Kommunales

Die Zahl der E-Biker*innen nimmt immer weiter zu. (Foto: dpa/Wolfram Steinberg)

24.07.2020

Rummel auf den Radwegen

Dank E-Bike erklimmen immer mehr Radler*innen die Berge – in Bayerns alpinen Urlaubsdestinationen sorgt das für wachsenden Ärger.

Gerade in Zeiten des Corona-Lockdown wurden Phänomene offenkundig, die man sonst gerne übersehen hat. Das betraf auch das sonst schon nicht ganz unproblematische Verhältnis zwischen Bauern und Mountainbiker*innen in den bayerischen Bergen. So war das auch im Mai am Taubenberg, einem eher sanften Bergrücken zwischen Holzkirchen und Tegernsee. Als ein Bauer aus Warngau sah, wie zwei Mountainbiker seine Wiese querten, kam es zum Streit, der zu wechselseitigen Anzeigen führte.

Kein Einzelfall. Meldungen über unerfreuliche Begegnungen zwischen Biker*innen und Bauern oder Biker*innen und Wanderern sind gerade an Wochenenden Standard und gerade in dieser Saison sehr präsent. Und das liegt an zwei aktuellen Befindlichkeiten. Einmal haben vor allem Freizeitsportler*innen aus München, Augsburg und anderen Städten, denen längere Ausflüge dank Lockdown verwehrt waren, ersatzweise Ausflüge mit dem Rad in der näheren Umgebung unternommen.

Starke Nachfrage infolge der Corona-Pandemie

Zum anderen erfreuen sich Rad und E-Bike auch coronabedingt eines starken Nachfragebooms. Der Zweirad-Industrie-Verband ZIV und der Verbund Service und Fahrrad VSF meldeten Rekordzahlen. Es entpuppte sich der April als bester Monat aller Zeiten, was Absatzzahlen angeht. Mittlerweile sind nach den Berechnungen des ADFC in Deutschland 73 Millionen Räder unterwegs. Aktuell rechnet der ADFC mit einem Ansturm auf die beliebtesten deutschen Fernradwege.

Eine unvermeidliche Konsequenz ist dabei, dass es vor allem auf bekannten und beliebten Strecken zu Engpässen kommt. Wie das vermieden werden kann, wie die Verkehrsströme sinnvoll gelenkt werden können – darüber wird viel nachgedacht und diskutiert; allerdings mit recht unterschiedlichen Resultaten. Bereits beim Bezirksparteitag im vergangenen Juni in Ingolstadt diskutierte die CSU Oberbayern, wie sehr touristische und sportliche Aktivitäten in den Bergen für unzumutbare Eingriffe sorge und wie man allfällige Probleme lösen könne. Das sollten unter anderem auch die Sperrung und Ausweisung von geeigneten Routen für Mountainbiker*innen und E-Bikes sein.

Beim Alpenverein (DAV) hat man vor allem die E-Biker*innen als Feindbild im Visier. So beschloss die DAV-Sektion München, dass auf ihren Hütten keine Ladestationen etabliert werden, gab es bei der Hauptversammlung des DAV einen Appell an die Sektionen, das Laden von Akkus auf den Hütten zu verbieten. Man sei, so der DAV, „für die Mobilität aus eigener Körperkraft im Gebirge und gegen die Förderung künstlicher Aufstiegshilfen“.  Eine Definition, die nicht unumstritten ist, gelten doch in Bayern die E-Bikes bis maximal 25 km/h als nicht motorisiert und dadurch mit dem konventionellen Rad gleichgestellt.

Was ist eigentlich "freie Natur"?

Und dafür gibt es laut Bayerischem Naturschutzgesetz freies Betretungsrecht in der freien Natur. Was aber unter freier Natur zu verstehen ist, das ist nicht konkret definiert sondern notfalls Auslegungssache.

Nicht ganz so problematisch sieht man die Konflikte mit Radfahrer*innen am Tegernsee. In der Alpenregion Tegernsee-Schliersee (ATS) will man lieber aufklären und lenken anstatt zu verbieten. Dafür wurde auch mit Erhebungen an konkreten Stellen begonnen, mit denen die Frequenz gemessen wird. Während am sanften und leicht erreichbaren Taubenberg in Corona-Zeiten sehr viele Radler unterwegs sind, hält sich deren Zahl am langen und steilen Weg zur Rotwand in Grenzen.

„Das Thema ist sehr emotionalisiert,“ sagt ATS-Vorstand Harald Gmeiner. „Auf den recht breiten Forststraßen gibt es kaum Probleme zwischen Biker*innen und Wanderern. Und auf schmalen Wegen schaden die Tritte von Wanderern dem Boden oft mehr als die Räder.“ Mehr Klarheit und konkrete Maßnahmen soll ein runder Tisch bringen, an dem sich Kommunen, Landespolitik, Bauernschaft und Touristiker beteiligen. Es gibt ganz eindeutig Handlungsbedarf.

Ein runder Tisch in Sachen Radtourismus soll auch in Bad Feilnbach helfen, aktuelle Probleme zu lösen. Der traditionsreiche Kurort ist dank seiner Lage am Alpenrand und nah bei der Autobahn prädestiniert für Radausflüge. Die Almbauern beklagen sich über Mountainbiker*innen, die vor allem beim Bergabfahren Kühe und Wild schrecken, teils quer über die Kuhweiden fahren und auch Zäune zerschneiden. Für den Bürgermeister Anton Wallner ist klar, dass hier ein Einklang geschaffen werden müsse, weil sonst die Gemeinde Schaden erleiden würde.

Neue Kampagne des Tourismusverbands

Der Tourismusverband Oberbayern startete derweil die Kampagne „Fair Bike in Oberbayern“. Mit allerhand Werbemitteln und Aktionen in Social Media werden 15 Verhaltensregeln beworben, die im bayerischen Dialekt verfasst sind. Auf den Dialekt setzen auch die Oberstdorfer Touristiker, die mit ihrer Kampagne „Zämed duss“, was so viel heißt wie zusammen draußen, die Biker*innen zu Rücksicht und Toleranz mit den Wanderern sowie Respekt vor der Natur aufrufen.

Bereits vor zwei Jahren lancierte der Alpenverein mit Förderung durch das Bayerische Umweltministerium das Projekt „Bergsport Mountainbike nachhaltig in die Zukunft“. Innerhalb von drei Jahren sollen in den beiden Modellregionen im oberbayerischen Oberland und im Allgäu nachhaltige Konzepte geschaffen werden, die eine konfliktfreie Ausübung des Sports ermöglichen. Besonders betroffen von diesen Phänomenen sind die touristischen Bergregionen.

Im flacheren Land geht es da schon friedlicher zu. Altöttings Landrat Erwin Schneider (CSU) freut sich über wachsendes Interesse von Radurlauber*innen in der Inn-Salzach-Region. Gerade wurde die Region vom ADFC als sechste RadReiseRegion in Deutschland zertifiziert. „Wir haben 600 000 Euro in das Wegkonzept und die neue Beschilderung investiert. Ansonsten müssen wir keine Werbung machen. Der Radtourismus entwickelt sich von selbst.“ Die Altöttinger haben zwar keine Berge – dafür aber viele ruhige Wege.
(Georg Weindl)

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Kommentare (1)

  1. Alex vor 3 Wochen
    Wie wäre es mit Lesbarkeit statt gegenderter Schreibweise, die a) sprachwissenschaftlich betrachtet Unfug ist, und b) den Ledefluss empfindlich stört? Ein sehr interessanter Artikel, schade, dass Sie jetzt auch glauben, sich einem Diktat beugen zu müssen, das von niemandem vorgeschrieben wird außer den aggressiven Verfechtern dieser Ideologie, die Genus und Sexus nicht unterscheiden kann.

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