Kommunales

Der Diplom-Sozialpädagoge Matthias Becker ist seit Mai 2016 Männerbeauftragter der Stadt Nürnberg. (Foto: Daniel Karmann, dpa)

27.05.2019

Gleichstellung einmal anders

In einer Landesarbeitsgemeinschaft haben sich Fachleute der Sozial- und Jugendarbeit vernetzt, um den Interessen von Jungen und Männern mehr Gehör zu verschaffen

Wo findet ein Mann, der häusliche Gewalt erleidet und sich schämt, Hilfe? Mit wem berät sich ein von seiner Frau getrennter Vater, wie er einen guten Kontakt zu seinem Kind aufrechterhalten kann? Wohin wendet sich ein 17-Jähriger, der homosexuell ist, sich noch nicht geoutet hat und gemobbt wird? Drei Lebenssituationen, in denen Männer nach Ansicht von Matthias Becker Diskriminierung erfahren. Zusammen mit 16 Kollegen aus Jugendarbeits- und Gleichstellungsstellen in Bayern hat der Männerbeauftragte der Stadt Nürnberg die Landesarbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit gegründet, um den Belangen von Jungen und Männern auf politischer Ebene mehr Gehör zu verschaffen.

Während bei der Gleichstellung der Frauen in den vergangenen 30 Jahren enorme Fortschritte gemacht worden seien, würden Jungen und Männer in vielen Bereichen benachteiligt, sagt er. Die vorherrschenden Rollenklischees grenzten die Möglichkeiten des angeblich starken Geschlechts ein.

Viele Männer wollten heute etwa Familie und Beruf anders leben als ihre Väter, widersprächen damit aber den gesellschaftlichen Stereotypen. "Wenn ein Mann in Teilzeit arbeitet, reagieren viele mit Unverständnis, weil es das Modell in ihren Köpfen nicht gibt. Das heißt: Das Patriarchat unterdrückt nicht nur Frauen, sondern auch Männer", sagt der Sozialpädagoge.

Der Landesarbeitsgemeinschaft gehe es nicht darum, den Frauen die erkämpften Gleichstellungsrechte wieder abzunehmen, sondern darum, "geschlechterbedingte Macht- und Gewaltstrukturen" auf beiden Seiten abzubauen, betont Becker. Perspektivisch sollte sich in Bayern ein zentraler Männerbeauftragter um die Interessen von Jungen und Männern kümmern.

Beispiel häusliche Gewalt: Obwohl 20 Prozent der Fälle von Frauen ausgingen, werde das Thema Männer in der Opferrolle tabuisiert. Männer hätten Angst, dass ihre Männlichkeit in Frage gestellt wird, wenn sie sich damit jemandem offenbarten. "Frauen können in solchen Fällen in Frauenhäusern Schutz suchen, es gibt aber keine Männerschutzwohnungen", kritisiert Becker.

Männer in der Opferrolle: ein Tabu?

Beispiel gemeinsames Sorgerecht: Das gibt es nur für verheiratete Eltern. Ledige Väter müssen es mühsam vor Gericht erstreiten, wenn die Mutter einem gemeinsamen Sorgerecht nicht zustimmt. "Es ist nicht mehr gesellschaftsadäquat, dass Mütter automatisch das alleinige Sorgerecht erhalten, wenn sie nicht mit dem Vater des Kindes verheiratet sind", meint Becker, selbst Vater von drei Jungen. Wollten Väter das Sorgerecht einklagen, müssten sie vor Gericht begründen, warum es für das Kindeswohl besser sei, wenn sie sich an der Erziehung beteiligen. "Begründet werden müsste doch vielmehr, warum ein Vater das Sorgerecht nicht bekommen soll. Das ist eine rechtliche Ungleichstellung, die vor allem dann schwierig wird, wenn sich das Paar trennt."

Becker ist seit 2016 der Männerbeauftragte der Stadt Nürnberg - er war damals der Erste im Freistaat. Auf seiner Visitenkarte nennt sich das aber "Ansprechpartner für Männer", denn es soll keine Konkurrenz zur Bezeichnung der Frauenbeauftragten entstehen. Inzwischen gibt es eine ähnliche Stelle in Augsburg.

Scheiterten Familien, erlebten Männer das häufig als Niederlage, schildert Becker typische Fälle aus seiner Praxis. Männer hätten Angst, an Status und Ansehen zu verlieren, weil gesagt werde "Du hast es nicht drauf als Mann, du konntest deine Familie nicht zusammenhalten". Frauen dagegen erhielten in diesen Situationen aus ihrer Umgebung meist Solidarität, ihnen stünden kommunale und ehrenamtliche Hilfsangebote zur Verfügung.

Während Frauen ihr Leben wie einen Kreis organisierten und ihre identitätsstiftenden Faktoren häufig mehrmals im Leben verschieben - etwa aus dem Beruf aussteigen und in die Erziehungszeit wechseln, dann wieder zurück - bauten sich Männer ihr Leben wie eine Pyramide auf. "Wenn dann daraus ein Lebensbereich herausbricht - Familie, Beziehung oder Arbeit - gerät das gesamte Modell in Schräglage", erklärt Becker. Männer definierten sich noch immer fast ausschließlich über ihre berufliche Stellung und versuchten oft ein Leben lang, die an sie gestellten gesellschaftlichen Erwartungen zu erfüllen. "Das Stereotyp ist der Mann als Ernährer, Beschützer, Leistungserbringer, Welterklärer."

Die Folgen seien häufig eine riskantere und ungesündere Lebensweise, die am Ende eine kürzere Lebenserwartung zur Folge habe. Von Suiziden seien Jungen und junge Männer drei bis vier Mal häufiger betroffen als gleichaltrige Frauen, sagt Becker.

Strukturelle Benachteiligungen von Männern sind also in vielen gesellschaftlichen Bereichen zu entdecken. Beispiel männliche Erzieher: In Kindergärten und Kitas stünden sie unter dem Generalverdacht, pädophil zu sein, kritisiert Becker. Einige Träger hätten die Regel aufgestellt, dass Männer Kinder in der Krippe nicht alleine wickeln dürfen. "Das ist Diskriminierung nach Geschlecht."
(Herbert Mackert, dpa)

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