Kommunales

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“: So ging auch der Chamer Thomas L. jahrelang mit seiner Krankheit um. (Foto: dpa/Sina Schuldt)

05.05.2022

Das Leben als Achterbahn

Ambulante Sprechstunde für Männer mit bipolarer Störung am Medbo-Standort in Cham

Ihre Stimmung pendelt zwischen manisch und depressiv und Betroffene können Zeitpunkt, Ausmaß und Dauer der Schwankungen selbst nicht mehr kontrollieren: Ein Problem nicht nur, aber gerade auch für Männer.

Thomas L. aus der Nähe von Cham hat seine eigenen Jahreszeiten. In der Weihnachtszeit zum Jahreswechsel hin, im Mai/Juni und später noch im Frühherbst habe er seine manischen Episoden, erklärt er. Die dauerten ungefähr vier Wochen. Und dann: „In der Mitte der Normalphasen falle ich dann regelmäßig für zwei bis drei Wochen in eine dunkle Zeit, oft genug in eine richtige Depression. Da geht gar nichts mehr.“

Jahrelang fällt das niemandem auf. Der heutige Mittzwanziger gilt in Familie, bei Freunden und in der Schule als introvertierter Mensch. Seine Hobbies entsprechen dem ruhigen, zurückhaltenden Charakter. Er liebt Videospiele, programmiert am Computer, liest viel. „Ich sitze halt gern im stillen Kämmerlein. Da merkt dann auch keiner, wie ich drauf bin.“

Und es soll auch keiner merken. „Löse deine Probleme allein und lass keinen hinter die Fassade schauen“, beschreibt er seine männliche Identität, mit der er im ländlichen Bayerischen Wald groß geworden ist. Ein Klischee, das allerdings nicht nur dort herrschen dürfte. Die Krankheit Bipolare Störung beginnt nicht selten im jugendlichen Alter. Auch bei Thomas L. Als Teenager ahnt er, dass bei ihm psychisch etwas anders ist, kann es aber nicht benennen. Passend zu seiner Vorliebe für die virtuelle Welt fängt er an, selber im Internet zu recherchieren. Dass er depressiv sein könnte, wird ihm relativ früh klar. „Eine Freundin hat mich zur Elternberatung in Cham mitgenommen, wo man meine Vermutung bestätigt hat. Da war ich 16.“ Weitere Schritte unternahm Thomas damals aber nicht.

 

Niemand soll merken, wie es ihm wirklich geht



In seinen manischen Phasen ist er sehr leistungsfähig, sprüht vor Ideen und Plänen. Eigentlich Attribute, die in einer Leistungsgesellschaft gut ankommen. Und tatsächlich: Thomas ist erfolgreich. Er macht nach der Schule eine Ausbildung zum Systemelektroniker, arbeitet mehrere Jahre bei einem großen Unternehmen, führt zuletzt ein kleines Team. „In der Manie bin ich nicht zu bremsen. Aber ich langweile mich schnell. Ich brauche ständig Input und will alles sofort umsetzen, was mir so einfällt.“

Die Folge: Thomas überfordert sich und andere. „Ich habe mich über jeden noch so kleinen Fehler maßlos geärgert – ein Schwamm drüber kannte ich nicht. Nicht bei mir und bei anderen schon gar nicht.“ Thomas wird immer öfter wütend, ist nachtragend. Er kann seine negativen Emotionen nicht mehr abbauen. Sie kumulieren, eskalieren. Thomas kommt einfach nicht mehr zur Ruhe. Ein paar Wochen später das genaue Gegenteil: tiefe Depression. Anderen Menschen sei es kaum zu vermitteln, was es heiße, völlig antriebslos zu sein, so L. „In der Depression fühle ich absolut nichts“, schildert er. „Das klingt wahrscheinlich schräg, aber ich freue mich, wenn ich selbst die Traurigkeit wieder fühle.“

Zunehmend wird Thomas L. klar, dass er professionelle Hilfe braucht. Nicht nur die berufliche Situation droht zu eskalieren: Sein Zustand ist kurz davor aufzufliegen, konstruktive Kommunikation mit seinem Team ist kaum noch möglich. Und seine depressiven Phasen verschärfen sich. „Ich hatte ganz konkrete Suizidgedanken. Jedes Mal. Und ich wusste genau, wie ich es hätte anstellen wollen.“

 

Ablenkung mit noch mehr Videospielen



Thomas L. versucht sich abzulenken, mit noch mehr Videospielen. Thomas recherchiert intensiv zu seinem Gesundheitszustand. Er braucht einen Ausweg, findet ihn aber alleine nicht. Dann – endlich! – trifft er sich mehrere Wochen regelmäßig mit einem Psychotherapeuten. „Ich war auf dem richtigen Weg. Ich spürte aber auch, dass das noch nicht reicht“, erzählt er. Im Internet stößt er auf die Medbo Cham, landet nach einer notfallmäßigen Erstvorstellung sofort in der ambulanten Männersprechstunde. Dort beschäftigt man sich intensiv mit den Symptomen und dem Krankheitsverlauf von Thomas L. Die Anamnese wird erhoben, es werden Fragebögen abgearbeitet, Interviews und Leistungstests mit ihm durchgeführt. Dann steht die Diagnose fest: bipolar-affektive Störung. Thomas L. hatte zuvor noch nie davon gehört, erkennt sich aber wieder, als die Chamer Behandler*innen ihn von A bis Z über die Erkrankung aufklären. Eine Riesen-Erleichterung!

Weil seine affektiven Schwankungen aber immer stärker werden, empfiehlt das Team der Männersprechstunde eine weiterführende Behandlung. Thomas L. lässt sich für drei Monate beruflich beurlauben und tritt eine neunwöchige teilstationäre Therapie in Cham an. Er kommt an Werktagen vormittags in die Klinik und verlässt diese wieder am späten Nachmittag. Heute ist er medikamentös gut eingestellt, bekommt Präparate für die manischen und die depressiven Phasen. Übrigens auch für eine weitere Störung, die in Cham diagnostiziert wurde. Denn Thomas leidet obendrein unter einer spezifischen Angststörung, einer Agoraphobie, die ihn offene Plätze, große Räume sowie Menschenansammlungen meiden lässt.


Männliche Muster beim Verhalten durchbrechen

 

Das therapeutische Programm hilft ihm, seine alten männlichen Verhaltensmuster zu durchbrechen, sich emotional zu öffnen und anderen mitzuteilen. Zuerst den Ärzten und Therapeuten, dann auch seinen Mitpatienten. Nicht zuletzt seinen Eltern. „Sie haben gut reagiert. Überhaupt ist in meiner Familie und Verwandtschaft das Thema mentale Gesundheit jetzt richtig angekommen. Einigen geht gerade selbst ein Licht auf …“, freut sich Thomas. Denn auch in Sachen seelischer Gesundheit, so L., gäbe es kein normal, nur ein individuell. Das solle am besten schon in der Schule vermittelt werden, findet er. „Dann finden Betroffene schneller Hilfe und werden nicht gleich als Sonderlinge abgestempelt.“

Der junge Chamer hat sich nun nach der Therapie für eine Auszeit entschieden. Er hat dazu seinen Job gekündigt und nutzt die kommenden Monate, um in Ruhe über seine Zukunft nachzudenken. „Ich habe schon konkrete Ideen für ein berufliches Umfeld, in dem ich gut klarkommen kann. Aber im Moment bin ich am besten Platz meines ganzen bisherigen Lebens: Ich weiß, was los ist mit mir, ich weiß, was ich tun kann, und ich weiß, an wen ich mich wenden werde, wenn ich Hilfe brauche.“ Man kann ihm für seine Zukunft nun eigentlich nur noch alles Gute wünschen.
(Johannes Müller)


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