Kommunales

Der 50-jährige Hans-Jörg Birner ist seit zehn Jahren Bürgermeister von Kirchanschöring. (Fotos: Gemeinde Kirchanschöring)

22.06.2018

Ethisch einwandfreie Geldgeschäfte

Hans-Jörg Birner ist Bayerns Bürgermeister des Jahres

Hans-Jörg Birner (CSU), Rathauschef der Gemeinde Kirchanschöring im Landkreis Traunstein, ist Bayerns Bürgermeister des Jahres. Seine Kommune überzeugt durch ein innovatives Wohnkonzept zum Flächensparen und das strenge Ethik-Gebot bei Geldanlagen.

Rund 2000 Bürgermeister gibt es in Bayern und die allermeisten von ihnen machen einen richtig guten Job, manche sogar einen hervorragenden. Aber es ist wie bei Olympia, wo ja auch nur Top-Athleten antreten: Einer ist am Ende immer der Beste, zumindest formal. Die Position freilich wechselt, da müssen auch die äußeren Umstände stimmen und eine Portion Glück gehört ebenfalls dazu.

Die Pullacher Rechtsanwaltskanzlei Detig – Stefan Detig war von 2002 bis 2008 Bürgermeister der Gemeinde im Landkreis München – und die Münchner Firma LKC Kommunalberatung küren alljährlich „Bayerns Bürgermeister des Jahres“. Man kann sich dafür nicht selbst bewerben, sondern muss vorgeschlagen werden, das passiert meist anonym.

Heuer geht die Ehre an Hans-Jörg Birner (CSU). Der 50-Jährige ist seit zehn Jahren Bürgermeister der rund 3350 Einwohner zählenden Gemeinde Kirchanschöring im Landkreis Traunstein; seit der Kommunalwahl 2014 erledigt er seinen Job hauptamtlich. „Ich weiß nicht, wer mich vorgeschlagen hat“, meint Bürgermeister Birner schmunzelnd – „aber ich habe zumindest einen Verdacht: Es muss jemand aus dem Landratsamt in Traunstein gewesen sein.“

Vermögen wird nicht bei Rüstungsfirmen investiert

Was ihn für den Titel nach seiner Einschätzung qualifiziert haben könnte? „Wir sind sehr innovativ bei den Themen Nachhaltigkeit und ethische Orientierung“, erläutert der Rathauschef, der vor seinem Wechsel in die Kommunalpolitik als Diplom-Ingenieur für Prozesstechnik in einem Maschinenbaubetrieb gearbeitet hat. Konkret bedeutet das: „Wir haben schon vor vielen Jahren damit begonnen, unsere Rücklagen nur noch bei ethischen Banken zu investieren.“

Bei diesen besonderen Kreditinstituten gelten strenge Regeln: Unter anderem darf es keine Zusammenarbeit mit Rüstungsfirmen geben und bei den Investitionen muss darauf geachtet werden, dass die Menschenrechte nicht verletzt werden. Auch spezielle Umwelt-standards sind zu beachten. Gemessen an diesen strengen Vorgaben fällt für die Kirchanschöringer Rücklagen sogar die seriöse Kreissparkasse raus.

Auch haben die Kirchanschöringer ein sogenanntes Haus der Begegnung errichtet mit dem Ziel, dass ältere und pflegebedürftige Mitbürger in ihrem Heimatort bleiben können und nicht etwa in ein weiter weg gelegenes Heim gebracht werden müssen. Die älteren Menschen leben in diesem Haus in einer Art Wohngemeinschaft. Doch damit ist die Vorreiterrolle der oberbayerischen Kommune in Sachen Wohnen noch lange nicht zu Ende.

Gleichzeitig läuft im Rahmen des Gemeindeentwicklungsplans ein bayernweites Pilotprojekt zum Thema Flächensparen. „Wir wollen weg von den Einfamilienhäusern“, sagt der Bürgermeister entschieden – wohl wissend, dass man sich als Politiker auf dem Land damit erst mal keine Freunde bei der Bevölkerung macht; gehört doch dort das eigene Häuschen zum Lebenstraum der meisten. „Man muss schon viel Überzeugungsarbeit leisten“, verrät Hans-Jörg Birner. „Denn es gibt Alternativen – wie beispielsweise unsere Bauherrengemeinschaft.“

Dabei schließen sich mehrere junge Familien mit Bauabsicht zusammen.“ Die Häuser sind dann entsprechend größer und beinhalten mehrere Wohnungen, statt vieler kleiner gibt es einen deutlich größeren Kindersandkasten beziehungsweise Garten, den dann alle gemeinsam nutzen. Birner ist überzeugt: „Das kommt die Bauherren nicht nur deutlich günstiger, sondern sie haben am Ende sogar mehr Privatsphäre als in manchen Reihenhaussiedlungen, die so eng sind, dass man beim Frühstück auf der Terrasse dem anderen auf den Teller schaut.“

Aus Salzburg erfolgt Druck auf den Wohnungsmarkt

Obendrein hilft das Projekt beim Flächensparen (bis zu 50 Prozent gegenüber herkömmlichen Einfamilienhaussiedlungen); und das liegt Hans-Jörg Birner sehr am Herzen – wobei der Rathauschef bei diesem Thema als gestandener CSUler auch kein Öko-Dogmatiker ist, sondern flexibel agieren möchte. „Beim Volksbegehren der Grünen stört mich vor allem diese starre Quotenregelung“, meint er. In manchen Jahren verbrauche man als Kommune etwas mehr, in anderen etwas weniger. „Uns hier die Eigenverantwortung zu lassen, hat auch was mit Freiheit zu tun. Wenn man den Kommunen alles vorschreibt, dann braucht man irgendwann auch keinen Bürgermeister und keinen Gemeinderat mehr; das, was dann noch bleibt, kann auch der Leitende Verwaltungsbeamte erledigen.“

Was den Vorschlagenden womöglich auch mit überzeugt haben könnte, ist die noch immer sehr gute Versorgungslage in der Gemeinde. Inzwischen gibt es ja viele schöne und auch wohlhabende Orte, in die man aber nur noch zum Schlafen kommen kann. Im Gemeindegebiet gibt es noch immer drei Wirtschaften, einen Discounter und einen regionalen Supermarkt, ebenso Bäcker und Metzger. Für den täglichen Bedarf und abends mal auswärts essen muss also kein Einwohner nach Traunstein fahren.

Völlig sorgenfrei lebt es sich freilich auch in Kirchanschöring nicht, da macht der Bürgermeister kein Geheimnis draus. Man spüre immer mehr den wachsenden Wohnungsdruck aus dem nahen Salzburg. Dort sind die Miet-, Grundstücks- und Immobilienpreise inzwischen nahezu auf Münchner Niveau geklettert, gleichzeitig verdient man in Österreich noch immer etwas schlechter als in Bayern. Gleichzeitig drängen Fachkräfte samt ihrer Familien ins wirtschaftlich boomende Südostbayern; der landschaftliche Reiz tut sein Übriges als sogenannter Pull-Faktor. (André Paul)

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