Ursula Mayer (70) hatte der Kommunalpolitik abgeschworen – doch nach sechs Jahren Pause kehrt die Ex-Bürgermeisterin in den Gemeinderat von Höhenkirchen-Siegertsbrunn bei München zurück. Auch etwas anderes macht ihre Wiederwahl vom letzten Listenplatz aus besonders: Sie sitzt künftig neben ihrem Sohn in dem Gremium.
Im Garten von Ursula Mayer hat „Gockolo“ das Sagen – der älteste dreier Hähne, die dort nebst sechs Hennen ein friedlich-fröhliches Hühnerdasein fristen. „Er lässt es nicht zu, dass die Jungen schreien“, sagt die ehemalige Bürgermeisterin von Höhenkirchen-Siegertsbrunn im Landkreis München, bevor sie mit einer Handschaufel einen Schwung Körner in Richtung des Federviehs schleudert. „Das macht den Gockolo nämlich ganz wild.“
Verwandte dürfen seit Reform in denselben Rat
Der Älteste sagt, wo’s langgeht: Wer von dieser Hackordnung im Mayer’schen Garten mal eben eine Parallele zur aktuellen Gemeindepolitik in Höhenkirchen-Siegertsbrunn zieht, der geht vermutlich einen Schritt zu weit. Und doch hat bei der jüngsten Kommunalwahl vor allem eine nicht mehr ganz junge Frau für Schlagzeilen gesorgt, die einst jahrelang die Geschicke im Ort lenkte, ehe sie sich 2020 zurückzog – endgültig, wie sie damals betonte.
Die Rede ist natürlich von Ursula Mayer, 70-jährige Hühnerbesitzerin und CSU-Mitglied seit 1974, überdies von 1990 bis 2002 Gemeinderätin und anschließend bis 2020 Bürgermeisterin in Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Entgegen ihrer früheren Ankündigung hat sie sich bei der Kommunalwahl als Kandidatin aufstellen lassen – auf dem hintersten Listenplatz ihrer Partei. Von dort wurde die Ex-Rathauschefin bis auf Position sieben nach vorne gehäufelt, was angesichts von neun Sitzen für die CSU bedeutet: Mayer kehrt im Mai in den Gemeinderat zurück, als Altbürgermeisterin und obendrein Seite an Seite mit ihrem Sohn.
Dabei versicherte sie kurz vor ihrem Abschied 2020 noch in einem Interview, dass sie „sicher nicht mehr“ in den Gemeinderat gehen werde. Darauf angesprochen an ihrem Esstisch, umgeben von Familienfotos und Kinderbildern an den Wänden, lächelt Ursula Mayer und sagt: „Da halte ich’s wie Adenauer: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ Wobei sie niemals erwartet habe, dass sie das Feld bei der Kommunalwahl derart von hinten aufrollen würde. „Ich hatte damit gerechnet, vielleicht zehn Plätze nach vorne zu kommen“, sagt Mayer. „Aber nicht auf Platz sieben!“
Als das Ergebnis feststand, habe sie kurzzeitig gegrübelt, ob sie wirklich in die Kommunalpolitik zurückkehren wolle. „Ich habe mich ja sechs Jahre ganz rausgehalten und bewusst zurückgezogen.“ Doch nun freue sie sich auf die neue alte Aufgabe und sei „vor allem neugierig“, sagt Mayer. Zudem sei es ihr wichtig, dass in der künftigen CSU-Fraktion „auch die Frauen repräsentiert sind“ – wobei der Plural an dieser Stelle fehl am Platz ist. Denn außer der Altbürgermeisterin wird die Partei acht Männer in das Gremium entsenden.
Die Rolle als einzige oder erste Frau kennt Mayer indes zur Genüge. Schon während ihres Studiums der Forstwissenschaften seien sie zu zweit unter 70 Männern gewesen, sagt sie. Damals war die junge Frau aus Straßlach-Dingharting bereits CSU-Mitglied – ebenso wie ihr späterer Ehemann Martin Mayer, den sie bei einer Radl-Rallye der Jungen Union kennenlernte.
Der Siegertsbrunner zog kurz vor der Hochzeit 1978 in den Landtag und 1990 in den Bundestag ein. „Ich war in dieser Zeit fast eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern“, sagt Ursula Mayer. Zur Kommunalpolitik sei sie erst 1990 gekommen, angeworben vom damaligen Bürgermeister Wilhelm Reitmeier. Dessen Posten im Rathaus übernahm sie 2002, als erste Frau überhaupt in der Gemeinde.
Unter Langeweile habe sie nach ihrem Rückzug aus dem Rathaus nicht gelitten, sagt Mayer. Als Vorsitzende von Siedlerverein und Hospizkreis ist sie ebenso engagiert wie im Kreistag, dem sie seit 1996 und auch in der nächsten Legislaturperiode angehört, nachdem sie bei dieser Wahl ebenfalls nach vorne gehäufelt wurde. Hinzu komme die Arbeit im Garten, natürlich ihre Hühner und allen voran die „Omadienste“ bei acht Enkeln und vier Kindern.
Eines davon, Quirin Mayer, wird im Gemeinderat künftig ihr Fraktionskollege sein. Von einem Mutter-Sohn-Gespann will die Ex-Bürgermeisterin jedoch nichts wissen: „Politik ist Politik, und privat ist privat.“ Ohnehin seien ihr Sohn und sie bisweilen verschiedener Meinung – „aber das ist auch ganz normal bei jungen und alten Leuten“, findet die 70-Jährige.
Nach einer Reform ist es seit den 2000er-Jahren problemlos möglich, dass Mitglieder derselben Familie gemeinsam in einem Stadt- oder Gemeinderat einer bayerischen Kommune sitzen. Noch bei der bayerischen Kommunalwahl 2002 galt die Regelung, dass in Gemeinden mit weniger als 10 000 Einwohnern Eheleute oder Kinder mit ihren Eltern nicht im selben Gemeinderat vertreten sein durften. Damit wollte man gerade in kleineren Gemeinden erst gar nicht den Verdacht einer Vetternwirtschaft aufkommen lassen.
Gar nicht einmal so selten kommt es seither zu dieser Konstellation – in der vergangenen Legislaturperiode war dies unter anderem in Walpertskirchen im Landkreis Erding und in Emersacker im Landkreis Augsburg der Fall. Besonders ist es aber allemal – ebenso, dass eine Ex-Rathauschefin nach mehreren Jahren wieder in den Gemeinderat zurückkehrt. Dass sie als frühere Bürgermeisterin eine besondere Rolle im Gemeinderat spielen wird, glaubt Ursula Mayer nicht. „Für die anderen ist es vielleicht unangenehm, wenn da jemand sitzt, der einen gewissen Einblick hat.“ Sie selbst aber verstehe sich als „einfaches Gemeinderatsmitglied“ – was freilich nicht heißt, dass sie mit ihrer Meinung hinterm Berg halten wird. Das sei nicht ihre Art, bekräftigt Mayer. „Ich bin ein ehrlicher Mensch und sage gerade heraus, was ich denke.“ (Patrik Stäbler)
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