Kommunales

Freiwillige schmieren während des ersten Tags der Vesperkirche Brote. (Foto: dpa/Sebastian Gollnow)

23.01.2020

Vesperkirchen bringen Menschen an einen Tisch

Essen oder Haare schneiden - das ist in Kirchen eher unüblich. Nicht so in den Vesperkirchen. Diese wollen ein Treffpunkt für alle sein - mit einem Angebot für Leib und Seele

Da wo die Gemeinden sonst Gottesdienst feiern, laden die Vesperkirchen zum Mittagessen. Für einige Wochen öffnen diese in der kalten Jahreszeit ihren Kirchenraum, um ganz unterschiedliche Menschen zusammenzubringen. Neben einem Mittagstisch für wenig Geld bieten sie unter anderem kostenlose Haarschnitte, Bewerbungstraining und Konzerte. In diesem Jahr gibt es nach Angaben der Diakonie fünf Vesperkirchen im Freistaat. Erstmals dabei ist die Christuskirche in Memmingen, die Anfang Februar eröffnet.

Bis zu 500 Essen teilen die vielen Freiwilligen zurzeit täglich in der Vesperkirche in Nürnberg aus. Für einen Euro bekommen die Besucher ein warmes Essen und Getränke. Außerdem gibt es Konzerte, Experten helfen den Gästen beim Reparieren von allerlei kaputten Dingen und eine Fotografin nimmt kostenlos Familienporträts auf.

Die Angebote richten sich jedoch nicht nur an bedürftige Menschen. "Alle sind eingeladen", sagte Pfarrer Bernd Reuther. "Wir machen das, was Kirche schon immer gemacht hat: Wir schaffen Begegnungsräume." Früher seien die Menschen in den Gottesdienst gegangen, um andere zu treffen und Musik zu hören. "Diese soziale Funktion hat die Kirche heute verloren", sagte Reuther. Die Vesperkirche stoße da in eine Nische. Seinen Erfahrungen nach ist das Publikum immer bunt gemischt. Viele kämen regelmäßig. Es gebe aber auch Gäste, die nur einmal reinschnuppern wollten.

Täglich fast 400 Essensportionen

Auch in Schweinfurt sind alle Menschen in der Vesperkirche willkommen. An diesem Sonntag wird die St. Johannis-Kirche wieder für zwei Wochen zu einer Art Ess- und Wohnzimmer mitten in der Stadt. "Menschen sollen gemeinsam beim Essen an einem Tisch sitzen und sich begegnen", sagte Diakon Norbert Holzheid. Das Ziel sei ein Miteinander von Leib und Seele.

300 Ehrenamtliche helfen mit, um täglich fast 400 Essen auszuteilen, Menschen bei der Rente zu beraten, ihnen die Haare zu schneiden oder den Blutdruck zu messen. Wie in Nürnberg finanziert die Gemeinde das Ganze über Spenden. 60 000 Euro müssen nach Angaben von Holzheid dafür zusammenkommen, was in der Vergangenheit schwieriger geworden ist. Deshalb hatten die Organisatoren nach eigenen Angaben auch erst gezögert, Bayerns älteste Vesperkirche in diesem Jahr wieder zu eröffnen.

In Memmingen werden die Kosten bei etwa 70 000 Euro liegen. "Wir sind zuversichtlich, dass die Summe zustande kommt", sagt Margit Pschorn vom Organisationsteam. Knapp die Hälfte haben sie und ihre Mitstreiter schon eingesammelt. 260 Freiwillige haben sich gemeldet, um im Kirchenraum und hinter den Kulissen mit anzupacken - beim Essen, aber auch bei Konzerten, einer Tanzparty und verschiedenen Thementagen zu Erziehung, Pflege im Alter oder Existenzsicherung. Das Motto dabei lautet: "Jeder is(s)t hier richtig!". Es gebe viele Menschen, denen soziale Kontakte fehlten, sagte Pschorn. "Wir wollen Menschen unterschiedlicher Schichten zusammenbringen, die sonst Berührungsängste haben." (Irena Güttel , dpa)

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