Kommunales

05.04.2019

Das Märchen aus dem Silicon Valley

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz von Lufttaxis auf den Weg bringen – bei Bayerns Kommunen erntet er dafür Kritik

CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer feiert Flugtaxis als die Wunderwaffe im Kampf gegen das zunehmende Verkehrschaos. Doch Bayerns Städte und Landkreise, die ja für deren Ausbau und Abwicklung zuständig wären, sind skeptisch. Sie fordern, lieber bestehende Netze zu entlasten und in den Ausbau von Bus, U- und Trambahn zu investieren.

Vor wenigen Wochen stellte „Airbus Helicopters“ in Ingolstadt sein Lufttaxi-Modell „CityAirbus“ vor. Das begeisterte Andreas Scheuer (CSU), Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur. Er möchte nun so bald wie möglich rechtliche Rahmenbedingungen für den Einsatz von Lufttaxis auf den Weg bringen.

Doch wie reagieren die Kommunen, die im Fall der Fälle wohl für die Abwicklung des Betriebs zuständig wären? Deren Bewohner sind es ja auch, die im Fall der Fälle im wahrsten Sinne des Wortes bei Problemen mit Flugtaxis den Kopf hinhalten müssten. Sie zeigen sich verhalten bis ablehnend, wie Anfragen der Staatszeitung bei diversen Großstädten zeigen. Ob sich mit Passagierdrohnen die Verkehrsprobleme gerade in großen Städten lösen lassen, scheint ihnen ohnehin höchst fraglich.

„In ein Flugtaxi passen vier Leute, in die U-Bahn 1000“


Die reine Anzahl der Passagiere spricht für Ingo Wortmann, Geschäftsführer für den Bereich Mobilität bei den Stadtwerken München, gegen die autonomen Drohnen. „In ein Flugtaxi passen vier Passagiere, in einer einzigen U-Bahn befördern wir bis zu 1000 Fahrgäste“, sagt er. Flugtaxis könnten deshalb den klassischen ÖPNV keineswegs in großem Umfang entlasten. „Sie können jedoch, ähnlich wie urbane Seilbahnen, eine gute Ergänzung für Punkt-zu-Punkt-Verbindungen sein, zum Beispiel in festgelegten Flugkorridoren oder als Flughafen-Zubringer“, erklärt der Verkehrsexperte.

Bis dahin müssten jedoch noch viele regulatorische und rechtliche Fragen geklärt werden. „Wenn Flugtaxis massenhaft über unseren Köpfen schweben, braucht es einen entsprechenden Rechtsrahmen, eine hoheitliche Regulierung sowie eine neutrale Instanz, die den Flugverkehr diskriminierungsfrei steuert und überwacht“, so Wortmann. Sicher werde auch eine Diskussion über die „optische und akustische Luftverschmutzung“ aufkommen. „Zudem werden Start- und Landeplätze benötigt, doch Platz gibt es in Großstädten kaum noch.“

Schließlich gelte es, das neue Verkehrsmittel ins Bestandsnetz zu integrieren. Bei aller Offenheit für neue Technologien sollen auch künftig ausreichend finanzielle Ressourcen für die herkömmlichen Massenverkehrsmittel bereitgestellt werden, fordert Wortmann. Der Münchner Verkehrsspezialist appelliert, den Ausbau des ÖPNV als Rückgrat der öffentlichen Mobilität zu forcieren. München selbst bemüht sich darum, im Busverkehr weitere attraktive Angebote zu schaffen: „Dazu benötigen wir aber eigene Bustrassen, damit der Bus am Stau vorbeifährt, sowie größere Busbahnhöfe.“

Bei der Schiene leiden Kommunen nach Aussage des Münchner Mobilitätsfachmanns unter zu langen Planungs- und Genehmigungsverfahren. Ein Manko sei schließlich, dass Geld für Neubaustrecken fehlt. Dabei müssten auch Projekte zum Zug kommen können, die bestehende Netze entlasten. Notwendig wären schließlich Fördertöpfe für die Sanierung der vorhandenen Infrastruktur. Nicht zuletzt müsse das Recruiting intensiviert werden, denn es wird immer schwerer, neue Mitarbeiter für den Fahrdienst zu finden: „Wir in München denken deshalb aktuell auch über Auslandsrecruiting nach.“

Anderswo ist die Skepsis gegenüber Scheuers vermeintlicher Wunderwaffe ebenfalls groß. Für seinen Landkreis sei das Thema „Flugtaxi“ noch von keinerlei Relevanz, sagt Dominik Stiller, Prokurist des Verbunds Nahverkehr Würzburg-Mainfranken (NWM): „Wir warten erst mal ab, was bei der Testphase in lngolstadt herauskommt.“ Dass auf Drohnen-Technologie basierende Flugtaxis in absehbarer Zeit ein Massenbeförderungsmittel sein werden, glaubt Stiller nicht: „Für uns ist das noch absolute Zukunftsmusik.“ Zumal die Etablierung der Passagierdrohnen mit erheblichen Investitionen verbunden sein werden: „Wir sind stattdessen momentan bestrebt, unseren Taktverkehr weiter zu verbessern.“

Im unterfränkischen Landkreis Aschaffenburg ist man ebenfalls noch weit davon entfernt, eine Infrastruktur für Lufttaxis zu planen. Sie seien als Mobilitätsalternative aktuell kein Thema, erklärt Pressesprecher Horst Bauer: „Ich kenne bislang lediglich die Berichterstattung über die Vorstellung des ‚City Airbus’ in Ingolstadt.“ In Anbetracht der „dünnen Informationslage“ lasse sich derzeit nur sagen, dass man das Thema in Aschaffenburg weiter „mit Interesse verfolgt“: „Wir werden uns damit beschäftigen, sobald es konkrete Vorschläge gibt.“

Auch in Augsburg will man autonome, vom Computer gesteuerte Elektro-Flugtaxis frühestens dann in Planungen einbeziehen, wenn sie Serienreife erlangt haben. „Insgesamt arbeiten wir natürlich sehr stark an der Verkehrsentlastung“, unterstreicht Stephanie Lermen, Pressesprecherin der Stadtwerke Augsburg. Es werde alles versucht, um mit den Nahverkehrsangeboten dazu beizutragen, dass ein eigenes Auto nicht mehr notwendig ist. Der öffentliche Nahverkehr mit Bus, Straßenbahn, Carsharing und Fahrradausleihe sei in Augsburg schon „sehr stark“. „Aber natürlich arbeiten wir weiterhin daran, das Angebot noch attraktiver zu gestalten“, so Lermen. Dazu gehöre der Linienausbau im Nahverkehr genauso wie die Erweiterung der anderen Mobilitätsangebote.

Was passiert bei Frost, Nebel oder Unwettern?


Bei den Erlanger Stadtwerken (ESTW) hält man die aktuelle Diskussion um Flugroboter für die Personenbeförderung für „nicht sehr zielführend“. Nach den Worten des ESTW-Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Geus sind Lufttaxis in Bezug auf die europäischen Witterungsbedingungen noch in einem sehr frühen Experimentierstadium: „Also wenn es um Minustemperaturen, Frost, Schnee, Regen oder Nebel geht.“ Lufttaxis taugen nach Auffassung des Stadtwerke-Chefs nicht, um mittelfristig die Verkehrsprobleme in Erlangen zu lösen: „Ob sie in Deutschland jemals einen nennenswerten Beitrag leisten können, bleibt abzuwarten.“


Scheuers Vorstoß sorgt bei Geus für Kopfschütteln: „Da es sich derzeit nur um Denkmodelle und Versuche handelt, macht es in unseren Augen keinen Sinn, bereits heute am rechtlichen Regelwerk zu basteln.“ Die Kommunen benötigten Alternativen, die kurzfristig zur Verfügung stehen und sofort Wirkung entfalten. Geus denkt an eigene Verkehrswege für Busse sowie abgestimmte Verkehrskonzepte zwischen dem ÖPNV und dem motorisierten Individualverkehr: „Unter Einbeziehung der Elektromobilität, des Fahrradverkehrs und der zugehörigen Parkraumkonzepte.“


In Erlangen drängt sich das Gefühl auf, Scheuer wolle das Thema „Lufttaxis“ nutzen, um von den vielen ungeklärten ÖPNV-Fragen abzulenken. Auch wegen der notwendigen Infrastruktur sieht Geus Lufttaxis als sehr kritisch an. „Zum Abheben und Landen benötigen sie große Flächen, die von Passanten und Verkehr freigehalten werden müssen“, erklärt er. Die diskutierte Alternative, Start- und Landeplätze auf Flachdächern hoher Gebäude zu errichten, ist nach seiner Ansicht bei der vorhandenen Gebäudestruktur nur schwer umsetzbar.

„Wenn überhaupt, dann sehen wir eventuell eine Einsatzmöglichkeit von Lufttaxis als schnelle Verbindung zwischen mehreren Städten, mit jeweils eigens eingerichteten Start- und Landeplätzen“, erklärt Geus. Vorstellbar seien zum Beispiel Verbindungen zwischen Erlangen und Fürth, Nürnberg, Bamberg, Forchheim oder Coburg. Ob die Lufttaxis geeignet sein werden, Gepäckstücke oder andere Gegenstände in den Städten durch die Luft zu befördern, bleibe ebenfalls erst einmal abzuwarten. (Pat Christ)

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