Kommunales

Münchens OB Dieter Reiter (SPD) persönlich nahm im Frühjahr 2020 den Pop-up-Radweg in der Prielmayerstraße in Betrieb. (Foto: Patrik Stäbler)

13.11.2020

Ungewisses Schicksal für Pop-up-Radwege

Konzept soll vorerst weder in München noch in Nürnberg fortgesetzt werden – bleibt aber eine langfristige Option für städtische Verkehrsplaner

Einfach und genial sollten Pop-up-Radwege funktionieren und mit wenig Geld in kurzer Zeit mehr Fahrradverkehr in die Städte bringen. Mit der unkonventionellen Vorgehensweise haben sich Metropolen wie München oder Nürnberg während der Corona-Tristesse wohl auch ein wenig frech, jung und modern präsentieren wollen.

Nach der Euphorie scheint jetzt im Herbst überall Ernüchterung einzukehren. In der Frankenmetropole haben auch alle „Ja“ gerufen, als auf der vielbefahrenen Rothenburger Straße plötzlich zwei von vier Autospuren zum Radstreifen mithilfe von gelben Klebestreifen und Baken auf dem Fahrbahnbelag praktisch von heute auf morgen umfunktioniert worden sind.

Maximal 15 Radler in einer halben Stunde

Ein halbes Jahr später fällt die Bilanz relativ bescheiden aus. Vor der Einrichtung des Radstreifen-Experiments hat der Nürnberger Verkehrsreferent Daniel F. Ulrich nur maximal 15 Radfahrende auf der etwa 1,2 Kilometer langen Strecke pro halbe Stunde in beiden Richtungen gezählt. Selbst drei Wochen nach der Einrichtung des temporären Radstreifens habe sich die Anzahl der Radfahrenden laut Ulrich „nur leicht“ auf knapp 20 Radler erhöht.

Auch drei Monate später sei die Zahl nur auf vergleichsweise bescheidene 35 Radfahrer gestiegen. Rein rechnerisch habe sich der durchschnittliche Radverkehr pro Tag um 130 Prozent von 300 auf bis zu 700 Radler erhöhten. Im Vergleich zum Autoverkehr auf den Pendlerrouten sind diese Zahlen allerdings Peanuts. Verkehrsreferent Ulrich hat das Experiment nicht zuletzt deshalb ein paar Tage vor dem offiziellen Ende beendet und die Baken und Markierungen ohne großes Tamtam wieder abgebaut. Dabei hat Nürnberg einen der „längsten provisorischen Radstreifen in Deutschland“ gehabt. Umstritten ist der Nürnberger Pop-up-Radweg im Rathaus schon kurz nach der Einführung gewesen.

Besonders der Nürnberger CSU-Fraktionschef Andreas Krieglstein hätte das Vorzeigeprojekt der Fahrradfahrer-Fraktion bereits wohl schon im Sommer am liebsten heute als morgen beerdigt. Besonders viel Verständnis hat Krieglstein für die verärgerten Pendler aufgebracht, die mit ihren Autos im Berufsverkehr plötzlich noch länger im Stau stecken geblieben sind. „Es macht keinen Sinn, diesen Flop noch für weitere zwei Monate fortzusetzen“, sagte der CSU-Fraktionschef bereits kurz nach den Sommerferien.

Nur die Grünen wollen noch nicht kapitulieren

Der Verkehrsreferent hat abwartend auf eine weitere Verkehrszählung verwiesen. Weil die Zahlen dann immer noch nicht rosig ausgefallen sind, hat der Verkehrsreferent wohl ein Einsehen gehabt und das Experiment ein bisschen früher als geplant beendet.

In München haben die Pop-up-Radwege ebenfalls keine Extra-Lebenszeit bekommen. Kürzlich haben die zuständigen Ausschüsse im Stadtrat die fünf Pop-up-Strecken in der Landeshauptstadt planmäßig auslaufen lassen. Lediglich die Grünen haben beantragt, die Markierungen noch eine Weile stehen zu lassen. Die Münchner Verkehrsreferentin Elisabeth Merk will die Idee laut einem Sprecher nun über den Winter einmotten und die aufpoppenden Radweg-Experimente auf der Rosenheimer-, Elisen-, Theresien- und Gabelsbergerstraße nach der kalten Jahreszeit im nächsten Frühjahr erneut auf die Tagesordnung setzen.

Auch in Nürnberg will man an dem Pop-up-Instrument festhalten, um mit geringen Kosten „komplexe verkehrliche Situationen“ modellieren zu können. Die Nürnberger Bauverwaltung empfiehlt daher explizit, sich trotz der mehr oder weniger gescheiterten Premiere in Zukunft „öfter des Versuchs“ zu bedienen, um Gewissheit über theoretische Verkehrsmodelle in der Praxis zu erlangen.

ADAC: Autofahrer werden zu Versuchskaninchen

Kritiker wie der ADAC fürchten, dass Autofahrer insbesondere in den Großstädten von den Verkehrsplanern weiter zum Versuchskaninchen der Mobilitätswende gemacht werden. Alexander Kreipl, Verkehrssprecher beim ADAC, begrüßt ausdrücklich, dass die zeitlich befristeten Versuche nun in beiden Metropolen wie angekündigt beendet werden. Jedoch sollten diese jetzt auch „objektiv und ergebnisoffen“ diskutiert und bewertet werden, fordert Kreipl. Pop-up-Radwege seien „ein weiteres Stückwerk der Radverkehrsförderung“.

Ohne tragfähiges Gesamtkonzept könnten die Verkehrsströme aus dem Umland in die Stadt nicht auf andere Verkehrsträger als das Auto verlagert werden. Pendler könnten eben nicht so einfach wie Münchner oder Nürnberger auf das Fahrrad oder den Nahverkehr umsteigen. Besser als einige Pop-up-Radwege wären laut ADAC bessere Radwegnetze und ein attraktiverer Nahverkehr. Den Verkehrsraum vorschnell und dauerhaft durch Pop-Up-Radwege umzuverteilen, sei nicht das richtige Mittel, um langfristig den Verkehrsfluss zu verbessern und für mehr Sicherheit zu sorgen. Zumal den Autofahrern die zugemutete „Entschleunigung“ auf relativ wenig beradelten Pop-up-Wegen tatsächlich kaum zu vermitteln sein dürfte.
(Nikolas Pelke)

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