmisch-Partenkirchen gibt es keine anonyme Massentierhaltung“, sagt Theresa Lödermann, Mitbegründerin der Grünen im Freistaat und heute noch Kreisrätin sowie Vizelandrätin für ihre Partei.

Aufgewachsen ist die leidenschaftliche 67-Jährige auf dem jahrhundertealten Mittertennhof Zum Wienertoni im oberbayerischen Grainau. Anläßlich der aktuellen Tierwohl-Diskussion verfasste Lödermann jetzt ein 32-seitiges Informationspapier zur Situation in ihrem Heimatlandkreis. Eigentlich wollte die frühere Abgeordnete des Bayerischen Landtags (1990 bis 1998) die Broschüre als Privatperson an die Agrarpolitiker*innen im Bundestag und im Freistaat Bayern verschicken.

 

Differenzierung und Ausnahmen zulassen


Doch mittlerweile schlossen sich dem Vorhaben Garmisch-Partenkirchens Landrat Anton Speer (Freie Wähler) samt der Mehrheit des Kreistags, parteiübergreifend alle Bürgermeister*innen im Landkreis, die Vertretenden des Bayerischen Bauernverbands, der Imkergenossenschaft und die Leute des Landesbunds für Vogelschutz an. Lödermann sagt: „Ich begrüße es ausdrücklich, dass nach dem Willen der derzeitigen Bundesregierung – wie es im Koalitionsvertrag formuliert ist – die Anbindehaltung von Kühen bis 2030 abgeschafft sein soll. Allerdings muss man das Thema differenziert betrachten und mitunter Ausnahmen zulassen.“ Von dieser Anbindehaltung gibt es verschiedene Formen. Anbindeställe, in denen die Tiere das ganze Jahr über ohne Auslauf angekettet an ihren Plätzen stehen, verstoßen – wie der Bundesrat bereits 2016 feststellte – gegen das Tierschutzgesetz.

Theresa Lödermann: „Diese Haltungsform kommt zwar im bayerischen Oberland noch gelegentlich vor, entspricht aber gerade im Landkreis Garmisch-Partenkirchen nicht mehr der gängigen Praxis – und gehört ohne Ausnahme verboten!“ Ebenfalls kritisch sieht Lödermann die sogenannte Kombinationshaltung, bei der die – eigentlich festgebundenen – Kühe lediglich an 120 Tagen pro Jahr und das auch nur für 2 Stunden Auslauf bekommen. Dazu reicht eine kleine, befestigte Fläche innerhalb des Stalles.

Die Grüne aus dem Werdenfelser Land spricht sich vor allem für die Sommerweidehaltung aus, die im Alpenvorland gepflegt wird, und die das bekannte – und nicht nur bei Tourist*innen beliebte – Bild von Oberbayern prägt. Die Kühe verbringen die warme Jahreszeit auf den Weiden und werden nur zum Melken in die Ställe oder zu mobilen Melkständen geführt.


Von Frühling bis Herbst durchgehend auf der Alm


Eine Besonderheit: Im Werdenfelser Land stehen 2000 Jungrinder von Frühling bis Herbst rund um die Uhr auf 47 Almen. Theresa Lödermann: „Über die Wiesen tollen gesunde, lebensfrohe Kühe. Sie bekommen vom Bauern zweimal täglich ein individuelles Wohlfühlprogramm verpasst – Melken sowie Fell-, Euter- und Klauenpflege.“ In der Natur erleben die Kühe dabei Reize wie Wind, Regen, Sonnenschein sowie den Wechsel von Tag und Nacht. Sie fressen frisches Gras, gesunde Kräuter und knabbern an saftigen Büschen. Kühe auf der Sommerweide werden zwischen zehn und 18 Jahre alt, während es Hochleistungsrinder im Stall lediglich auf sechs Jahre Nutzungsdauer bringen – und dann in der Regel getötet werden.

Doch weil die Kühe bei dieser Sommerweidehaltung die Wintermonate meist angebunden in den Ställen verbringen, fällt sie ebenfalls unter die von der Bundesregierung und vor allem auf Betreiben des Grünen Bundeslandwirtschaftsministes Cem Özdemir aus Gründen der angeblichen Tierquälerei angestrebte generelle Abschaffung der Anbindehaltung.

Das geht der vom Bauernhof stammenden Alt-Grünen Theresa Lödermann zu weit: „Wenn es im Herbst zurück in den Stall geht, finden die Kühe ihre gewohnten Fress-, Tränke- und Ruheplätze. Sie stehen neben der verträglichen Nachbarin. Das bedeutet wenig Stress und Konkurrenz, dafür Entspannung und Ruhe.“


„Sterbende Höfe sind nicht im öffentlichen Interesse“


Die Bauernfamilien im Werdenfelser Land leben mit ihren Tieren in historischen Dorfzentren; oft auf denkmalgeschützen Höfen, die manchmal aus dem 17. Jahrhundert stammen. Es gibt innerhalb der Orte schlicht keine Möglichkeiten, die Anwesen durch große Laufstallneubauten zu erweitern – auch weil die durchschnittliche Viehzahl pro Hof 17 Tiere beträgt und dadurch meist die für Neubauten notwendigen finanziellen Mittel fehlen. Dass die Denkmalschutzbehörden entsprechende Baumaßnahmen außen an den historischen Gebäuden meist gar nicht genehmigen würden, kommt erschwerend hinzu.

Die Besitzenden unternehmen mittlerweile viel, um den Kühen während der kalten Jahreszeit trotzdem ein angenehmes Leben im Stall zu ermöglichen. Theresa Lödermann: „Viele Bauern haben die Ställe im Inneren erheblich verbessert – mit einem verringerten Viehbestand, mit großen Stand- und Liegeflächen, Liegematten und genügend Einstreu, guter Durchlüftung, Helligkeit und ohne enge Halsketten.“

Sollte die Bundesregierung trotzdem an dem Verbot der Anbindehaltung auch bei Sommerweidebetrieben festhalten, wäre das „eine Katastrophe“, unterstreicht Landrat Anton Speer – weil viele der Bauernfamilien ihre kleinstrukturierten Landwirtschaften aufgeben müssten. Für Speer ginge damit „nicht nur ein historisch gewachsenes Kulturgut verloren, sondern das hätte unabsehbare Folgen für die Pflege ökologisch wertvoller Landschaftsteile wie etwa die Buckelwiesen bei Mittenwald, das Murnauer Moos und die Wiesmahdflächen bei Oberammergau“.

Theresa Lödermann glaubt, dass es „sicher nicht im Interesse der Mehrheit von Gesellschaft und Politik ist, dass die kleinen und mittleren Bauernhöfe verschwinden und das Feld der industriellen Tierhaltung mit gestresstem Nutzvieh und den damit verbundenen Umweltproblemen überlassen wird“. Jetzt kommt es allerdings darauf an, dass auch ihr Parteifreund Özdemir sich dieser Sicht der Fachkundigen vor Ort anschließt und von seinen ideologisch motivierten Verbotsplänen – wenn Nutztierhaltung erschwert wird, steigen mehr Menschen zwangsläufig auf die politisch gewollte vegane Ernährung um – wieder Abstand nimmt. (Günter Bitala)

 

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