Kommunales

Ein Musterbeispiel für die neue Nutzung ehemaliger Schutzräume ist der knallrote „Kunstbunker“ in der Münchner Quellenstraße. Dieser ehemalige Hochbunker wurde bereits im Jahre 1993 von Wolfgang Tumulka aus privatem Engagement als Adresse für zeitgenössische Kunst umgebaut. (Foto: Geissler)

07.01.2011

Ungewisse Zukunft der Atombunker

Die meisten der 500 früheren Schutzunterkünfte in Bayern verrotten allmählich – doch eine Sanierung käme die Kommunen teuer

Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Gefahr eines atomaren Konflikts verschwand auch die Bedeutung der Atombunker. Dorthin hätte sich ein kleiner Teil der Bevölkerung – darunter vor allem Regierungsvertreter, Militärs und Wissenschaftler – geflüchtet, um den unmittelbaren Folgen atomarer Strahlung zu entgehen. Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der osteuropäischen Herrschaftsregimes verschwand die akute Gefahr eines nuklearen Weltkrieges. Trotzdem stehen auch heute noch im gesamten Bundesgebiet, darunter auch in Bayern, Atombunker, die die Bevölkerung oder zumindest ihre wichtigsten Vertreter wie Regierungsmitglieder, bedeutende Wissenschaftler und hochrangige Militärs, vor atomaren, biologischen und chemischen Waffensystemen (ABC-Waffen) schützen sollen.


Platz für zwei Prozent der Bevölkerung


Was in den 1960er Jahren mit der Nutzbarmachung von alten Weltkriegsbunkern begann, wurde mit dem Neubau von Hoch- und Tiefbunkern sowie dem Ausbau von U-Bahnhöfen, Bahnhöfen oder Tiefgaragen als Mehrzweckanlagen weitergeführt. So entstanden bis in die 1980er Jahre zirka 2000 Bunker, die im Verteidigungsfall als öffentliche Schutzräume dienen sollten. Rund 500 davon wurden in Bayern ab den 1960er Jahren errichtet.
Die Anlagen waren an Kargheit freilich kaum zu übertreffen. Eine einzige Toilette hätte gegebenenfalls für bis zu 50 Menschen reichen müssen. Platz bestand wenig, schon nach einigen Stunden hätte tief unter der Erde eine beklemmende Atmosphäre aus verbrauchter Luft und drückender Enge geherrscht. Zur Versorgung dienten ausschließlich Tütensuppen und andere Konserven. Bücher oder andere Möglichkeiten der Zerstreuung waren kaum vorgesehen. Für die medizinische Versorgung waren lediglich Jod, Augentropfen und -salbe sowie Verbandszeug vorhanden.
Da wundert es wenig, wenn sich unter der einen oder anderen Schule heute noch ein Notkrankenhaus befindet. Wobei vielerorts das auffälligste Merkmal ein behindertengerechter Fahrstuhl ist, der auch ein Krankenbett transportieren kann. Oftmals wussten die darin arbeitenden Menschen nichts von den besonderen Einrichtungen im Kellergeschoss der öffentlichen Neubauten.
Nach Öffnung der Archive, Liberalisierung militärischer Geheimnisse und vor allem aus zeitlicher Distanz lässt sich der Wahnsinn eines nuklearen Krieges heute besser begreifen. Dabei drängt sich die Frage auf: Wie vorbereitet waren wir seinerzeit auf den Ernstfall? „Je nach technischer und baulicher Ausstattung boten diese Bunkerräume insgesamt rund zwei bis drei Prozent der Bevölkerung Schutz vor Einwirkungen durch ABC-Waffen“, erläutert Oliver Platzer, Pressesprecher des bayerischen Innenministeriums. „Dieser Schutz war für einen Zeitraum von wenigen Stunden bis hin zu maximal 14 Tagen gedacht.“
Wobei die wenigsten Atombunker, je nach Sprengkraft der Bombe, tatsächlich einem direkten Bombeneinschlag hätten standhalten können. Zumindest, so glaubt man, hätte ein Schutz vor in der Umgebung detonierenden Kernwaffen und vor radioaktivem Niederschlag bestanden. Aber nicht dauerhaft. Zu diesem Zwecke waren einige Schutzräume mit einer eigenen Strom- und Wasserversorgung ausgestattet. Zur eingelagerten Grundausstattung gehörten beispielsweise auch Betten, Decken und Plastikgeschirr. „Da man allerdings davon ausging, dass es erst bei einer stufenweisen Eskalation zum Angriff kommen würde, hätte man mehrere Wochen Vorlaufzeit gebraucht, um die Schutzräume im Ernstfall zum Einsatz bringen zu können“, meint Platzer.
Mitte der 1990er Jahre liefen dann alle Schutzraumbauprogramme im Zuge der weltweiten Entspannung nach dem Ende des Kalten Krieges allmählich aus. Im Jahr 2004 wurde festgestellt, dass der weitaus größte Teil der öffentlichen Schutzräume nicht mehr kostenträchtig zu warten und technisch instand zu halten war. Letztlich beschloss der Bund im Einvernehmen mit den Ländern im Jahr 2007, die öffentlichen Schutzräume aufzugeben und diese nach und nach aus der Zivilschutzbindung zu entlassen.
Bis zur endgültigen Rückabwicklung aller öffentlichen Schutzräume unter Beteiligung von Bund, Ländern, Kommunen beziehungsweise der jeweiligen Eigentümer finanziert jedoch der Bund eine auf das Notwendigste beschränkte Bewirtschaftung und bauliche Instandhaltung zum Erhalt der Verkehrssicherheit. Vor allem werden veraltete Bunker, die für Länder und Bund hohe Kosten verursachen, sukzessive zurückgebaut. Medizinisches Inventar und Medikamente gelangen zum Beispiel in Dritte-Welt-Staaten.


In München wurde eine Anlage zum Kunstobjekt


Trotzdem bleiben mancherorts viele Schutzräume bestehen, werden weiter gewartet oder betriebsbereit gehalten. So stehen in jeder Großstadt der Bevölkerung immer noch Zivilschutzplätze zur Verfügung. „Nach der Entwidmung obliegt die Entscheidung über die weitere Nutzung alleine dem jeweiligen kommunalen oder privaten Eigentümer“, erläutert Ministeriumssprecher Platzer. „Dieser kann dann den ehemals öffentlichen Schutzraum ohne Auflagen nutzen, anderweitig verwerten oder auch beseitigen.“ Damit wird die Verantwortung galant auf die Kommunen abgeschoben, denen für eine Sanierung oder einen Abriss aber schlicht das Geld fehlen dürfte.
In vielen Stadtteilen bayerischer Kommunen sind Bunkeranlagen markante Orientierungspunkte und deshalb nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken. Häufig sind sie das aber nicht nur wegen der Massigkeit ihres Erscheinungsbildes, sondern auch wegen der auffälligen Fassadengestaltung. Zu nennen wäre hier zum Beispiel der knallrote „Kunstbunker“ in der Münchner Quellenstraße. Dieser ehemalige Hochbunker wurde bereits im Jahre 1993 von Wolfgang Tumulka aus privatem Engagement für die Förderung und Darbietung zeitgenössischer Kunst umgebaut. Heute beherbergt der „Kunstbunker“ die Akademie für Musik und Theater, kurz MAM genannt. Daher nimmt der Münchner „Kunstbunker“ nicht nur durch seine auffällige Erscheinung eine Sonderrolle in der städtischen Kulturszene ein.
Aber auch andernorts bieten ehemalige Atombunker nicht nur Räume, sondern auch Projektionsflächen für künstlerisches Schaffen. So wurde in vielen Städten anlässlich zahlreicher Fassaden-Gestaltungswettbewerbe in nahezu unerschöpflicher Motivvielfalt kräftig Farbe auf die grauen Fassaden aufgetragen. Auf diese Weise entstanden innerhalb Jahrzehnten auf historischen Hintergründen moderne Zeitzeugen, die noch viele Jahrzehnte überdauern werden. Finanziert wurden diese Maßnahmen natürlich nicht von der öffentlichen Hand, aber es konnten in Einzelfällen anstehende Sanierungsmaßnahmen mit künstlerischen Events kostenneutral zusammengelegt werden. (Otto Geissler)

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