Kommunales

Die Schillerstraße ist nicht unbedingt ein schöner Ort zum Leben. (Foto: Stäbler)

29.08.2025

"Es herrscht ein Klima der Angst"

Münchner Hauptbahnhof: Am Alten Botanischen Garten hat sich die Situation verbessert – doch Geschäftsleute klagen, die Szene habe sich nach Süden verlagert

Das Bahnhofsviertel der Landeshauptstadt hat seit jeher ein mieses Image. Doch zuletzt habe sich die Sicherheitslage rund um die Schillerstraße noch mal drastisch verschlechtert, mahnt nun auch die Münchner CSU. Sie berichtet von Drogen, Gewalt und darunter leidenden Betrieben. Die Polizei konstatiert ebenfalls steigende Fallzahlen.

In der Schillerstraße in München ist ein dicker Fisch ins Netz gegangen – und das weckt natürlich das Interesse der Passanten. Fast ein Dutzend von ihnen hat sich rund um einen Autoanhänger gruppiert, der an diesem Vormittag vor einem der vielen internationalen Supermärkte parkt. Auf der Ladefläche steht ein Mann mit weißer Schürze um den Leib, in beiden Händen einen Kescher, in dem er nun mit reichlich Gespritze eine Handvoll lebende Karpfen von beachtlicher Größe aus einem Becken in eine weiße Plastikwanne lupft – mutmaßlich, um sie später in dem Geschäft feilzubieten.

Körperverletzungen und viele Drogendelikte

Wobei sich in der Schillerstraße noch ganz andere Fische herumtreiben, dicke wie kleine. Davon ist zumindest die Münchner CSU überzeugt, die kürzlich eine „erheblich verschlechterte“ Sicherheitslage beklagt hat in der 700 Meter langen Verbindung zwischen dem Hauptbahnhof und den Kliniken an der Nußbaumstraße. Demnach finde dort „regelmäßig offener Drogenhandel statt“. Und weiter: „Kriminelle Banden verbreiten ein Klima der Angst, Aggressivität herrscht, bedrohliche Situationen durch Gewalt und ständige Auseinandersetzungen bestehen, es erfolgt eine zunehmende Vermüllung.“

All dies habe zur Folge, dass sich Anwohner, Beschäftigte und Touristen unsicher fühlten, glaubt die CSU. Überdies würden die Läden und Hotels in der Schillerstraße unter alledem leiden. „Das gefährdet die Existenzgrundlage der Betriebe“, heißt es in der Mitteilung der Partei.

Es sind markige Worte, die zu Teilen wohl auch dem anrollenden Kommunalwahlkampf geschuldet sind. Jedenfalls garniert die CSU ihren Warnruf mit einigen Sätzen ihres Oberbürgermeister-Kandidaten Clemens Baumgärtner, der mahnt: „Wegsehen ist keine Option.“ Die Schillerstraße müsse wieder ein Ort werden, „an dem sich Familien, Geschäftsleute und Touristen gerne aufhalten“, fordert Baumgärtner. Hierzu brauche es neben einer verstärkten Polizeipräsenz auch eine Videoüberwachung sowie mehr Patrouillen des kommunalen Außendiensts (KAD).

Zwei Beamte des KAD spazieren durch die Schillerstraße

Wie aufs Stichwort sieht man an diesem Tag – nur einen Steinwurf vom Karpfen-Abladen entfernt – zwei Beamte des KAD durch die Schillerstraße spazieren. Sonst ist von einem Klima der Angst aber ebenso wenig zu spüren oder sehen wie von Dealern und Gewalt – was angesichts der Tageszeit aber kaum überrascht. Unabhängig davon herrscht hier reges Treiben: Autos schieben sich nur im Schritttempo voran, auf den Bürgersteigen ziehen Touristen ihre Rollkoffer zum Hauptbahnhof. Allenthalben stehen Männer in Gruppen zusammen oder sitzen vereinzelt in Hauseingängen. Gefühlt alle paar Schritte tauchen die blickdichten Fenster eines Wettbüros auf; dazu gibt’s reichlich Juweliere, Handyshops und Friseure sowie das eine oder andere Rotlicht-Etablissement – aber auch charmante Cafés, hippe Büros und Hotels aller Preisklassen.

Eines davon, das „Schiller 5“, leitet Ulrike Kless-Böker, die mit den Klagen der Münchner CSU gar nicht d’accord geht. „Angst braucht man hier keine haben“, betont die Hoteldirektorin. Zwar seien der Dreck und die zahllosen Baustellen ein leidiges Thema im Bahnhofsviertel. Aber gerade im vergangenen Jahr sei vieles besser geworden, findet Ulrike Kless-Böker. Ihr zufolge ist dies nicht zuletzt der „Task-Force Bahnhofsviertel“ zu verdanken, die 2024 auf Initiative von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) eingerichtet wurde. „Diesen Weg müssen wir jetzt weitergehen“, fordert die Hoteldirektorin.

Etwas anders bewertet das Reinhard Sigel, der einen Spielzeugladen in der nahen Landwehrstraße betreibt und Vorsitzender des Vereins Südliches Bahnhofsviertel ist. Er betont: „Die Situation rund um die Schillerstraße ist dramatisch.“

Daher habe sein Verein kürzlich einen Brandbrief ans Rathaus geschickt, worauf es zu einem Ortstermin mit Polizei und Kreisverwaltungsreferat kam. Um 21 Uhr sei man das Gebiet abgegangen und habe all das angetroffen, worüber „jeder hier“ klage, so Sigel – also Drogen, Verwahrlosung und Angsträume. „Geschäftsinhaber berichten uns, dass ihre Kunden sich nicht sicher fühlen“, sagt der Vereinschef. Dies spiegle sich auch in den Bewertungen vieler Hotels wider, worunter die Betriebe leiden.

Verschlechterte Sicherheitslage

Ein Grund für die verschlechterte Sicherheitslage in jüngster Zeit sei die Situation im Alten Botanischen Garten, glaubt Sigel. Dort haben Stadt und Polizei etliche Maßnahmen ergriffen, um den einstigen Brennpunkt zu entschärfen. Dies sei auch gelungen, sagt Sigel. „Aber es hat zu Verdrängungseffekten ins südliche Bahnhofsviertel geführt.“

Seitens der Polizei will man dies nicht bestätigen. „Aufgrund vorliegender Schwankungen des Anzeigenaufkommens lässt sich derzeit kein klarer Trend im südlichen Bahnhofsviertel erkennen“, teilt eine Sprecherin mit. Rund um die Schillerstraße hätten die Deliktzahlen jedoch zugenommen. Der Schwerpunkt liege dabei auf Körperverletzung und Drogen, so die Polizeisprecherin. „Sie treten überwiegend szeneintern auf, haben aufgrund ihrer Wahrnehmbarkeit jedoch auch negative Auswirkungen auf die subjektive Sicherheit in diesem Bereich.“

Um hier gegenzusteuern, lege die Polizei ihr Augenmerk seit einiger Zeit verstärkt aufs südliche Bahnhofsviertel. Dort werde häufiger kontrolliert, vor allem mit Blick auf die Rauschgiftszene. Zudem prüfe die Polizei eine Videoüberwachung in dem Bereich, sagt die Sprecherin. Diese Maßnahme hat sich im Alten Botanischen Garten als wirkungsvoll erweisen; zuletzt wurde auch am Stachus ein neuer mobiler Videoturm aufgestellt.

Komplexere Situation als im Alten Botanischen Garten

An der Schillerstraße sei die Situation jedoch weitaus komplexer als im Alten Botanischen Garten, gibt Reinhard Sigel zu bedenken. Erschwerend hinzu kämen die zahllosen Baustellen im Viertel – zwei große finden sich auch am Anfang und Ende der Schillerstraße. „Da gibt es viele Möglichkeiten, Sachen zu verstecken“, sagt der Vereinschef. Um die Sicherheitslage zu verbessern, plädiert er für mehr Präsenz durch Polizei und KAD, mehr Beleuchtung und Reinigung sowie eine Videoüberwachung rund um die Schillerstraße. Helfen könne auch mehr „soziale Kontrolle“, sagt Sigel, wofür es jedoch eine „andere Durchmischung im Viertel“ brauche.

Letzteres ist ein Ziel, das allenfalls mittelfristig erreicht werden kann; auf die Schnelle soll vor allem der verstärkte Einsatz der Polizei die Lage verbessern. Deren Sprecherin betont, dass man „eine Verschlechterung der Sicherheitslage nicht akzeptieren“ und „konsequent gegen Straftaten jeder Art vorgehen“ werde. Heißt also, dass auch der Polizei rund um die Schillerstraße die Fische ins Netz gehen sollen.
(Patrik Stäbler)

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