Kommunales

Stephanie Gräfin Bruges-von Pfuel ist neben politisch Interessierten auch Lesern der Regenbogenpresse ein Begriff. (Foto: Hlawica )

12.04.2026

Neue Rathauschefin: Adel verpflichtet

Stephanie von Pfuel kandidierte erst nach einigem Zögern für das Amt der Tüßlinger Rathauschefin. Die Gräfin steht vor enormen Herausforderungen

Stephanie Gräfin Bruges-von Pfuel war bereits von 2014 bis 2020 Bürgermeisterin von Tüßling – nun wurde sie als parteilose Kandidatin wiedergewählt. Dabei hatte sie sich bereits aus der Politik verabschiedet. Der CSU hatte die 64-Jährige einst im Streit um deren harte Corona-Politik den Rücken gekehrt. 

Nur in etwa jeder zehnten bayerischen Stadt oder Gemeinde stand zuletzt eine Frau an der Rathausspitze. Nach dieser Wahl dürfte sich daran grundsätzlich nicht viel verändert haben, auch wenn Detailauswertungen des Landesamts für Statistik noch auf sich warten lassen. Dass also Stephanie Gräfin Bruges-von Pfuel nun bereits zum zweiten Mal zur Bürgermeisterin von Tüßling gewählt wurde, ist schon allein deshalb etwas Besonderes. Die Adelige hatte die 3350 Einwohner zählende Gemeinde bereits von 2014 bis 2020 als Rathauschefin regiert. Nun wurde sie mit über 60 Prozent der abgegebenen Stimmen wiedergewählt.

Ende 2018 hatte sie offenbar genug von der Politik und angekündigt, bei der Wahl 2020 nicht mehr zu kandidieren, was sie auch tat. Doch seit Kurzem ist sie wieder zurück auf der kommunalpolitischen Bühne. Mit Unterstützung der CSU eroberte die Parteilose das Amt der Rathauschefin zurück.

Rückkehr ins Rathaus

Außergewöhnlich ist auch der Zeitpunkt ihres Amtsantritts: Die 64-Jährige wurde bereits drei Tage nach der Wahl vereidigt, und nicht erst ab dem 1. Mai wie in vielen anderen Gemeinden oder Städten üblich. Seither führt sie wieder die Geschäfte der in der Nähe von Altötting gelegenen oberbayerischen Gemeinde.

Ihre erneute Kandidatur sei nicht von langer Hand geplant gewesen, erzählt die gebürtige Adelige der Staatszeitung. Vielmehr baten ehemalige Parteifreunde die einstige Christsoziale im Herbst 2025 überraschend, sich erneut zur Wahl aufstellen zu lassen, da in Tüßling bereits der zweite Bürgermeister in Folge zurückgetreten war. „Mein erster Gedanke war: Das kommt nicht infrage“, erzählt sie. Schließlich hatte sich die Mutter von sechs Kindern ja einst wohl überlegt aus der Politik zurückgezogen.

Schlagzeilen machte sie während der Corona-Zeit. 2021 war sie nach langjähriger Mitgliedschaft aus der CSU ausgetreten. Anstatt auf die Bürgerinnen und Bürger zu hören, betreibe die Partei Machtspielchen und verhänge unvernünftige Maßnahmen, wie etwa die Maskenpflicht im Freien, kritisierte sie damals. Um Schüler und die Jugend kümmere man sich nicht, so ihr Vorwurf.

Verwurzelt in Tüßling

In die Partei trat sie zwar nicht wieder ein. Doch nach einer Bedenkzeit von sechs Wochen und durch viele Gespräche mit ihren Töchtern und Söhnen motiviert, beschloss sie zuletzt doch, sich parteilos wieder für das höchste Amt aufstellen zu lassen. „Mir liegt diese, meine Gemeinde persönlich sehr am Herzen“, bekräftigt die Frau, die mit dem Ort tief verwurzelt ist.

In Tüßling aufgewachsen, übernahm sie nach dem Studium das dortige land- und forstwirtschaftliche Anwesen 1991 nach dem Tod ihres Vaters Karl Freiherr von Tüßling. Sie sanierte das Renaissance-Anwesen mit eigenen Mitteln und machte das Areal auch weit über Gemeindegrenzen hinaus in der Öffentlichkeit bekannt und als Veranstaltungsort zugänglich.

Die 64-jährige Diplom-Ingenieurin und Forstwirtin hat die Gemeinde stets gut und genau im Blick. Sie muss in den kommenden Monaten und Jahren einige Aufgaben stemmen. Da ist etwa der Bau eines neuen Kindergartens, dessen Spatenstich bald erfolgen soll; oder ein geplanter Nahversorger, für dessen Bau zwei Eschen gefällt werden müssen. Über Letzteren wird kontrovers diskutiert. Zudem soll die Trinkwasserversorgung im Ort modernisiert und ein Wärmeplan erstellt werden.

Herausforderungen vor Ort

Tüßling steht zudem vor einer noch weit größeren Herausforderung. Von Pfuel sagt: „Ich habe erst den Bauamtsleiter gesprochen. Uns droht, dass wir beschlossene Baumaßnahmen verschieben müssen und nichts neu bauen können. Wir haben im Landkreis Altötting ein Perfluoroctan-Problem.“ Diese Chemikalie, kurz PFOA, wird im ostbayerischen Chemiedreieck hergestellt. Sie wird etwa für Goretex verwendet und setzt sich in der Bodenoberfläche ab.

Den Umgang des Freistaats mit der Chemikalie kann sie nicht nachvollziehen. „Die Regierung in München beschloss: Wo etwa ein Spielplatz gebaut werden soll, muss die Oberfläche PFOA-frei sein, der belastete Boden vor Bebauung abgetragen werden. Allerdings – und das ist paradox: Es gibt keine Lagermöglichkeiten, keine Deponien dafür“, erläutert die Gräfin und fügt hinzu: „Neu ist, man darf sie umlagern, was aber eine Umplanung einiger unserer Projekte erfordert. Erstaunlicherweise gilt diese PFOA-Regel aber nur bei uns. Für den Landkreis Mühldorf nebenan etwa nicht.“

Die neue Rathauschefin will das nun auf politischer Ebene mit den zuständigen Entscheidern klären: „Es kann nicht sein, dass 500 Meter weiter das Thema keines mehr ist, weil es dort einen anderen Landkreis betrifft“, sagt sie. Finde sich keine Lösung, seien nicht nur der Gemeinde die Hände gebunden, „sondern sämtliche Bagger gebunden.“

Gerade arbeitet sie sich in den Haushalt der Kommune ein. Verwaltungsanliegen ist die Unternehmerin von jeher gewohnt. Ihre Erkenntnis: „Die Digitalisierung macht auch nicht weniger Arbeit. Viele Schulungen, neue Vorschriften, Formulare – das bindet viel Kraft und Zeit und Geld.“ Kurze Wege, schnelle Entschlüsse seien wichtig – egal, „ob beim Straßenbau oder im Unteren Naturschutz“.

Zwischen Politik und persönlichem Schicksal

Von Pfuel stellt sich gerne ihren Aufgaben: „Ich wusste ja: Das Amt ist kein einfaches. Die Bürokratie, die Abläufe, Gemeinderatssitzungen, Mitglieder, Verabschiedungen – wenn man das von Null auf gleich machen soll, mag es schwierig sein, sofort reinzukommen, wenn man ohne Vorkenntnisse startet.“

Dass sie als Unternehmerin und als Frau in einer Männerdomäne die Geschäfte Tüßlings leitet, sei für sie selbstverständlich: „Ich selbst brauche kein Machtgefüge, auch nicht, um mir auf die Schulter zu klopfen. Es geht mir um den Ort. Darum, hier akute Probleme zu lösen und Lösungen für die Zukunft der Gemeinde zu finden.“

Auch in Tüßling ist der Haushalt klamm, was den Handlungsspielraum der Kommune einengt. „Die Zeiten, in denen Gemeinden hohe Gewerbesteuereinnahmen hatten, hohe Schlüsselzuweisungen oder die Landkreisumlage sind vorbei. Kurz: Die Ausgaben sind gestiegen, die Einnahmen aber gesunken.“ Man könne zwar als Kommune an der Grundsteuer drehen. „Aber da zahlen die Bürger seit der Änderung der neuen Grundsteuerbemessung sowieso schon mehr“, sagt die neue Rathauschefin.

Stephanie von Pfuel ist in jeder Gemeinderatssitzung für Wünsche, Anregungen und Bedenken offen, setzt nach eigener Aussage auf kurze Wege und direkte Kommunikation mit den Bürgern: „Da habe ich Glück, mein Zuhause liegt nur 100 Meter neben dem Bürgermeisterbüro.“

Ein zentrales Anliegen ist ihr ein möglichst guter Zusammenhalt der Menschen im Ort. „Ich bin gegen Polarisierungen, die es selbst in so einer kleinen Gemeinde wie Tüßling gibt.“ Sie wolle „die Gemeinschaft weiter fördern“. Für die Menschen in der Region ist sie voll des Lobes: „Wir haben ein intaktes, vielfältiges Vereinsleben. Unser Faschingsverein etwa feiert 150 Jahre Bestehen im April. Im Juni haben wir unsere Dult.“ Dazu kommen Veranstaltungen, die in ihrem Betrieb stattfinden, etwa der Mittelaltermarkt oder Konzerte.

Stephanie Bruges-von Pfuel, geborene Freiin Michel von Tüßling, war dreimal verheiratet. Sie hat sechs Kinder. Tragisch: Ein Sohn starb 2019 bei einem Verkehrsunfall als Student in Berlin. Ihr Expartner Hendrik te Neues beging 2019 Suizid.

Dass ihr Gesicht vielen Bürgern aus einer Werbekampagne für einen Kaffeeröster und sie selbst unter dem Spitznamen „Kaffee-Gräfin“ bekannt ist, stört sie nicht weiter: „Ich habe nur eine Bitte: Er soll nicht auf meinen Grabstein.“ Sie lacht und ergänzt: „Mal ehrlich, dieser Werbespot ist heute 24 Jahre her. Wenn man sich jetzt noch daran erinnert, halte ich das für ein schönes Zeichen.“ (Marie-Julie Hlawica)

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