Ein eigenes Auto möchten immer mehr Menschen aus ökologischen Gründen nicht mehr haben, andere können es sich schlicht nicht leisten. Allerdings macht es auch keinen Spaß, im Winter an der kalten Haltestelle auf den Bus zu warten. Leihautos sind deshalb eine immer beliebter werdende Alternative. Laut Statistik des Bundesverbands Carsharing stellen aktuell bundesweit fast 300 Anbieter in knapp 1400 Gemeinden über 45.000 Car-sharing-Fahrzeuge bereit.
Allerdings: Die ersten Anbieter zogen sich in jüngster Zeit mangels Rentabilität wieder vom Markt zurück. Dies soll hauptsächlich an horrend gestiegenen Versicherungsprämien liegen. So teilten die Stadtwerke Brühl mit, dass sie ihr E-Carsharing-Angebot BrühlMobil Ende 2025 nach viereinhalb Jahren eingestellt haben. Die Kfz-Versicherung habe den Vertrag zum Jahresende gekündigt, erläuterte Geschäftsführer Thomas Isele. Alternative Angebote hätten die Kosten so stark erhöht, dass ein wirtschaftlicher Betrieb nicht mehr möglich gewesen wäre.
Gunnar Nehrke, Geschäftsführer des Bundesverbands Carsharing, betont zwar, dass der Fall nicht repräsentativ sei: „Ich kann nicht bestätigen, dass viele Carsharing-Anbieter wegen hoher Versicherungsprämien aufgeben.“ Doch auch diverse bayerische Betriebe klagen über explodierende Versicherungskosten.
Am Chiemsee mussten wegen der Versicherungskosten Standorte schließen
Stark gestiegene Versicherungskosten verhinderten, dass die Überall GmbH, ein E-Carsharing-Anbieter aus Prien am Chiemsee, ihr unternehmerisches Ziel erreichen konnte. Einzelne Standorte mussten aufgegeben werden, weiteres Wachstum wurde verhindert, so Geschäftsführer Felix Weiss. „Für 2026 konnten wir durch einen Kraftakt unsere Versicherungskosten im Vergleich zu 2025 deutlich reduzieren, aber bei Weitem nicht auf das Niveau vor 2025“, berichtet er. Insgesamt seien die Kosten in den letzten Jahren sehr stark gestiegen, die Erträge dagegen zu langsam. Vor allem Defizite an ländlichen Standorten hätten sich deutlich erhöht.
Erlangen: Prämien in einem Jahr um 125 Prozet gestiegen
Gerhard Schneider vom Verein Carsharing Erlangen berichtet ebenfalls: „Unsere Kosten für die Fahrzeugversicherung stiegen von 2024 auf 2025 um rund 125 Prozent, das war echt happig.“ Die Erlanger Flotte besteht aktuell aus 35 Fahrzeugen. Pro Auto fallen etwa 2000 Euro an Versicherung im Jahr an.
Peter Bantele von Stadtflitzer Carsharing aus Kempten verdankt es auch seinen Kunden und Mitarbeitern, dass die Versicherungsprämien für sein Unternehmen bislang kein Problem sind. „Aufgrund der umsichtigen Fahrweise unserer Teilnehmer haben wir eine sensationelle Schadensrate, sodass ich die Versicherung zwingen konnte, von der obligaten Erhöhung abzusehen“, sagt er. Allerdings werden die meisten Schäden an den aktuell 27 Fahrzeugen nicht an die Versicherung weitergegeben. Um kleinere Dellen kümmern sich zwei Mechaniker in einer eigenen Werkstatt.
Erst vor einem halben Jahr startete das Unternehmen Carsharing.Expert GmbH aus Schöngeising im Großraum München seinen Betrieb. „Wir haben bisher gute Versicherungskonditionen“, so die stellvertretende Geschäftsführerin Sonja Stumbaum. Alles in allem sind nach ihren Worten die Kosten jedoch gerade am Anfang tatsächlich sehr hoch: „Was Autos, Versicherung, Software, App, rechtliche Beratung und IT betrifft.“ Das neue Carsharing-Angebot wird nach ihren Worten gut angenommen. Bisher sei auch nur ein einziger Schaden zu beklagen.
Vielerorts ungünstige Rahmenbedingungen
Doch wenn man keiner der großen Carsharing-Player ist, wird man aber nicht reich. Die Gewinnaussichten, bestätigt Peter Bantele aus Kempten, seien „überaus übersichtlich“. Und das trotz hohem Interesse: „Unser Angebot wird rege und zunehmend genutzt, wir haben rund 165 feste Teilnehmer.“
Wegen der großen Nachfrage wuchs die Kemptener Flotte binnen fünf Jahren von zwölf auf 27 Fahrzeuge. Die aktuellen Erträge werden laut dem Stadtflitzer-Initiator zu 90 Prozent in neue Fahrzeuge investiert.
Fehlende politische Unterstützung
Die Politik müsste aus Umweltschutzgründen eigentlich an einer Ausdehnung von Carsharing interessiert sein. Doch es mangelt an Unterstützung, findet Gerhard Schneider vom Verein Car-sharing Erlangen. Ihn ärgert vor allem, dass man in Erlangen für Carsharing-Stellplätze auf öffentlichem Grund ziemlich viel zahlen müsse. Nicht zuletzt mit Blick auf die hohe Versicherungssumme sei es wichtig, Carsharing politisch zu unterstützen.
Bereits 2017 trat ein Gesetz in Kraft, das es Kommunen ermöglicht, Carsharing zu fördern. Demnach können Städte und Gemeinden allgemeine Carsharing-Stellplätze im öffentlichen Straßenraum ausweisen. Das Gesetz erlaubt auch, Parkgebühren für Car-sharing-Fahrzeuge zu ermäßigen. Es eröffnet Kommunen sogar die Möglichkeit, einem einzelnen Carsharing-Anbieter zugeordnete Stellplätze im öffentlichen Raum als Sondernutzung zu gewähren.
In Erlangen würde man sich wünschen, dass diese Förderchancen genutzt werden. Die hohe Versicherungssumme bedeutet für den stark von ehrenamtlichem Engagement getragenen Verein zwar nicht, dass er aufgeben muss, so Geschäftsführer Schneider: „Doch wir sind zu Preisanpassungen gezwungen gewesen.“ Überhaupt habe man im Jahr 2025 ziemlich zu kämpfen gehabt, denn auch Werkstattkosten und Leasingraten seien in die Höhe geschnellt. Auch durch mehr Digitalisierung versuche man nun, die Kosten in den Griff zu bekommen.
Werbung mobilisiert
Nach Vorstellung von Matthias Henneberger (ÖDP), Dritter Bürgermeister des Marktes Randersacker bei Würzburg, sollten Vorhaltekosten für Carsharing über den Verkehrshaushalt getragen werden. Inhaber des Deutschlandtickets sollten Carsharing dann günstig nutzen können. In Randersacker sorgte seine Partei dafür, dass es nun immerhin einen Leihwagen gibt: „Rechtlich läuft unser Angebot über Ford-Carsharing.“ Um das Projekt zu starten, musste Werbung in Höhe von 200 Euro pro Monat mobilisiert werden. Das übernahm die ÖDP für zwei Jahre. Eigentlich, so der Bürgermeister, sollte die Anfangsfinanzierung von der Kommune übernommen werden.
Dafür plädiert auch der Bundesverband Carsharing. „In Bayern gibt es viele Carsharing-Angebote in kleinen Städten und im ländlichen Raum, die Landesregierung sollte diese erfolgreichen Modelle abseits der Großstädte besonders fördern“, appelliert Geschäftsführer Nehrke. Die Gründe lägen auf der Hand: „Carsharing reduziert den Parkdruck im öffentlichen Raum, bietet einkommensschwachen Haushalten einen preiswerten Zugang zu Pkw-Mobilität und fördert nachweislich die Nutzung von ÖPNV und Fahrrad.“ (Pat Christ)
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