Kommunales

Daniel Holmer versucht den in den vergangenen Jahren oft stark gespaltenen Gemeinderat zu versöhnen. (Foto: Stäbler)

23.10.2026

Der Brückenbauer: Ein Grüner regiert im Rathaus von Gröbenzell

Grüne Bürgermeister in Kommunen mit gut 20.000 Einwohnern oder mehr gibt es in Bayern nicht einmal in einer Handvoll Städten und Gemeinden – Gröbenzell bei München ist eine davon. Seit Mai sitzt Daniel Holmer, der sich seit vielen Jahren ehrenamtlich im Jugendsport engagiert, auf dem Chefsessel im Rathaus. Für den vor Ort tief verwurzelten 43-jährige Betriebswirt und Unternehmer ist klar: „Ich bin nicht gewählt worden, weil ich ein Grüner bin, sondern obwohl ich ein Grüner bin“

Die einzige Pflanze im Bürgermeisterbüro des Gröbenzeller Rathauses macht einen – und das ist noch freundlich ausgedrückt – trübsinnigen Eindruck. Mit hängenden Blättern steht das Gewächs wie ein Fremdkörper am Boden neben der Eingangstür. Hat also ausgerechnet der erste grüne Rathauschef im Ort und im gesamten Landkreis Fürstenfeldbruck keinen grünen Daumen?

Eine Antwort auf diese Frage könnte nun gleich in mehrerlei Hinsicht als Fingerzeig auf die inzwischen fast halbjährige Amtszeit von Daniel Holmer dienen. Etwa, dass der 43-Jährige in seinem neuen Job als Gemeindeoberhaupt der knapp 20.000 Einwohner zählenden Kommune im Westen von München bislang schlicht zu beschäftigt gewesen ist für die Grünpflege im eigenen Büro. „Die Zeit verfliegt regelrecht. Von Montag bis Donnerstag gehen meine Arbeitstage von 8.15 Uhr bis 20.15 Uhr – und da ist kaum Leerlauf drin“, sagt Holmer.

Dass der Grünen-Politiker ausgerechnet das einzig Grüne in seinem Amtszimmer vernachlässigt, ließe sich indes auch dahingehend deuten, dass der promovierte Volkswirt seiner Parteifarbe gar nicht so viel Aufmerksamkeit schenken will – ein Phänomen, das man bereits im Wahlkampf beobachten konnte. So war sein Kandidatenflyer nicht etwa grün, sondern schwarz-grau, und auch den Namen seiner Partei musste man darauf mit der Lupe suchen.

Um Überparteilichkeit bemüht

„Ich bin nicht gewählt worden, weil ich ein Grüner bin, sondern obwohl ich ein Grüner bin“, sagt Daniel Holmer. Und auch jetzt im Amt sei er um eine gewisse Überparteilichkeit bemüht, betont er. „Ich will nicht der grüne Bürgermeister von Gröbenzell sein, sondern der Gröbenzeller Bürgermeister.“ Zupass komme ihm dabei, dass im benachbarten München in Dominik Krause ebenfalls erstmals ein Mitglied seiner Partei an der Rathausspitze stehe. „Da bin ich als – in Anführungsstrichen – Dorfbürgermeister in Gröbenzell etwas unter dem Radar“, sagt Holmer. „Und das macht es mir leichter.“

Kurzum, hier im Bürgermeisterbüro und mit Blick auf die vereinsamte Zimmerpflanze könnte Daniel Holmer verschiedene Bögen zu seinem Amt schlagen. Die Erklärung jedoch ist denkbar simpel: „Die Pflanze ist im Moment noch ein Platzhalter“, erläutert der Rathauschef. Schließlich sei die Einrichtung seines Büros erst vor zwei Wochen komplett ausgetauscht worden, nachdem die Möbel teils noch aus den 1950er-Jahren stammten. Was freilich als Sinnbild taugt, denn seit dem Einzug Holmers ins Rathaus läuft dort manches anders.

Dabei hatten vor der Bürgermeisterwahl nur die wenigsten damit gerechnet, dass in Gröbenzell tatsächlich ein Grüner obsiegen könnte. Doch dann landete Daniel Holmer mit 24,5 Prozent der Stimmen im ersten Durchgang auf Rang zwei hinter dem CSU-Kandidaten Jens Wäcken, ehe er diesen zwei Wochen später in der Stichwahl bezwang – und gerade mal mit 298 Stimmen Vorsprung.

"Man sieht, dass du richtig Bock auf das Amt hast"

Auf die Frage nach den Gründen für den Erfolg, nachdem er bei seiner ersten Kandidatur 2014 lediglich auf 16,5 Prozent gekommen war, antwortet Holmer: „Jemand hat mal im Wahlkampf zu mir gesagt: Man sieht, dass du richtig Bock auf das Amt hast. Und ich denke, das hat sicher eine Rolle gespielt.“ Ein weiterer Faktor dürfte die tiefe Verwurzelung des dreifachen Familienvaters in Gröbenzell sein: In der auch gerne als Gartenstadt bezeichneten Gemeinde ist Holmer aufgewachsen und zur Schule gegangen. Hier hat er durchgehend seinen Lebensmittelpunkt gehabt; hier gründete er eine Firma, die Betreuungskräfte aus dem Ausland an Senioren vermittelt; und hier hat er sich schon früh ehrenamtlich engagiert, etwa als Abteilungsleiter im örtlichen Handballverein.

Fast folgerichtig kam Daniel Holmer im Jahr 2014 zur Kommunalpolitik. Denn obwohl er bei der damaligen Bürgermeisterwahl chancenlos war, zog er für die Grünen in den Gemeinderat ein, wo er in der vergangenen Legislaturperiode zum Fraktionsvorsitzenden aufstieg. In dieser Funktion erlebte Holmer hautnah mit, wie in dem Gremium oft heftig gezankt und gezetert wurde – inklusive persönlicher Attacken.

„Da hat’s teilweise richtig geknallt, und es gab verhärtete Fronten“, sagt Holmer über die Stimmung im Gemeinderat. Dieser lieferte sich unter anderem harte Auseinandersetzungen um eine geplante Unterkunft für Geflüchtete im Ort. Hinzu kam die sogenannte Honoraraffäre rund um Bürgermeister Martin Schäfer (UWG), der Kosten für eine Anwaltskanzlei aus der Gemeindekasse beglichen hatte.

Seit seinem Amtsantritt habe sich die Atmosphäre im neuen Gemeinderat jedoch spürbar beruhigt, sagt Daniel Holmer, der von einem „Stimmungsumschwung“ spricht. Dies sei auch eines seiner Ziele gewesen. „Denn ich möchte mit allen 30 Gemeinderatsmitgliedern zusammenarbeiten. Das ist ein gutes Gremium.“

Viele große Herausforderungen

An Arbeit und Herausforderungen mangelt es dem Gemeinderat und auch dem neuen Bürgermeister jedenfalls nicht. Zuvorderst sei da die geplante Sanierung der Kirchenstraße, die schon sein Vorgänger angestoßen habe, sagt Holmer. Hierdurch könne das Gröbenzeller Ortszentrum eine echte Aufwertung erhalten, ist der Bürgermeister überzeugt.

Der Haken daran ist, dass im Zuge einer Sanierung etwa die Hälfte der vorhandenen Parkplätze wegfallen würde – ein Aderlass, den einige Grundstückseigner in dem Bereich kritisch sehen. Dabei hätte die Gemeinde laut Holmer die Aussicht auf eine großzügige Förderung. „Das hat zur Folge, dass uns eine Minimalsanierung im Endeffekt sogar mehr kosten würde“, sagt der Rathauschef.

Was einen direkt zu den gemeindlichen Finanzen bringt. „Da sind wir nicht auf Rosen gebettet“, sagt Daniel Holmer. Dies wiege umso schwerer, als es einen großen Sanierungsstau bei der Infrastruktur im Ort gebe. Unter anderem müsse die örtliche Mehrzweckhalle ebenso saniert werden wie eine der drei Grundschulen, sagt Holmer. „Und auch unser Feuerwehrhaus ist eigentlich zu klein.“

Und dann ist da noch eine ungleich erfreulichere Herausforderung, die auf den neuen Bürgermeister wartet. Denn offiziell gegründet wurde Gröbenzell 1952, weshalb die Gemeinde kommendes Jahr ihren 75. Geburtstag begeht. Und dies soll Holmer zufolge gebührend gefeiert werden. Er selbst erinnere sich noch gut an die Feste zum 50- und 60-jährigen Bestehen der Gemeinde, sagt der Rathauschef. „Solche Feiern bringen den ganzen Ort zusammen und sind ein Stück weit auch identitätsstiftend.“ Wie genau er sich die Gröbenzeller Geburtstagssause vorstellt, will Holmer demnächst dem Gemeinderat vorstellen.

Immer im Einsatz

Er selbst wird das Jubiläumsfest zumindest als Privatperson jedoch nur bedingt genießen können. Denn auch das hat er in seinen ersten sechs Monaten im Amt erfahren: Ein Bürgermeister legt seinen Job nicht ab, wenn er die Bürotür hinter sich zuzieht. „Ich gehe inzwischen nicht mehr bei uns im Ort in den Supermarkt“, sagt Daniel Holmer. „Ich will mir nicht von allen in den Einkaufskorb schauen lassen, und dass die Leute hinterher darüber sprechen, was es beim Bürgermeister zu essen gibt.“ Stattdessen fährt er zum Einkaufen in den Nachbarort – und auch sonst achtet Daniel Holmer darauf, dass er trotz seiner hervorgehobenen Rolle sich und seiner Familie etwas Anonymität behält.

Was freilich nicht heiße, dass ihm sein neues Amt keine Freude bereite – im Gegenteil, betont Daniel Holmer. „Ich bin bisher jeden einzelnen Tag aus dem Rathaus gegangen und habe mir gedacht: Das war heute ein guter Tag“, sagt der Bürgermeister.

Wohl auch deshalb kann er sich durchaus vorstellen, im Jahr 2032 noch eine weitere Amtszeit dranzuhängen. „Es ist eigentlich noch zu früh, darüber nachzudenken“, sagt Daniel Holmer. „Aber grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass zumindest zwei Amtszeiten für einen Bürgermeister sinnvoll sind.“
(Patrik Stäbler)

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