Kommunales

Das Opernhaus ist das prägnanteste Gebäude des Staatstheaters und in der Stadtsilhouette weithin sichtbar. (Foto: Axel Eisele)

06.09.2021

"Können wir uns schlicht und einfach nicht leisten"

Nürnbergs Stadtkämmerer sieht Opernhaus-Sanierung als finanzielles Risiko für die Frankenmetropole

Die notwendige Opernhaus-Sanierung sorgt offensichtlich für zunehmende Kopfschmerzen in Nürnberg. Jetzt fordert Stadtkämmerer Harald Riedel (SPD), dass der Freistaat nicht nur 75, sondern 100 Prozent der Kosten für die Sanierung sowie die Interimsspielstätte in Höhe von schätzungsweise rund einer Milliarde Euro übernehmen soll.

Hilferuf, Notbremse oder Offenbarungseid: Jedenfalls mit ziemlich starken Worten hat sich der Nürnberger Stadtkämmerer Riedel jetzt in der Debatte um die galoppierenden Kosten für die Nürnberger Opernhaus-Sanierung zu Wort gemeldet. Laut Riedel könne sich die Kommune die geplante Generalsanierung des Opernhauses „schlicht und einfach nicht leisten“.

Das Staatstheater Nürnberg ist eines der großen Mehrspartentheater in Deutschland und vierte Staatsbühne im Freistaat. Es ging am 1. Januar 2005 aus den ehemaligen Städtischen Bühnen hervor. 550 Festangestellte geben in den Sparten Oper, Schauspiel, Ballett und Konzert pro Saison mehr als 650 Vorstellungen für 270 000 Besucher*innen.

Mindestens rund 800 Millionen Euro soll die dringend notwendige Frischzellenkur für den Musentempel am Richard-Wagner-Platz schätzungsweise kosten. Laut Riedel würden die Ausgaben für die Renovierung eindeutig die finanziellen Möglichkeiten der klammen Kommune übersteigen. Zumal das Musiktheater während der langen Umbauzeit auch noch eine kostspielige Interimsspielstätte benötigt, die schätzungsweise ebenfalls mindestens mit rund 200 Millionen Euro den angespannten Haushalt belasten wird.

NS-Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände als Interimsspielstätte favorisiert


Im Rathaus wird aktuell die NS-Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände als Interimsspielstätte favorisiert. Die Stadt liebäugelt schon länger damit, zumindest ein weiteres Teilstück des gigantischen Monumentalbaus für Kunst und Kultur zu erschließen. Derzeit sind in der unvollendeten Kongresshalle nur ein Museum über das Reichsparteitagsgelände und ein Konzertsaal der Nürnberger Symphoniker untergebracht. Platz wäre in dem U-förmigen Bau mit der knapp 120 000 Quadratmeter großen Bruttogrundfläche allerdings noch genug. Wenn es nicht zahlreiche Probleme mit Brandschutz und Fluchtwegen geben würde, die das Vorhaben nicht billig machen dürften. Beschlossen ist deshalb offensichtlich noch nichts.

Zur Begleitung des komplexen Bauvorhabens hat die Stadt bereits im März eine Opernhaus-Kommission, bestehend aus 15 Stadträt*innen und 15 Berater*innen, ins Leben gerufen. In diesem Zusammenhang hat Riedel nun eine 100-Prozent-Finanzierung vom Freistaat gefordert. Dagegen hat der bayerische Finanzminister Albert Füracker (CSU) bislang immer „nur“ einen Zuschuss des Freistaats in Höhe von 75 Prozent versprochen.

„Wir sind voll gefordert mit dem Bewältigen der Pandemie, den Schul- und Kitaneubauten, der Sanierung der Infrastruktur im Bereich Gebäude (auch wieder Schulen), Straßen, Brücken, U-Bahnen. Dazu kommen die Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels, also insbesondere Mobilitätswende“, zählt Riedel gleich einen ganzen Rattenschwanz der kommunalen Investitionsaufgaben zur Begründung des finanziellen Hilferufs auf.

„Natürlich“ wolle der Kämmerer seinen ökonomischen Weckruf als Beitrag zur Opernhaus-Debatte verstanden wissen, die zuletzt eher hinter vorgehaltenen Händen und hinter verschlossenen Türen stattgefunden hat. Auch wenn die exakten Kosten noch nicht auf den Cent genau feststehen, rechnen die Experten im städtischen Finanzreferat „mindestens“ mit einem „hohen dreistelligen Millionenbetrag“. Hinzu kommt die aktuelle Preisexplosion mit Materialengpässen im Bausektor.

Die Idee ist nicht ganz neu


Die Idee mit der vollständigen Kostenübernahme ist freilich nicht ganz neu. Auch Thorsten Brehm, der SPD-Fraktionschef im Nürnberger Stadtrat, hat bereits vor einiger Zeit gefordert, dass der Freistaat die Sanierungskosten komplett im Gegenzug für das Ende der Nürnberger Konzerthausträume übernimmt – mit Verweis darauf, dass der Freistaat den neuen Münchner Konzertsaal mit aktuell kolportierten 700 Millionen Euro „komplett zahlt“ und die Nürnberger „auf unseren verzichtet“ haben. „Dies verlangt schon das Ziel der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“, ist sich Riedel sicher.

Derweil will sich das Nürnberger Staatstheater mit Verweis auf die Spielzeit-Sommerpause aktuell explizit nicht in die Debatte einmischen. Kulturbürgermeisterin Julia Lehner (CSU) steht dagegen vor der wohl nicht kleiner werdenden Aufgabe, die Sanierung des Opernhauses und das Auftreiben einer Zwischenlösung finanziell möglichst im engen Rahmen zu halten. Momentan würden laut Lehner „alle Parameter und Rahmenbedingungen eruiert, die nötig sind, um einerseits eine solide finanzielle Planung zu hinterlegen und andererseits das Vorhaben derart aufzugleisen, dass die gesamte Stadtgesellschaft in vielfacher Hinsicht nachhaltig profitieren“ könne.

„Die derzeit nur schätzbaren Kosten des Vorhabens stellen sicher eine große Verpflichtung dar, der sich alle Beteiligten gewissenhaft stellen müssen“, ist sich Lehner sicher und verweist darauf, dass Freistaat und Stadt Nürnberg gleichberechtigte Träger des Nürnberger Staatstheaters sind. Auch für Lehner ist klar, dass eine Sanierung plus Interimsspielstätte „ohne Zutun der Staatsregierung nicht möglich“ sein werde.

Unterdessen hat man in München das Flehen aus Franken offensichtlich bereits erhört. Allerdings scheint das Finanzministerium dem Drängen aktuell jedenfalls noch nicht nachgeben zu wollen. Relativ kühl wird darauf verwiesen, dass die Stadt Nürnberg als Eigentümerin des Opernhauses zuständig für die Durchführung baulicher Investitionen am Gebäude sei. Der Regelfördersatz für Theater- und Konzertsaalbauten betrage nach den derzeit gültigen Bestimmungen maximal 75 Prozent der zuweisungsfähigen Ausgaben. „Eine hundertprozentige Förderung scheidet insofern schon aus zuwendungsrechtlichen Gründen aus“, teilt Michael Brandl, Sprecher im Finanzministerium, auf Anfrage mit. (Nikolas Pelke)

 

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