Kultur

Grau in Grau spielt die Abendmahlszene im Wüstenzelt. Diese Bildfindung von Bühnenbildner Stefan Hageneier ist keineswegs eine Umsetzung von Leonardo da Vincis berühmtem, farbigen Wandgemälde. (Foto: Birgit Gudjonsdottir)

20.05.2022

Anrührendes Gesamtkunstwerk

Das Oberammergauer Passionsspiel wird von großartigen Typen und einer naturalistischen Drastik geprägt

Schnell ist das VIP-Zelt wieder abgebaut, haben sich die weit über 4000 Zuschauer*innen verlaufen und ist der Premierenglamour vom Nachmittag verrauscht. Wie viele Menschen mögen dieses riesige Passionsspieltheater nach langem Applaus und den drei kahlen Kreuzen auf der Bühne schließlich genauso verlassen haben wie sie gekommen sind? Sind sie nachdenklicher geworden und haben einen veränderten Blick auf das historische Beispiel und die gegenwärtige Lage bekommen, natürlich auch auf ihre religiöse Einstellung?

Man war gekommen in der Erwartung von Christian Stückls „Spiel“, saß inmitten der weltlichen und geistlichen Prominenz, wartete nach zwölf Jahren wieder auf die „Vertreibung aus dem Paradies“, auf das „Heil Dir“ beim Einzug von Jesus in Jerusalem. In Oberammergau geht es einen Sommer lang um die Erfüllung des alten Gelöbnisses gegen die Pest: „Jetzt erst recht!“ Gilt das aber bei diesem Passionsspiel, das nach 1633 aufgeführt wurde, auch in Hinblick auf die Kunst und die religiöse Erbauung?

Botschaften fürs Heute

Christian Stückl, der das alles verantwortet, ist vor allem Intendant des Münchner Volkstheaters, Regisseur (auch von Opern), und er ist selbst Oberammergauer. Die acht Stunden (samt einer großen Pause) Spielzeit lässt er ganz schlicht beginnen. Der Chor ist in fast protestantisches Schwarz-Weiß gekleidet – da fällt aller Glitzer dieses Premierenspektakels schnell ab. Sanft strömen die Menschen von Jerusalem in den Palmsonntag hinein: „Ich bin gekommen, um euch zu trösten“, hören sie – schnell ist die Aufführung bei den Botschaften, die wie für heute formuliert erscheinen, bei Konflikten, die in voller Aktualität aufbrechen. Und so wird auch Brot gebrochen und verteilt – aus Weizen, wie er vielleicht bald fehlt.

Im ganzen ersten Teil lässt Christian Stückl den Diskurs in dieser religiös, politisch und sozial auseinandergerissenen Stadt unter römischem Kuratell dominieren. Jerusalem erscheint eingepresst in all die alten Gesetze und Gebote. Es erbebt vor sozialrevolutionärem Sprengstoff. Das kann Christian Stückl mit dem Laienensemble glaubhaft inszenieren. Er kennt solche Situationen aus vielen Shakespeare-Stücken, wenn sich hitzige Reden und Argumente über die ganze Bühnenweite hin in die Köpfe bohren – inklusive heftigem Ausschreiten, lauten Schritten und effektvoll ausschwingenden Gewändern. Und das alles in einem wie vom Wüstenstaub gezeichneten Grau dieser orientalischen Stadt. Höchstens der späte Auftritt des buffonesken Königs Herodes lässt mit Kamelen und einem Kostüm wie aus dem Salome-Stoff ein bisschen Bühnenflitter zu.

Die „Vorstellungen“ am Beginn der Szenen sind höchstens eine Huldigung an die barocken Ursprünge des Passionsspiels: „lebende Bilder“ in gefrorener Bewegungslosigkeit im Gegensatz zu den großen Turba-Szenen bei der Säuberung des Tempels und der Entscheidung zwischen Jesus und Barabbas. Der römische Statthalter agiert ohne gewalttätige Dämonie: Er ist ein Realpolitiker, der sich wünscht, sein Handwerk würde sich gegen die verschlagene Sophistik des Hohepriesters Kaiphas durchsetzen können.

Ein Großteil der szenischen Präsenz dieses Passionsspiels wird von den großartigen Oberammergauer Typen geprägt: Man sieht hochgewachsene, knorrige Machtmenschen aus der Priesterkaste, wehende Bart- und Haarmähnen, Scharen von durchaus nicht nazarenerhaft-sanften Jüngern oder wohltuend herbe Frauen.

Stefan Hageneier hat als Bühnen- und Kostümbildner großen Anteil an der Stimmigkeit dieses Ambientes. Einer der Höhepunkte seiner theatralischen Professionalität ist das Wüstenzelt, das er über dem Abendmahl ausspannt – ohne alle süßen da-Vinci-Farben. Dort geht es dann eindringlich um Kerker statt Königreich, eine geheime Verschwörung wird in großem Tragödienton zwischen Oper und Oratorium inszeniert.

Die 200 Jahre alte instrumentale und vokale Musik von Rochus Dedler, ergänzt und aufgeführt unter der Leitung von Markus Zwink, hat in der exzellenten, anrührenden Ausführung einen großen Anteil am Gesamt(kunst)werk dieses Passionsspiels.

Der Tag in Oberammergau erzählt eine große Geschichte in großen Dimensionen. Katastrophe und Apotheose, Kreuzigung und Auferstehung werden zu Szenen zwischen endlosen Gerichtsverhandlungen, wo doch im Grunde alles schon entschieden ist, und das in einer Drastik, die dem Publikum nichts schenken will. Und der sich auch ein Jesus wie Frederik Mayet hingeben muss.

Spielball der Ränke

Alle Rollen sind mehrfach besetzt, manche Namen bleiben bei aller Bescheidenheit der Laiendarstellenden in eindrücklicher Erinnerung. Zu einem packenden Mittelpunkt wird Judas als armseliger Spielball der politischen Ränke; auf ihn wartet der Strick mitten auf der Bühne schon lange.
Aller Dramatik der zweimal zweieinhalb Stunden zum Trotz: stoisch, geradezu gleichmütig läuft der Tag ab, kein Chor, keine Gegenrede fällt dramaturgischer Ungeduld zum Opfer, immer wieder faszinieren die Blicke auf die wankelmütigen und manipulierbaren Volksmassen, nirgends fehlt die naturalistische Drastik des Schrecklichen. Da mag man als Trost sogar das Feuer und die Kerzlein der Schlussszene akzeptieren.

Theater, Oper, Oratorium, Gottesdienst und natürlich auch ein Stück weit die Erfüllung des uralten Gelöbnisses fügen sich in Oberammergau auch diesmal stimmig und singulär zusammen. (Uwe Mitsching)

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