Kommunales

Ambitionierte Pläne: Über 6000 Studierende sowie 2000 wissenschaftliche Mitarbeitende sollen später einmal auf dem knapp 40 Hektar großen Areal der Technischen Universität Nürnberg eine wissenschaftliche Heimat finden. (Foto: Gustav Epple Bauunternehmung GmbH &; a+r Architekten GmbH)

10.11.2023

Konkurrenz für Uni-Platzhirsche

Mit der neuen TU Nürnberg soll wissenschaftlich ein Zeichen gesetzt und ganz Mittelfranken vorangebracht werden

Nürnberg hat nicht nur eine neue Universität. Die Technische Universität Nürnberg (UTN) will auch alles ein bisschen anders, alles ein bisschen besser machen. Mit Englisch als Amtssprache sollen die besten Köpfe aus aller Welt nach Franken gelockt werden.

Der Aufbau einer neuen Technischen Universität am Standort Nürnberg – bis dahin die einzige deutsche Großstadt ohne eigenständige universitäre Einrichtung – ist ein wissenschaftspolitisches Vorhaben von zentraler Bedeutung. Es handelt sich um die erste Neugründung einer Universität in Deutschland im 21. Jahrhundert. Als Universität neuen Typs ist die Technische Universität Nürnberg komplett interdisziplinär ausgerichtet – beispielsweise ohne klassische Fakultäten – und setzt einen Fokus auf Internationalisierung und Digitalisierung. Und auch ein Bekenntnis zum Klimaschutz darf nicht fehlen: Der Campus der UTN wird komplett klimaneutral sein.

Jetzt sind die ersten Student*innen da. „Ein bisschen größer habe ich es mir schon vorgestellt“, gesteht die 22-jährige Irene von der spanischen Ferieninsel Gran Canaria und zeigt auf die ungewöhnlich kleine Uni-Kulisse. Statt riesigerHörsäle gibt es gemütliche Konferenzräume, statt Holzbänken gibt es futuristische Drehstühle mit Rollen unter den Füßen. Anstelle von Tausenden Erstsemestern ist der erste Uni-Jahrgang in Nürnberg handverlesen. Rund 100 Bewerber*innen aus über 30 Ländern hätten sich gemeldet. Etwa 20 Kandidaten hat die Uni genommen – darunter Inder, Taiwaner und die 25-jährige Luca aus Fürth. „Ich bin aus Fürth und habe in München meinen Bachelor gemacht“, freut sich die Studentin mit der legendären Matrikelnummer 1.

Zehn Studierende – und doppelt so viele Lehrkräfte

Zur Begrüßung besteht das Auditorium aber nur aus sage und schreibe zehn Studierenden – und doppelt so vielen Lehrkräften. An jeder anderen Hochschule der Welt würde man ein solches Verhältnis nicht mal in den kühnsten Träumen zu denken wagen. Die neue Uni will mit dem kleinen Kurs testen, wie die neuen Ideen in der Praxis funktionieren.

„Wir wollen kein more of the same, sondern tatsächlich neue Wege gehen“, sagt Gründungspräsident Hans Jürgen Prömel und schwärmt von den fast grenzenlosen Möglichkeiten eines unbeschwerten Neubeginns. „Wir können mutig sein und neue Dinge einfach mal ausprobieren.“ In einer gewachsenen Hochschule würden Innovationen häufig durch Tradition und Geschichte verhindert, weiß der renommierte Professor aus Erfahrung. Bei der seltenen Gelegenheit einer neuen Uni – die UTN ist die erste Neugründung einer staatlichen Universität in Bayern seit 1978 – müsse keine alter Ballast mühsam über Bord geworfen werden, freut sich Prömel über die fast paradiesischen Zustände.

Auch Wolfram Burgard ist regelrecht aus dem Häuschen. „Das fühlt sich wie in einem echten Start-up an“, freut sich der Professor für Robotik, der aus Freiburg nach Nürnberg gewechselt ist, über die „coole“ Stimmung zum Beginn des kleinen, aber feinen Masterprogramms „Artificial Intelligence and Robotics“.

Derweil erklärt Vize-Präsidentin Isa Jahnke, wie die schöne neue Uni-Welt in Nürnberg konkret aussehen soll. Statt des bekannten Frontalunterrichts stünden sogenannte aktivierende Lernmethoden im Vordergrund. Selbst die mehr oder weniger beliebten Klausuren seien in der neuen Uni in Nürnberg radikal gestrichen worden. Individuelles Feedback und kompetenzorientierte Prüfungen sollen stattdessen die zukünftigen Absolvent*innen auf ihren späteren Einsatz als führende Kräfte in aller Welt vorbereiten.

„Wir wollen von Ihnen lernen“, bringt die Professorin den revolutionären Plan gegenüber den jungen Leuten auf den Punkt. Diese „Revolution“ hat sich Bayern durchaus etwas kosten lassen. Rund 1,2 Milliarden Euro investiert der Freistaat in den Aufbau der ersten eigenen Hochschule in der Frankenmetropole. Noch findet der Uni-Betrieb in einem Interimsgebäude statt. Der Grundstein für den Campus auf dem ehemaligen Südbahnhof beim Volkspark Dutzendteich ist aber schon längst gelegt. Über 6000 Studierende sowie 2000 wissenschaftliche Mitarbeitende sollen später einmal auf dem knapp 40 Hektar großen Areal eine Heimat finden. Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (CSU) ist sich sicher, dass die neue Universität die ehemalige Arbeiterstadt und Industriemetropole „enorm bereichern und voranbringen“ wird und spricht von einer „beispiellosen Aufwertung“.

Oberbürgermeister hofft auf Impulse für seine Stadt

Die etablierten Hochschulen im Großraum Nürnberg verfolgen die neue Konkurrenz vor der Haustür freilich mehr oder weniger kritisch. Besonders die alteingesessene Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg (FAU) – wobei die Betonung auf Erlangen liegt, weil in Nürnberg nur Betriebswirtschaft und Lehramt unterrichtet werden – dürfte das Geschehen relativ genau beäugen. Nicht von ungefähr hat die FAU zum Start des aktuellen Wintersemesters unter der Überschrift „Autonomy Technologies“ ebenfalls einen neuen Studiengang zum Thema KI, Roboter & Co gestartet. Selbstbewusst weist der im Jahr 1743 gegründete Platzhirsch unter den fränkischen Unis darauf hin, dass sich vom Start weg gleich knapp einhundert Studierende immatrikuliert hätten. Zur Technischen Hochschule Georg Simon Ohm in Nürnberg dagegen scheinen die Berührungsängste deutlich geringer zu sein. Von einer echten Konkurrenzsituation kann man wohl tatsächlich kaum sprechen – zu unterschiedlich sind die beiden Profile. Dementsprechend gut und herzlich soll hier bereits die Zusammenarbeit funktionieren. Bleibt die Frage, ob eine Neugründung tatsächlich notwendig gewesen wäre. Oder ob die klügsten Köpfe aus aller Welt nicht auch an die bestehenden Hochschulen wie die FAU als innovationsstarke Volluniversität mit deutschlandweit führenden Ingenieurswissenschaften hätte gelockt werden können.

Für Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) ist die Antwort klar: „Gerade die Aufbausituation bietet hier die einmalige Chance, hochinnovative Elemente in einer Art Reallabor zu erproben und sie gegebenenfalls auf andere Hochschulen zu übertragen. Die bisher berufenen Professorinnen und Professoren sind allesamt international anerkannte Koryphäen in ihren Fachgebieten. Die UTN ist damit eine Bereicherung für die gesamte bayerische Hochschullandschaft. Sie wird die Innovationskraft in Bayern stärken und die Fachkräfteausbildung im Freistaat weiter verbessern.“

Immerhin: Die anderen Hochschulen Mittelfrankens sollen nach Blumes Worten nicht zurückstehen müssen. Seit 2019 habe der Freistaat an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg beispielsweise Bauvorhaben mit einem Investitionsvolumen von rund 1,9 Milliarden Euro aufs Gleis gesetzt. „Im Lauf der 2020er-Jahre wird die FAU damit auf ein gänzlich neues Niveau gehoben“, verspricht der Ressortchef.
(Nikolas Pelke)

 

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