Was für ein Meilenstein! Ida Dehmel (1870 bis 1942), Künstlerin, Muse, Mäzenin und Frauenrechtlerin, gründete 1926 die Gemeinschaft Deutscher und Österreichischer Künstlerinnen (Gedok). Da waren die Rufe nach einem Netzwerk für die Damen der Kunstwelt längst aus Berlin und Mannheim im ganzen Land zu hören.
Es war die Malerin und Bildhauerin Eugenie Kaufmann, der Ida Dehmel in ihrer Mannheimer Rede 1927 den „Urgedanken“ zu einem Künstlerinnennetzwerk zugesteht. Kaufmann hatte bereits 1912 gemeinsam mit der Malerin Dora Horn-Zippelius den Bund Badischer Künstlerinnen (BBK) gegründet. In Berlin hatte sich vier Jahre zuvor der Bund Deutscher und Österreichischer Künstlerinnenvereine formiert. Der Frauenkunstverband folgte 1913 in Frankfurt.
Die Zeit war reif für ein solches Netzwerk
Die Zeit war reif. Frauen kämpften um Einfluss. Für das Frauenwahlrecht und für das Recht in Kunst und Kultur, mehr als schönes Beiwerk ihrer männlichen Kollegen zu sein. Zögerlich öffneten Akademien und Konservatorien ihre Hörsäle für eine wachsende Schar selbstbewusster Künstlerinnen. Die Damen trafen in den Salons auf jene wohlhabenden und kunstsinnigen Förderer, ohne die ein Leben in der Kunst schwer möglich war. Dieses Prinzip des Miteinanders und Füreinanders baute Ida Dehmel ab 1906 kontinuierlich im Hamburger Frauenclub zu einem Frauennetzwerk aus und erhob es mit der Gründung der Gedok 1926 zur Institution.
Binnen sieben Jahren vernetzten sich 7000 Künstlerinnen aus allen Kunstgattungen in elf Regionalgruppen. Zu den Mitgliedern gehörten namhafte Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz, Milly Steger, Ricarda Huch und Ina Seidel, die Komponistinnen Alice Santer und Grete von Zieritz oder Tänzerinnen und Schauspielerinnen wie Mary Wigmann und Gertrud Eysoldt.
Heute sind es mehr als doppelt so viele Ortsgruppen. Insgesamt 23. Mit 3000 Engagierten, aber weniger als halb so vielen Mitgliedern. Dennoch ist die Gedok auch 100 Jahre nach ihrer Gründung noch immer europaweit das größte interdisziplinäre Netzwerk für Frauen in der Kunst. „Und man muss auch sagen“, so die ehemalige stellvertretende Bundesvorsitzende, fränkische Fachgruppenleiterin und Regensburger Künstlerin Renate Christin, „trotz aller Errungenschaften, die Frauen heute im Hinblick auf die Gleichstellung erlangt haben, ist die Gedok noch immer ein Verband, der für die Frauen in der Kunst ebenso unverzichtbar ist wie für die Gesellschaft.“
Noch immer stammen 74 Prozent der verkauften Werke von Männern. Noch immer gehen lediglich 2 Prozent des Umsatzes aus Verkäufen in der Kunst auf Frauen zurück. Im Schnitt verdienten Männer mit ihrer Kunst 13 000 Euro, erklärt Christin, Frauen jedoch nur 5000 Euro. Der Fachbegriff heißt „Gender-Pay-Gap“. Und der sei in der Kunstwelt besonders auffällig. Ganz zu schweigen vom Gender-Show-Gap, also der Sichtbarkeit der Künstlerinnen. „Galerien stellen überproportional Männer aus und werden auch überwiegend von Männern geführt.“
Diesen Umstand beklagt auch die Vorsitzende der Münchner Sektion Gedokmuc, Margit Huber. Gesellschaftliche Einmischung sei ihr deshalb umso wichtiger. Aus ihrer Vorliebe, neue Wege zu gehen, macht die ehemalige Führungskraft eines internationalen Marktforschungsunternehmens keinen Hehl. Den Satz „Das haben wir immer so gemacht“ mag sie gar nicht.
Der Bundesverband engagiert sich in politischen Gremien wie der Stiftung Kunstfonds, im Deutschen Musikrat und dem Deutschen Kulturrat. Auf lokaler Ebene ist die Gedok häufig in den Stadtratsgremien für Kultur und Frauen vertreten. Die Gedok nimmt auch Fördermitglieder und Kunstfreundinnen auf.
Auch Mäzene sind willkommen
Das funktioniert auch heute noch. Wenngleich die großen Zeiten des Mäzenatentums vorbei sind, bestätigt eine ältere Dame, die seit 40 Jahren Kunst und Künstlerinnen in der Gedok fördert. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Ihr Bedauern darüber, dass Kunst und die Arbeit von Künstlerinnen heute kaum noch geschätzt werden, wohl aber doch. „Jeder denkt doch heute, das kann ich auch. Und auch die Kritik geht viel zu oft weit über das Angemessene hinaus. Das war zu Zeiten Ida Dehmels anders.“
Die Münchner Ortsgruppe ist mit rund 300 Künstlerinnen die größte im Verband. Und wie der gesamte Verband eine sehr vitale Vereinigung, die jungen Künstlerinnen Beratungen oder wie in München auch bezahlbare Ateliers anbietet. Dazu die Möglichkeit, in der eigenen Galerie auszustellen. Konzerte, Lesungen, Netwerktreffen und Wettbewerbe kommen dazu. Und obwohl die Gedok heute nur eines von vielen Netzwerken ist, in denen sich Künstlerinnen organisieren, ist es doch dasjenige, das sich an deren Bedürfnissen ausrichtet. Und sei es nur mit familienfreundlichen Uhrzeiten für die Treffen.
Die Gedok vergibt zudem zahlreiche Kunstpreise. Unter anderen den Ida-Dehmel-Preis für Literatur und den Literaturförderpreis. Sie veranstaltet den internationalen Komponistinnen-Wettbewerb und das Gedok-Bundeskonzert. Darüber hinaus verleiht sie den Ida-Dehmel-Kunstpreis und den Kunstförderpreis für angewandte Kunst und ist beteiligt am Gabriele-Münter-Preis für bildende Künstlerinnen.
Ein reichhaltiges Angebot, das die Künstlerinnen schätzen. „In Burghausen fernab des Münchner Kulturbetriebs war die Gedok für mich umso wichtiger“, sagt die Künstlerin Martina Salzberg.
Viele Preise und Veranstaltungen
Die Kunst von Frauen sichtbar und hörbar machen: Das ist das Herz der Gedok. So wie die Förderung der künstlerischen Arbeit und die Zusammenarbeit in gemeinsamen Projekten. „Von alleine wäre ich wohl nicht auf die Idee gekommen, dass meine Gedichte vertont werden oder ich meine Texte mal anders präsentiere als auf Papier“, sagt die Sprachphilosophin und Münchner Schriftstellerin Sabine Jörg. Sie arbeitet eng mit der Musikerin und Sängerin Barbara Hesse-Bachmaier zusammen. „Ich hätte auch kaum so viele interessante Künstlerinnen aus allen Sparten kennengelernt“, sagt Jörg. Auch Hesse-Bachmaier schätzt die interdisziplinäre Zusammenarbeit. „Es werden doch sonst vornehmlich Texte von Männern aus der Vergangenheit vertont“, sagt sie.
Bundesweit wird das Jubiläum mit verschiedensten Veranstaltungen gefeiert. Die Gedokmuc begeht den Geburtstag mit drei neuen Ausstellungen: in der Rathausgalerie zu Gast im DG Kunstraum (bis 11. Juni) in der Finkenstraße, im Maximiliansforum am Altstadtring (bis 11. Juni) und in der „Galerie Gedokmuc“ in der Schleißheimer Straße (bis 28. Juni). (Flora Jädicke)
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