Kommunales

Ein Pfauenauge besucht die Blüten einer Aster. Foto: dpa/Roland Weihrauch

09.05.2019

Das Sterben der Schmetterlinge

Die konventionelle Landwirtschaft gilt als größter Artenvernichter in Bayern – doch auch Städte und Gemeinden spielen beim Insektensterben eine unrühmliche Rolle

Kahlgemähte Wiesen am Straßenrand, geschorene Verkehrsinseln und öffentliche Grünflächen, die eher an gepflegten Englischen Rasen denn an Natur erinnern: Für Schmetterlinge ist fehlender Wildwuchs eine Katastrophe. Sie finden einfach keinen geeigneten Ort zum Leben. Also landen sie auf der Roten Liste, wie all die anderen Insekten, die vom Aussterben bedroht sind. Als Artenvernichter steht zwar die Landwirtschaft weit vorn. Aber der Biologe und Bestsellerautor Josef Helmut Reichholf ist überzeugt: An zweiter Stelle folgt die Pflege vor Ort.

„Es wird zu oft und zur falschen Zeit gemäht“

In einem Vortrag an der Evangelischen Stadtakademie München kritisierte er in dieser Woche darum auch die Kommunen heftig. Manche Pflegemaßnahmen seien vermeidbar, andere grotesk. Gemäht werde zu oft und zu falschen Zeitpunkten. „Deutsch-typische Sauberkeitsvorstellungen“ macht der Wissenschaftler aus, die den Insekten schaden. Darunter auch den besonders hübschen Wunderwerken der Natur: den Schmetterlingen. Mit ihrer Verbreitung befasst sich Reichholf bereits seit 50 Jahren. 1969 begann er, in seinem niederbayerischen Heimatdorf im Inntal Schmetterlinge zu zählen. Lockte sie an mit UV-Licht (95 Prozent aller Schmetterlinge in Bayern sind nachtaktiv), zählte die Tiere in den frühen Morgenstunden, ließ sie wieder frei. Er dokumentierte akribisch. Seine Aufzeichnungen belegen: Die Menge an Schmetterlingen am Dorfrand ging seit den 1980er-Jahren um 87,5 Prozent zurück, die Zahl der Arten um fast 60 Prozent.

Schuld daran ist nicht der Klimawandel, „die heutige Universalerklärung“, wie Reichholf nebenbei spottet. Warmes Wetter finden Schmetterlinge nämlich durchaus angenehm. Da die Durchschnittstemperaturen seit den 1970er-Jahren gestiegen sind, hätte die Zahl an Schmetterlingen also eigentlich ebenfalls anwachsen müssen. Stattdessen nahm sie ab, auf alarmierende Weise. Hauptverursacher des Niedergangs ist die Landwirtschaft. Waren die Böden früher zu arm an Stickstoff, gelangt inzwischen viel zu viel Gülle hinein. Die gewaltigen Monokulturen, die sich jenseits der Dörfer ausbreiten, sind darum überversorgt mit Stickstoff – fatal für die Insekten. Denn die Vielfalt der Arten hängt von der Strukturdiversität ab. Einheitliche Biotope sind artenarm, vielfältige artenreich. Und: Ist der Boden überdüngt, wachsen die Pflanzen dicht und hoch. In Bodennähe ist es dann kalt und feucht – und damit zu ungemütlich für wärmeliebende Kleinstlebewesen.

Insofern ist der Mais, der im Sommer am Rand von Reichholfs Heimatdorf auf gewaltigen Flächen zweieinhalb Meter hoch aufschießt, eher Grab als Brutstätte. Den Faltern bliebe noch, auszuweichen – wenn es geeignete Ausweichmöglichkeiten gäbe. Genau daran hapert es. Und hier kommen die Kommunen ins Spiel. In seinem Buch Schmetterlinge: Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet widmet Reichholf der Problematik gleich ein ganzes, zorniges Kapitel. Überschrieben: „Die verheerende Wirkung kommunaler Pflegemaßnahmen“. Den Kommunen wirft Reichholf darin einen Mangel an Naturverständnis vor. Er beklagt die Intensität und Gründlichkeit, mit der Flächen, die nicht landwirtschaftlich genutzt sind, abgemäht werden. „Pflegemaßnahmen entlang von Straßen aller Art, auf Verkehrsinseln und anderen kommunalen Flächen treffen die derzeit nahezu besten Lebensräume von Schmetterlingen, Wildbienen und raren Käfern geradezu verheerend.“

Oft reiße die Totalrasur die Bodenoberfläche mit an. Tiefwurzler, die trotzdem austreiben, würden als Verkehrshindernis sogleich entfernt. Reichholf vermutet: „Blumen am Straßenrand sind untragbar geworden. Es sei denn, es geht gar nicht um Verkehrssicherheit, sondern um den Einsatz teurer Maschinen, deren Anschaffung sich rechnen soll.“ Auch dass Kommunen Flächen und Verkehrsinseln zur Entsorgung von Gülle freigeben, ärgert den Biologen. „Gegen diesen Widersinn kann gar nicht heftig genug gewettert werden!“ Sein Vorschlag: Städte und Gemeinden sollten die Wiesen erst gegen Jahresende mähen, wenn die Vegetation dürr ist. Im jährlichen Wechsel sei nur eine Seite an Straßen und Böschungen zu mähen. „Das ist weniger Aufwand – allerdings braucht man die passenden Maschinen.“

„Die verheerende Wirkung kommunaler Maßnahmen“

Auch das Flämmen bringt Reichholf ins Spiel, in den USA und Australien eine selbstverständliche Methode, hierzulande als Brandgefahr gefürchtet. Darüber hinaus plädiert er dafür, Verbuschung zu verhindern, aber verwildern zu lassen, was verwildern kann. Auch in Privatgärten. Brennnesseln sind nun mal das ideale Schmetterlingsbiotop – auch wenn das der Nachbar nicht auf Anhieb versteht. Dass die Schmetterlinge von einer gewissen Nonchalance in Sachen Pflegemaßnahmen profitieren, zeigen die Messungen Reichholfs in der Landeshauptstadt. Dort nämlich ist ihre Zahl stabil geblieben. Die Stadt als Rettungsinsel für gefährdete Arten: Wer hätte das gedacht! Drängen sich hier doch Häuser, Straßen, Verkehr und Menschen auf engstem Raum zusammen.

Die Erklärung allerdings leuchtet ein: In der Großstadt wird nicht gedüngt und kaum gespritzt. Die Stadtlandschaft ist zudem stark strukturiert. Während auf dem Land das Ideal der pflegeleichten, gut kontrollierten Wiese noch immer vorherrscht, wächst in den kleinen Nischen und Brachen der Stadt alles, was anfliegt. Wer die Natur auf dem Feldweg in der Provinz sucht, ist also längst auf der falschen Fährte. In Anlehnung an das Projekt „Jeder Gemeinde ihr Biotop“ von Peter Berthold schlägt Reichholf eine zweite Initiative vor. „Jedem Ort seine Schmetterlingswiese“. Damit auch Kinder auf dem Land wieder Schmetterlinge, Grillen und andere kleine Krabbeltiere erleben könnten.“Öffentliche Flächen, so Reichholf, „gibt es dafür genug“. (Monika Goetsch)

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