Kultur

Tannhäuser ist in dieser Inszenierung ein tragischer Clown, umgeben von anderen schrägen Vögeln: Stephen Gould in der Titelrolle mit Elena Zhidkova als Venus und Manni Laudenbach als Oskar. (Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath)

02.08.2019

Anarchos stürmen den Grünen Hügel

Tobias Kratzers „Tannhäuser“ bei den Bayreuther Wagner-Festspielen ist geistreich und hochpoetisch

Da war er also, der Skandal. Oder war es nur ein Skandälchen? Jedenfalls fühlte sich die schwarze Dragqueen Le Gateau Chocolat respektlos behandelt. Im Schlussapplaus der Tannhäuser-Premiere sei sie als einzige Darstellerin ausgebuht worden, schrieb sie auf Twitter und Facebook. Tatsächlich wurde die Performerin im Internet schlimm beleidigt, aber im Festspielhaus gingen die vereinzelten Buh-Rufe im allgemeinen Jubel unter.

Auch beim Seerosenteich am Fuße des Grünen Hügels gab es nur Zustimmung für Le Gateau Chocolat. Dort performte sie während der ersten Pause, um etwa die berühmte Hallenarie der Elisabeth zu trällern – in baritonaler Lage.

Diese Performance, ein Novum in Bayreuth, war integraler Teil der Neuinszenierung von Tobias Kratzer. Mit ihr ist dem Bayreuth-Neuling ein echter Geniestreich geglückt – geistreich und witzig, sinnlich und hochpoetisch. In seiner Regie konzentriert sich Kratzer auf die Reibung zwischen Mit- und Gegenwelten. Die Außenseiter bilden ein Quartett, zu dem auch die Dragqueen gehört. Ihr steht ein kleinwüchsiger, blechtrommelnder Oskar zur Seite (Manni Laudenbach).

Die Hauptpersonen dieser Viererbande sind ein trauriger Clown namens Tannhäuser (solide, wenn auch darstellerisch matt: Stephen Gould) und eine Venus im Glitzerkleid (witzig und stark: Einspringerin Elena Zhidkova).

Diese Anarcho-Truppe stürmt bald nicht nur die Wartburg, sondern das Festspielhaus. Mit den Videos von Manuel Braun, teils vorgefertigt oder live gedreht, entsteht nicht nur ein Theater im Theater. Vielmehr verwischen sich die Grenzen zwischen Sein und Schein, Fake und Fakt. Zu Beginn der Ouvertüre schwebt eine Drohne über die echte Wartburg, um auf einer Straße einen Lieferwagen ins Visier zu nehmen – darin die schräge Truppe. Der Lieferwagen ist der Venusberg, und die Venus persönlich sitzt am Steuer. Sie brausen an einem Schild vorbei: „Zur Biogas-Anlage – mangels Nachfrage geschlossen“. Das ist ein frecher Seitenhieb auf den wenig erfolgreichen Vorgänger-Tannhäuser. Als das Quartett einen Burgerladen überfällt, kippt die Stimmung. Venus kickt Tannhäuser aus dem Lieferwagen, um diesen Schritt bald zu bereuen.

Polizei auf der Bühne

Während im zweiten Akt der Sängerkrieg abläuft, in einer detailgetreuen Kopie des Wartburg-Saals (Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier), sieht man in Video-Einblendung die Erstürmung des Festspielhauses durch die Venus-Truppe. Ein Plakat wird ausgerollt: „Frei im Wollen, / Frei im Thun, / Frei im Genießen“. Der Spruch stammt von Wagner selbst, von 1849, als er noch Sozialrevo-luzzer war.
Bald eskaliert die Lage, zumal Venus selbst dem Sängerkrieg im Wartburg-Saal beiwohnt. Sie ist eifersüchtig auf Tannhäusers alte Liebe Elisabeth (sehr eindrucksvoll: Lise Davidsen). Diese ist wiederum hochgradig suizidgefährdet, was Narben an den Armen verraten.

Schnell wird Tannhäuser von der Masse als Übeltäter ausgemacht. Im Trubel bleibt der zugespielten Festspielleiterin Katharina Wagner nichts anderes übrig, als die Polizei zu rufen. Sie stürmt die Bühne.
Es ist eine weitere Bayreuth-Selbstreflexion, die Kratzer bietet – samt einigen Zitaten. So erinnert der Lieferwagen an den Bayreuther Castorf-Ring. Das Stoffhäschen obendrauf könnte auch von Christoph Schlingensief stammen. Die Revoluzzer-Losung von Wagner hatte Kratzer hingegen bereits in seinem Tannhäuser in Bremen zitiert. Die schwarze Dragqueen erinnert wiederum an die farbige Venus, die 1961 in Bayreuth für einen wirklichen Skandal gesorgt hatte.

Im dritten Akt ist der Spaß vollends vorbei. In der grauen Ödnis eines Schrottplatzes schläft Elisabeth mit Wolfram (überragend: Markus Eiche), um sich sodann das Leben zu nehmen. Der verzweifelte Tannhäuser hält die Tote in den Armen. Hier ist eine Utopie gestorben, in mehrfacher Hinsicht. Genau das entwirft Kratzer als zutiefst berührende Tragödie über das Menschsein – atemberaubend, bleibend. (Marco Frei)

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