Kultur

Das Frühlingsopfer war eines von drei Werken, die vom Bayerischen Staatsballett fulminant auf die Bühne gebracht wurden. (Foto: Bayerische Staatsoper/S. Gherciu)

17.04.2025

Ästhetisch, animalisch und geerdet

Der Auftakt der Münchner Ballettfestwoche beweist mit „Wings of Memory“ die zeitlose Relevanz choreografischer Meisterwerke

Es sind Erinnerungen, die bis heute beflügeln, zumal wenn sie wie im dreiteiligen Ballettabend Wings of Memory vom Bayerischen Staatsballett derart fulminant interpretiert und authentisch einstudiert auf die Bühne gestellt werden wie vom Bayerischen Staatsballett. Geniale Choreografien müssen kein Verfallsdatum befürchten!

Das gilt für Pina Bausch (1940 bis 2009) und ihr bereits 1975 uraufgeführtes, groß besetztes Ensemblewerk Das Frühlingsopfer ebenso wie für Bella Figura, das der tschechische Choreograf Jiri Kilian für neun Tänzerinnen und Tänzer im Jahr 1995 schuf. Und das gilt ebenso für das Duo Faun aus dem Jahr 2009, in dem der Belgier und jetzige Genfer Ballettdirektor Sidi Larbi Cherkaoui Claude Debussys/Nijinskys ikonisches L’après-midi d’un faune neu interpretierte – nicht zuletzt mit musikalischen Interventionen von Nitin Sawhney.

Zu erleben war eine atemberaubende Reise durch Zeit, Raum und Licht, die der modernen Tanz- und Musikgeschichte kraftvoll und kühn Reverenz erwies. Nicht oft gibt im modernen Tanz so feine Verständnishilfen wie bei Bella Figura. Der Choreograf selbst beschreibt das Stück als Parabel über die „Relativität von Sinnlichkeit, Schönheit und Ästhetik im Allgemeinen“.

Und so deutet nicht allein der gläserne Sarg, der vor Beginn auf der offenen Bühne schwebt, auf der sich die Tanzenden zum informellen Warm-up treffen, die im Barock immer mitschwingende Vergänglichkeit und die eigene Verletzlichkeit hin.

Fein zusammengestellt gibt auch der Komponistenreigen von unter anderem Pergolesi, Vivaldi und Torelli die Kipp-Punkte der Affekte-Palette und die Atmosphäre vor, die all diese so schönen, am Ende oberkörperfrei und in rote Reifröcke gewandete Figuren umtreiben. Die lassen sich auf ein Miteinander voller Neugier, Überraschungen und beziehen spielerisch auch den Vorhang mit ein, der als wesentliches Element die konstant sich ändernde Richtung und die ästhetische Dimension in diesem bis zum stillen Ausklang magisch bleibenden Stückes vorgibt.

Gebannt tauchte man dann vor der geheimnisvoll illuminierten Waldprojektion ein in das akrobatische Duo des mythologisch inspirierten Faun und der Nymphe. Bodennah und immer im Flow bleibend das Muskel- und Sehnenspiel des Ausnahmetänzers António Casalinho. Gemeinsam mit Margarita Fernandes machte er erotisches Entdecken und inniges Verschmelzen von männlich-animalischer mit weiblicher, in der Welt der Pflanzen verwurzelter Energie zum Partnering-Balance-Kunststück par excellence.

Hier hob auch Andrew Litton, Chefdirigent des New York City Ballet, endlich den Taktstock, um sein am Ende zu Recht mit Sonderbeifall gewürdigtes Debüt am Pult des Bayerischen Staatsorchesters zu geben.

Und natürlich befeuerte den unbestrittenen, ans Finale gesetzten Höhepunkt des Abends zu großen Teilen Igor Strawinskys immer wieder überwältigende und kontrastreiche Ballettmusik Le sacre du printemps. Sie ist ein Fest für jedes Orchester, das auch hier brillieren durfte.

Schlüssig wie in all ihren Werken führt Pina Bausch auch im Frühlingsopfer Emotion und durchdachte Dramaturgie, Ernsthaftigkeit mit eruptiver Dynamik zusammen. Elementar die Rolle von „Mutter Erde“, die hier nach einem aufwendigen Bühnenumbau in Form echten Torfes 5 Zentimeter hoch den Bühnenboden bedeckt und sich bald auf den Körpern der 32 „wilden“ Tänzer abzeichnet. Im Werk Das Frühlingsopfer fokussiert sie sich auf den Zerfall sozialer Rituale, zeigt konsequent deren Erbarmungslosigkeit, die unausweichlich scheint.

Bis zuletzt fiebert man mit dem weiblichen Opfer mit, spürt deren Verzweiflung und Erschöpfung, das vergebliche Aufbäumen in einem Kraftakt sondergleichen am eigenen Leib. Intensiv tobt und kreist der Furor im brillant aufeinander abgestimmten Kollektiv, das sich mit dem Opfer das eigene Überleben zu sichern weiß.

Ein Tanzereignis, das bezwingender und überwältigender kaum sein könnte und mit stürmischem Applaus gefeiert wurde. (Renate Baumiller-Guggenberger)
 

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