Kommunales

Die Kindergartengruppe umfasst derzeit 20 Buben und Mädchen, im Seniorenheim leben aktuell 140 alte Menschen. (Foto: Prähofer)

11.05.2023

Kleinkinder spielen und essen mit Senioren

Ein Pilotprojekt im schwäbischen Memmingen probt erfolgreich das Zusammenleben von unterschiedlichen Generationen

Borghild Dempf (82) lebt seit Längerem im Bürgerstift, einem Alten- und Pflegeheim in der Memminger Innenstadt. Dort, nahe der Frauenkirche, gibt es ein besonderes Projekt: Bewohnende des Seniorenheims und Kindergartenkinder leben unter einem Dach zusammen. „Ungefähr einmal in der Woche gehe ich runter in die Kit“, erzählt die freundliche Frau, die ursprünglich aus Südmähren stammt und später ins Allgäu gezogen ist. Früher, erinnert sich Dempf, sei die heutige Kita ein im Keller gelegener Gymnastikraum gewesen.

Inzwischen ist dort eine lebendige Begegnungsstätte zwischen Jung und Alt entstanden, in der die unterschiedlichen Generationen miteinander spielen, singen, tanzen und essen. Die Altersspanne ist groß. Sie erstreckt sich vom dreijährigen Kleinkind bis zur betagtesten Bewohnerin des Hauses, die es auf stolze 108 Lebensjahre bringt. „Das Projekt sei eine feine Sache, betont Borghild Dempf, sie habe sich sehr darüber gefreut, dass es umgesetzt wurde. „Ich habe immer einen Bezug zu Kindern gehabt. Eigentlich wollte ich Kindergärtnerin oder Grundschullehrerin werden.“ Durch den Kontakt mit den derzeit 20 Kindergarten-kndern bleibe man auch im hohen Alter jung, das bringe einfach Freude. In den kommenden Wochen werden Alt und Jung demnächst im Außenbereich des Bürgerstifts Hochbeete bepflanzen.

Doch wie entstand eigentlich die dee, in einer Art Pilotprojekt, das bayernweit seinesgleichen suchen dürfte, Generationen auf diese Weise miteinander zu verbinden? „Wir mussten feststellen, dass unser Gymnastikkeller kaum noch genutzt wurde. Da kamen immer weniger alte Menschen zusammen“, erinnert sich Bernhard Hölzle. Er leitet die Kindertageseinrichtungen der Stadt Memmingen. Martin Mayer, der Leiter des aktuell 140 Bewohnende beherbergenden Bürgerstifts, konkretisiert: „Dass lag daran, dass die Menschen heutzutagme immer später zu uns in die Pflegeeinrichtung kommen.“ Die Kosten für Pflege seinen in den letzten Jahren exorbitant gestiegen. Im Gegensatz zu früheren Zeiten kämen Viele erst als Schwerstpflegefälle nach einer schweren Erkrankung ins Heim, sagt Mayer.

 

Durchschnittliche Verweildauer im Stift beträgt rund zwei Jahre



Die durchschnittliche Verweildauer der Bewohnenden im Memminger Bürgerstift betrage derzeit rund zwei Jahre. Zwar besteht das Projekt schon seit September des vergangenen Jahres, der offizielle Startschuss erfolgte jedoch erst am 18. April. „Inzwischen sind wir im Vollbetrieb“, berichtet Bernhard Hölzle. „Wenn die Kinder backen, dann lockt der gute Duft die Senioren aus ihren Zimmern“, freut sich der Verantwortliche. „Und vor Ostern haben Alt und Jung zusammen Ostereier gefärbt.“

Beim Ortstermin, der zur Mittagszeit stattfindet, sind plötzlich fröhliche klingende Kinderstimmen zu hören. Sie nähern sich dem Speisesaal des Seniorenheims. Dort werden sie – wie selbstverständlich – gleich zu Mittag essen. Bei aller herrschenden Harmonie zwischen Jung und Alt gäbe es aber auch Grenzen. „Alle Beteiligten müssen gewisse Schutzbereiche einhalten. Man muss Rücksicht aufeinander nehmen und Empathie zeigen.“ Da es in der Kita keine Küche gebe, backen und kochen die Alten und die inder in der Wohnbereichsküche. „Außerdem haben wir eine Kegelbahn im Haus und eine Kapelle.“

Dass das Seniorenzentrum Bürgerstift und einige der Memminger Kindertagesstätten mit der Unterhospitalstiftung denselben Träger hatten, erweist sich in der Zwischenbilanz als Erfolgsfaktor. „Die gleiche Haltung zu haben, zupackend zu sein, beim Machen zu lernen – das hilft uns schon sehr“, erklärt Hölzle. Es sei für alle bereichernd, sinniert der Verantwortliche, dass die Kinder bei den Älteren wieder eine Lebensfreude wecken können, die bei ihnen vielleicht verloren gegangen ist. „Und natürlich geht‘s auch um altersübergreifendes Lernen, da kann der eine vom anderen profitieren“, sagt Hölzle. Früher hätten in privaten Wohnhäusern ja auch häufig mehrere Generationen unter demselben Dach zusammengelebt.

 

Kinder haben positive Wirkung auf Erwachsene



Schon viele Jahre vor dem Projektstart sei man als Altenheim mit Kindern in Berührung kommen. „Wir haben beispielsweise am St.-Martins-Tag im November Martinslieder mit den Kindern gesungen. Und ein- bis zweimal pro Monat haben wir Tanzaufführungen organisiert.“ Bei diesen Aktionen habe man gemerkt, dass „Kinder eine sehr positive Wirkung auf Erwachsene entfalten.“ Das, was die Generationen auf die Beine stellten, müsse nicht perfekt sein. Es schaffe aber Atmosphäre, findet Bernhard Hölzle. Martin Mayer, der Einrichtungsleiter des Bürgerstifts, beschreibt den Projektstart als „sehr gut“. Natürlich habe man anfangs noch mit einigen coronabedingten Restriktionen zu kämpfen gehabt, doch im Laufe der Zeit habe sich alles gut eingespielt. Mayer bringt einen weiteren, bisher noch nicht genannten Aspekt ins Spiel: „Es ist ja bekannt, dass der Pflegebereich händeringend Fachpersonal benötigt. Durch das Projekt können wir nun potenziellen Mitarbeitenden die Möglichkeit anbieten, während der Arbeitszeit die eigenen Kinder bei uns in der Bürgerstift-KiTa betreuen zu lassen.“

Fazit: In Zeiten einer älter werdenden Gesellschaft ist das Memminger Projekt ein positives Beispiel für den sozialen Brückenbau: weil es Menschen unterschiedlichsten Alters zwanglos verbindet und zu Gewinnenden macht.
(Dominik Prähofer)

 

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