Schweinfurt war lange eine SPD-Hochburg. 1992 ging der OB-Posten in der Industriestadt dann an die CSU verloren. Zuletzt liefen zudem viele Arbeiter von den Genossen zur AfD über. Doch Ralf Hofmann gelang im März die Rückeroberung der Kommune – mit Bürgernähe und Bodenständigkeit.
BSZ: Herr Hofmann, Sie haben trotz der Schwäche der SPD den OB-Posten in Schweinfurt von der CSU zurückerobert. Verraten Sie Ihr Erfolgsrezept?
Ralf Hofmann: Die bayerische SPD ist traditionell in den Kommunen stark. In Schweinfurt ist dazugekommen, dass mein Vorgänger aufgehört hat und es keinen Amtsbonus gab. Und dann haben wir im Wahlkampf zwei, drei Dinge richtig gemacht.
BSZ: Nämlich?
Hofmann: Erstens haben wir uns als Partei geöffnet und eine offene Stadtratsliste angeboten, auf der Vertreter verschiedener Parteien kandidiert haben, vom Unternehmer bis zum Gewerkschaftssekretär. Zweitens haben wir es geschafft, Unterstützer zu gewinnen, deren Spektrum über das der SPD hinausgegangen ist. Ich hatte um die 40 Aktivisten an meiner Seite, die nicht der Partei angehörten. Die haben mit mir Haustürwahlkampf gemacht und im Bereich Social Media Unglaubliches geleistet. Wir und auch ich selbst haben gezeigt, dass wir für die ganze Stadt da sein wollen.
BSZ: Und drittens?
Hofmann: Das ganze Team war enorm fleißig. Wir hatten mehr als 10.000 Haustürbesuche, eine Vielzahl an Info-Ständen, wir waren mit der „Schweinfurt-Bank“ unterwegs, auf die ich mich überall in der Stadt mit Menschen gesetzt habe, um mit ihnen zu reden. Mit all dem haben wir große Reichweite und viel Glaubwürdigkeit erzielt. Das Gesamtpaket war stimmig.
BSZ: Kann die schwächelnde bayerische SPD davon lernen?
Hofmann: Als Volkspartei muss man offen sein. Vielerorts hat die SPD aber inzwischen das Problem, dass die Personen und Strukturen fehlen. Deshalb ist es schwierig, ein Modell, das in Schweinfurt mit unseren Möglichkeiten funktioniert hat, einfach auf andere zu übertragen.
BSZ: Die SPD verliert viele Wähler, gerade aus der Arbeiterschaft, an die AfD. Warum ist das in der Industriestadt Schweinfurt nicht so stark passiert?
Hofmann: Die AfD hat sich im Schweinfurter Stadtrat mit seinen 44 Mitgliedern im Vergleich zur vorherigen Wahl von vier auf acht Sitze verdoppelt, aber sie ist längst nicht so stark wie andernorts. Sie spricht vor allem Menschen an, die sich nicht gesehen und verstanden fühlen. Deshalb haben wir mit unserem Team versucht, überall in der Stadt mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, und haben uns gestellt, auch ich persönlich. Ich glaube, das ist am Ende honoriert worden. Ich bin im ersten Wahlgang in allen Stadtteilen Schweinfurts, auch den schwierigen, vor dem AfD-Kandidaten gelegen.
BSZ: efühlt steht Schweinfurt alle zehn Jahre vor einem Umbruch. Mal schwächelt eine Industriebranche, dann ziehen die US-Streitkräfte ab. Ist der Krisenmodus Normalzustand in der Stadt?
Hofmann: Es stimmt, dass wir in Schweinfurt einige Erfahrung mit Krisen haben. Was wir jetzt erleben, ist aber eine multiple Krise. Die geopolitische Lage wirkt sich direkt auf unsere Schlüsselbetriebe aus. Dazu kommen in einigen Betrieben hausgemachte Probleme. Ich habe aber trotzdem nicht den Eindruck, dass unsere Entscheidungsträger das einfach so hinnehmen wollen. Wir suchen nach gemeinsamen Lösungen und die Stadt unterstützt das nach Kräften. Ich sehe die Lage auch als Chance, Strukturanpassungen vorzunehmen, an die man sich sonst vielleicht nicht trauen würde.
BSZ: Was meinen Sie damit?
Hofmann: Wir müssen uns als Stadtverwaltung fit für die nächsten Dekaden machen. Wir haben einen Rückstand bei Prozessmanagement und Digitalisierung, wir müssen Antworten auf die demografische Entwicklung finden. Wir müssen die interkommunale Zusammenarbeit stärken. Wir werden deshalb mehr in Zweckverbänden und regionalen Verbünden arbeiten. In die Wirtschaft hinein will ich Gespräche führen, um die nötigen Strukturveränderungen zu begleiten. Zum Glück haben wir hier standorttreue Betriebsleitungen und hervorragende Betriebsräte, die im Regelfall gut miteinander können.
BSZ: Wie viele Jobs könnte der aktuelle Umbruch in der Stadt kosten?
Hofmann: Wir hatten zu Spitzenzeiten vor rund zehn Jahren etwa 22.000 Industriebeschäftigte in der Stadt. Das ist bereits auf deutlich unter 20.000 abgeschmolzen. Insgesamt könnten um die 8000 Arbeitsplätze in der Industrie wegfallen. Aber wir haben einen sehr stabilen Mittelstand und viele Handwerksbetriebe, die das ein wenig abfedern.
BSZ: Welche Auswirkungen hat die Lage auf die städtischen Finanzen?
Hofmann: 2026 war unser Haushalt nicht genehmigungsfähig, und für die nächsten Jahre sieht es nicht besser aus. Das liegt – bei allen Hausaufgaben – weniger an uns, sondern daran, dass uns von Bund und Land immer mehr Aufgaben zugewiesen werden, ohne dass wir dafür einen finanziellen Ausgleich bekämen. Das muss sich ändern. Außerdem wird nächstes Jahr unsere Bezirksumlage voraussichtlich von 20 auf 27 Millionen Euro steigen. Unsere freiwilligen Leistungen für Sport, Kultur und so weiter liegen bei rund 1,8 Millionen Euro. Selbst wenn wir die alle streichen würden, wäre das ein Tropfen auf den heißen Stein.
BSZ: Die Staatsregierung versucht, eine der von der EU ausgeschriebenen Gigafactories nach Schweinfurt zu holen. Was halten Sie davon?
Hofmann: Das ist für uns eine positive Nachricht, die Zusammenarbeit unseres örtlichen Konsortiums mit dem Freistaat läuft exzellent. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir den Zuschlag erhalten. Das Baurecht dafür haben wir schon geschaffen. Ein derartiges Rechenzentrum wäre ein zentraler Baustein in unserem Transformationsprozess. Da geht es weniger um die Arbeitsplätze, die in der Anlage selbst entstehen, sondern um das Ökosystem, das sich außen herum entwickeln wird. Wir setzen da auf die Bereiche Defence, Health Care und Verwaltung mit Neuansiedlungen und Forschungseinrichtungen. Insgesamt ist unsere Arbeitsplatzerwartung vierstellig. Je höher, desto besser.
BSZ: Was wäre Ihr dringendster Wunsch an die Politik in München und Berlin?
Hofmann: Uns Kommunen endlich ernst nehmen. Es wird nicht ausreichend wahrgenommen, wie bei uns vor Ort der Baum brennt. Wenn wir als Kommunen nicht handlungsfähig sind, dann wird das zu einer Gefahr für unsere Demokratie.
(Interview: Jürgen Umlauft)
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