Kommunales

Arbeiter verkleiden auf einem Wohn- und Geschäftshaus eine Mobilfunksendeanlage mit einer Schornsteinattrappe. (Foto: dpa/Kilian Moritz)

29.04.2019

Handymasten im Tarndesign

Funklöcher will fast niemand - Mobilfunkmasten aber auch nicht

Wer es nicht weiß, ahnt es nicht: Hinter dem unscheinbaren Schornstein auf einem Wohn- und Geschäftshaus am Würzburger Ringpark verbirgt sich eine Mobilfunkantenne. Bei Bauarbeiten war sie kurz sichtbar. Dann enthielt sie ihren Tarnmantel wieder.

Die Camouflage-Antenne ist so unauffällig, dass selbst Menschen in nächster Nähe sie offenbar kaum wahrnehmen. Beim Reisebüro im Erdgeschoss scheint niemand von ihr gewusst zu haben. Auch die privaten Bewohner des fünfstöckigen Gebäudes zeigen sich teils überrascht. "Im Keller ist uns die Anlage aufgefallen", sagt die 21-jährige Amelie Erhard. Mit dem Wissen sei der Blick aufs Dach witzig. "Es wäre schon ein sehr hoher Kamin."

Wer mit aufmerksamem Blick schaut, merkt schnell: Die ungewöhnlich hohen Kamine gibt es auf mehreren Häusern. In vielen Städten. Und Kamin-Attrappen sind nur eine Möglichkeit, um Funkanlagen zu kaschieren: Bäume, Palmen, gar Kirchen-Kreuze können in Wahrheit ein Sendemast sein. "Das Kamin-Design ist Standard", sagt der Münchner Ingenieur Hans Ulrich, der Kommunen zur Standortwahl berät. Aber möglich sei alles - ähnlich wie beim Kulissenbau im Theater.

Falsche Bäume


Zig Meter hohe falsche Bäume gibt es vor allem im Ausland. Der Münchner Fotograf Robert Voigt hat den "New Trees" eine eigene Serie gewidmet. Seine Fotos aus den USA zeigen auch vermeintliche Wassertürme und Flaggenmasten.

In Deutschland verbergen sich Antennen eher in realen Gebäuden wie Kirchtürmen. Als Beispiele für "architektonische Kunst", bei der Antennen ins Landschaftsbild passten oder im Ausnahmefall gar nicht zu erkennen seien, nennt Vodafone: den Passauer Rathausturm, das Schloss Hohenkammer im Landkreis Freising, Getreide-Silos und in Freizeitpark-Attraktionen eingebaute Antennen. Nur zehn Prozent der Stationen in Bayern seien freistehende Masten.

Die Deutsche Funkturm, eine Tochtergesellschaft der Telekom, die Funkstandorte baut und vermarktet, schätzt, dass in realen Gebäuden versteckte Antennen ebenso häufig sind wie die kamintypischen Kunststoff-Ummantelungen. Eine dritte Möglichkeit sei, Antennen in der entsprechenden Umgebungsfarbe anzustreichen. "Wenn wir die Wahl hätten, würden wir immer einen einfachen, unversteckten Standort wählen", sagt Sprecher Benedikt Albers. Schon alleine, weil getarnte Masten mehr kosteten und komplizierter zu warten seien.

Nicht gerade beliebt


Doch die Wahl haben die Mobilfunkbetreiber nicht immer. Gemeinden und Grundstückseigentümer entscheiden mit. Mobilfunkanlagen sind nicht gerade beliebt. Regelmäßig protestieren Bürger gegen geplante Masten in ihrer Umgebung. Doch gleichzeitig wird der Ruf nach einem flächendeckenden Netz immer lauter. Bayerns Regierung will bis 2020 mit einem "großangelegten Ausbau des Mobilfunks" Funklöcher schließen und fördert den Bau von Masten finanziell.

Für elektrosensible Menschen ist der Ausbau keine Freude. "Aber wir halten nicht ständig nach Masten Ausschau", sagt eine Sprecherin vom Münchner Verein für Elektrosensible und Mobilfunkgeschädigte. Wichtiger sei es, Wohnung und Arbeitsplatz strahlungsarm zu gestalten und handyreiche Umgebungen wie Straßenbahnen zu meiden. Die Tarnung von Masten sei dennoch "nicht okay".

Dass Mobilfunkanlagen verhüllt werden, ist nicht neu. Der US-amerikanische Hersteller Larson Camouflage zum Beispiel gibt an, 1992 den ersten als Pinie getarnten Mobilfunkturm hergestellt zu haben. Doch mit dichter werdendem Netz könnte die Nachfrage eventuell steigen. Denn die Tarnungen gebietet teilweise der Denkmalschutz: "Etwa um Blickachsen oder das Aussehen historischer Gebäude zu bewahren", sagt die Sprecherin des Landesamtes für Denkmalpflege.

Streit vermeiden


Die Motivation liege häufig beim Denkmalschutz, glaubt Berater Ulrich. "Aber auch das absichtliche Verstecken ist nicht marginal." Grundstücksbesitzer störten sich selbst am Anblick technischer Geräte oder wollten Streit mit Nachbarn vermeiden. Was den Eigentümer des Hauses am Würzburger Park, eine Stiftung, zum Kamin-Tarnkleid motiviert hat, ist unklar. Er will darüber nicht reden.

Wie viele versteckte und umkleidete Masten es in Bayern gibt, ist schwer zu ermitteln. Behörden wie das Landesamt für Denkmalschutz und die Bundesnetzagentur wissen es nicht, auch die Stadt Würzburg für ihr Gebiet nicht. Organisationen wie die Verbraucherzentrale, der Verein für Elektrosensible, das Umweltinstitut München und der Bund Naturschutz Bayern müssen passen. Laut Telekom-Tochter Deutsche Funkturm sind es bei ihren mehr als 29 000 Standorten weniger als ein Prozent.

Ob ein Mobilfunkmast in der Nähe steht, können Bürger über eine Online-Karte der Bundesnetzagentur herausfinden. Hier sind Anlagen mit Strahlung von mindestens zehn Watt gelistet. Die Kartenanzeige ist nicht exakt, ein Standort kann laut Behörde um bis zu 80 Meter verschoben sein. Tatsächlich offenbart die Datenbank für das Würzburger Haus in direkter Nähe eine 2016 genehmigte Anlage, 20 Meter über dem Boden.

Hauseigentümer müssen Mieter auf Anlagen aufmerksam machen, sagt der Deutsche Mieterbund Bayern. Das Amtsgericht München habe 1998 eine Mietminderung als gerechtfertigt angesehen. Meist hätten Gerichte eine Mietminderung bisher aber verneint. Bewohnerin Amelie Erhard fühlt sich durch die Antenne über ihrem Kopf auch nicht beeinträchtigt: "In Städten ist Mobilfunk ja normal."
(Vanessa Köneke, dpa)

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