Kommunales

Marcel Walter hat stets ein offenes Ohr für die Anliegen seiner Mitbürger. (Foto: Pat Christ)

30.10.2026

Vom Hauptkommissar zum Bürgermeister: Der 41-jährige Ex-Mordermittler Marcel Walter (CSU) ist seit Juli Rathauschef im fränkischen Thüngersheim

Marcel Walter hat die tiefsten menschlichen Abgründe kennengelernt. Doch den Glauben an das Gute im Menschen hat er nie verloren

Marcel Walter hat die tiefsten menschlichen Abgründe kennengelernt. Bestialische Grausamkeit. Und absolut kaltblütiges Verhalten. Jahrelang war er Mordermittler. Doch das hat ihn nicht zynisch gemacht. Trotz des Erlebten verachtet er die Menschen nicht. Walter liebt Menschen. Deshalb entschied er, nach 23 Jahren bei der Polizei aus seinem Beruf auszusteigen. Seit Juli ist der 41 Jahre alte Christsoziale Bürgermeister in Thüngersheim im Landkreis Würzburg.

Schon sein Vater war Polizist. Das hatte den kleinen Marcel fasziniert, wie ihn auch Krimis à la Kommissar Rex als Bub begeistert hatten. Die Idee, selbst Verbrecher zu jagen, gefiel ihm. So mauserte er sich zum Kriminalhauptkommissar: „Die Polizei war lange mein Leben.“ Als Mordermittler, erzählt er, habe er nicht sehr viele Menschen gesehen: „Und die, die ich sah, wollten mich nicht sehen.“ Die Geschnappten – jene, die andere um ihr Leben gebracht hatten.

Heute sieht und trifft Marcel Walter jeden Tag eine Menge Menschen: „Und das liebe ich total.“ Er mag es, Menschen zu begegnen. Und sich von Menschen Geschichten erzählen zu lassen. So hatte er dann auch seinen Wahlkampf in Thüngersheim gestaltet: „Ich war ja in der Gemeinde neu, und als Neuer stellt man sich vor.“ Walter selbst wohnte nie in Thüngersheim. Sein Heimatort ist Rottendorf im Landkreis Würzburg. Da will er auch wohnen bleiben.

"Kandidier doch noch mal bei uns!"

In seiner eigenen Gemeinde Bürgermeister zu sein, fände er keine gute Idee. Dann wird man permanent angesprochen. Kann sich kaum zurückziehen. Ein externer Bürgermeister bringt in seinen Augen den Vorteil mit sich, neutraler und überparteilicher agieren zu können. Bei der Kommunalwahl im Frühjahr trat Walter zunächst als Bürgermeisterkandidat in der Gemeinde Uettingen an. Dass er dort nicht Gemeindeoberhaupt wurde, lag an einem Unterschied von lediglich zwei Stimmen gegenüber seinem Konkurrenten: „Danach dachte ich, dass ich raus wäre aus der Kommunalpolitik.“

Bis er von Thüngersheimern angesprochen wurde: „Kandidier doch noch mal bei uns!“ In Thüngersheim war im März Florian Geiger (Freie Wähler) zum Bürgermeister gewählt worden. Fünf Tage nach der Wahl trat er wieder ab. Eine zweite Wahl wurde notwendig. Walter ließ sich die Sache durch den Kopf gehen. Und stimmte schließlich zu, gegen eine Konkurrentin von den Grünen zu kandidieren. Danach eroberte er Thüngersheim für sich. 40 Stunden lang ging er von Haustür zu Haustür. 2700 Menschen leben in Thüngersheim – in 1300 Haushalten.

An die Tausend Einwohner schüttelte Walter während seines Wahlkampfs die Hand, schätzt er selbst. Nur zweimal schmiss man ihm die Haustür vor der Nase zu. Die meisten Thüngersheimer wollten ihn kennenlernen. An der Haustüre oder in der Wohnstube weihten sie ihn in die Geschichte des Orts ein. So manche Anekdote bleibt Walter unvergessen. So erzählte ein Alteingesessener, dass sein Opa im Auftrag der Bahn vor 90 Jahren an der Thüngersheimer Bahnlinie einen Apfelbaum gepflanzt hatte. Schaffner, berichtete er, verdienten damals nicht viel. Wenigstens Äpfel sollten sie zu essen haben.

Schockierend, was ihm via Social Media unterstellt wurde

So nett er auch an der Haustür aufgenommen worden war: Schockierend war für Walter, was er über Social Media erlebte. Mehrfach wurde ihm unterstellt, es wäre einfach nur geil auf irgendein Bürgermeisteramt. Seine Beteuerung, dass er angesprochen wurde, dass er sich gar nicht von sich aus beworben hatte, lief ins Leere. Nun ist er als Polizist im kriminellen Milieu Beleidigungen gewohnt. Doch die massiven Anfeindungen als Kommunalpolitiker waren für ihn too much: „Drei Tage vor der Wahl sagte meine Frau, dass ich nun nichts mehr lesen solle, weil mich das einfach zu fertig machte.“

Zum Glück ist das vorbei und vergessen. Marcel Walter fühlt sich in Thüngersheim geschätzt. Und er schätzt seine kommunalpolitische Wahlheimat. Der Bürgermeister will aus dem Weinort am Main was machen. 30 Jahre sei fast nichts geschehen, sagt er. Deshalb wuchs die Gemeinde auch nicht. Anders als Gemeinden im Umland. Das möchte Walter ändern. Erstaunlich viel hat er in den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit bereits angebahnt. Ein neues Areal für Gewerbebetriebe soll entstehen. Und ein Neubaugebiet. Neben diesen Großprojekten gibt es jede Menge im Kleinen anzupacken.

Walter hat stets ein offenes Ohr für die Anliegen seiner Mitbürger. Neulich äußerte ein älterer Thüngersheimer, es sei eine Zumutung, im Sommer auf den Friedhof zu gehen. Nirgendwo ein schattiger Platz. Das sah Walter sofort ein. Ohne in einen langwierigen Entscheidungsprozess einzusteigen, gab er das Anliegen an den Gemeinderat weiter. Für alle war klar: Es müssen Bäume gepflanzt werden. So geschah es dann auch. Auch einen Bürgerbus soll es in Thüngersheim bald geben. Ebenfalls vor allem für ältere Bewohner. Ein solcher Bus, wie ihn Walter aus seiner Rottendord kennt, könnte aber auch die Kinder an der Thüngesheimer Staustufe, die momentan noch mit dem Taxi in die Grundschule gebracht werden müssen, befördern. Der Gemeinde würde das eine Menge Geld sparen würde.

In Thüngersheim blüht das Ehrenamt

Einen ehrenamtlichen Fahrer fand Walter schon. Das Ehrenamt zu stärken, auch das ist ihm wichtig. In Thüngersheim gibt es viele Vereine. Lebendige Vereine. Wobei hier dasselbe Problem existiert wie anderenorts: Vorstand möchten die wenigsten werden. Walter spekuliert darauf, dass junge Familien in das von ihm geplante Neubaugebiet ziehen werden. Da wird sicher der eine oder andere darunter sein, der sich freiwillig einbringen möchte.

Sich als Quereinsteiger in die Kommunalpolitik hineinzufuchsen, kostet Zeit. 14-Stunden-Tage sind keine Seltenheit. Wenn dann aber bis Freitagmittag alles erledigt ist, was unbedingt zu erledigen war, geht Walter dann auch schon mal um 13 Uhr zu seiner Familie. Vier Kinder hat er: wei Jungs und zwei Mädchen.

Im Fußballverein des Zehnjährigen ist er nach wie vor donnerstags Trainer. Das möchte er auch erst mal bleiben. Gegen Ende seiner Karriere bei der Polizei war er international tätig. Sehr oft auf Reisen: „Jetzt schlafe ich wenigstens wieder jede Nacht zu Hause.“
(Pat Christ)
 

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