Kommunales

Viele Menschen wollen ehrenamtlich helfen: etwa als Trainer im Kinder- und Jugendfußball. Foto: dpa/Revierfoto

12.04.2019

Die Wunderwaffe für das Ehrenamt

Viele Menschen wollen vor Ort anderen helfen – doch nicht jeder findet eine geeignete Organisation. Eine Münchner App soll die Lösung bringen

Zwei Studienabbrecher aus München haben eine Art Tinder fürs Ehrenamt entwickelt: Ihre App „Let‘s Act“ vermittelt Freiwillige an Hilfsorganisationen. Auch die Kommunen könnten von der Technik profitieren.

Der Kopf ist geneigt, in der Hand liegt das Smartphone, der Daumen wischt und wischt, als sei auf dem Display ein Fleck, der nicht weggehen will. Im nächsten Moment hält der Finger inne, die Augen fixieren den Bildschirm, und binnen Augenblicken beantwortet das Gehirn die Frage: Will ich das? Lautet die Antwort Ja, darf der Daumen tippen; bei Nein wird weiter gewischt. Auf diese Art und Weise steuern gerade junge Menschen weite Teile ihres Lebens. Auf der Suche nach einer Ferienwohnung, der Liebe oder einem Taxi wischen sie sich durch Airbnb, Tinder oder Uber. Für jedes Bedürfnis gibt es eine App.

Für jedes? Nein, glaubt zumindest Ludwig Petersen – und verweist auf eine Studie, die außer ihm wohl nicht viele 19-Jährige gelesen haben. Sie heißt Freiwilligensurvey, wird im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erhoben und hat festgestellt, dass sich 44 Prozent der Deutschen ehrenamtlich engagieren. Wichtiger ist Ludwig Petersen aber eine andere Zahl: „33 Prozent würden sich gerne engagieren, finden aber nicht die richtige Möglichkeit.“ Hier wollen er und sein 20-jähriger Schulfreund Paul Bäumler ansetzen – natürlich mit einer App. Sie heißt „Let‘s Act“ und soll Freiwillige und gemeinnützige Organisationen zusammenbringen. So schnell und unkompliziert wie Tinder – quasi eine Dating-App fürs Ehrenamt.

Zu Besuch im Büro von „Let‘s Act“ in München-Schwabing, das sich, umgeben von anderen Startups, im Entrepreneurship Center der Ludwig-Maximilians-Universität befindet – was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, haben Petersen und Bäumler doch beide ihr Studium abgebrochen, um sich voll auf ihre Firma zu konzentrieren. „Ich sage lieber, wir haben das Studium unterbrochen“, sagt der 19-Jährige nach der Begrüßung und grinst.

Der schmale Mann im Wollpulli würde noch als Schüler durchgehen und wirkt vielleicht deshalb im ersten Moment schüchtern. Doch kommt er einmal ins Reden und reiht seine druckreifen, aber keineswegs gestanzten Sätze aneinander, dann merkt man schnell, wie ernst ihm diese Sache ist, wie viel Zeit und Energie sein Schulfreund und er hineingesteckt haben, und wie ambitioniert ihre Ziele sind.

Mehr als 3000 Freiwillige in über 100 Organisationen

„Wir haben beide selbst Volunteering gemacht“, sagt Petersen – er etwa bei der interkulturellen Straßenfußballliga „Bunt kickt gut“. Bereits da habe er gemerkt, „dass die Verbindung zwischen Freiwilligen und Organisationen extrem schlecht ist. Junge Leute haben heute Airbnb, wenn sie eine Wohnung suchen, oder Uber für Taxis – aber wenn sie sich freiwillig engagieren wollen, gibt es dafür keinen Platz.“ Wobei das so auch nicht stimme, räumt Petersen im nächsten Satz ein. Vielmehr gebe es sogar Unmengen an Plätzen, und zwar in Form von Freiwilligenbörsen. Doch diese seien oft schnöde Datenbanken mit veralteten Inhalten: „Geben Sie mal bei Google Umweltprojekt und Freiwillige ein – da werden Sie beim Suchen verrückt.“

Genau hier setzt „Let‘s Act“ an – eine schlanke, schicke App, in der sich Nutzer durch die Gesuche von gemeinnützigen Organisationen wischen können. Hier wirbt ein Verein um Helfer für ein Benefizkonzert, dort geht es um Nachhilfe für bedürftige Kinder, und wieder etwas weiter sollen Fahrräder für Geflüchtete repariert werden. Ist das Passende gefunden, reicht ein Tippen und man hat ein sogenanntes Match – wie bei Tinder, nur dass hier kein Date daraus folgt, sondern soziales Engagement.

Um Sicherheit auf beiden Seiten zu schaffen, können Freiwillige und Organisationen Profile anlegen; ein Gruppenchat zu jedem Projekt soll die Kommunikation untereinander verbessern. „Wir haben bei der Entwicklung der App eng mit Hilfsorganisationen zusammengearbeitet“, sagt Petersen.

Auch die Kommunen profitieren von der Technik. Denn mehr ehrenamtliche Helfer vor Ort erhöhen die Lebensqualität und bei manchen Leistungen, wie etwa bei der Altenbetreuung, spart eine Stadt oder Gemeinde sogar bares Geld, weil sie diese dann nicht selbst teuer organisieren muss.

Nach einem Pilotversuch mit 500 Freiwilligen in München ist „Let‘s Act“ seit Jahresbeginn deutschlandweit aktiv – aktuell mit mehr als 3000 Freiwilligen und über 100 Organisationen. Für sie alle ist die App kostenlos; bislang haben Petersen und Bäumler in eineinhalb Jahren noch keinen Cent verdient. Zu Beginn hätten sie ihr eigenes Geld zusammengekratzt, sagt der 19-Jährige. Inzwischen gebe es einen Start-up-Fonds aus Berlin, der sie unterstütze.

„Meine Generation will mit anpacken“

Mittelfristig wolle man Geld im Bereich Corporate Volunteering verdienen, also wenn Firmen „Let‘s Act“ für betriebliche Freiwilligenprogramme nutzen. Überdies könnten große Hilfsorganisationen dafür bezahlen, wenn sie einen separaten Bereich innerhalb der App für die Betreuung ihrer eigenen Freiwilligen nutzen wollen, sagt Petersen.

Er und sein Mitgründer sind voller Pläne, wie es mit dem Projekt weitergehen soll – angefangen von Kooperationen mit Bürgerstiftungen und Landkreisen über die Einbindung von Bundesfreiwilligendienst und Freiwilligem Sozialen Jahr bis hin zu einem Spenden-Netzwerk.

Wollen sie die Welt ein Stückchen besser machen? Ja, das sei ihr Ziel, bekräftigt Ludwig Petersen. Er ist überzeugt: „Die Leute in meiner Generation wollen mit anpacken, das sieht man ja auch bei den Fridays for Future. Die Bereitschaft ist da – wir wollen den jungen Menschen die Möglichkeiten bieten.“ (Patrik Stäbler)

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