Kultur

Auch das Foto von 1969 aus einer Privatsammlung in Amsterdam, das John Lennon und seine Frau Yoko Ono bei ihrem berühmten Bed-in zeigt, kann man in der Ausstellung sehen. (Foto: Kunsthalle München, Nico Koster)

18.04.2026

Ausstellung Haar-Macht-Lust: Eine haarige Angelegenheit

Eine sehenswerte Ausstellung in der Kunsthalle München widmet sich der natürlichen Kopfbedeckung der Menschen

Wenn diese Ausstellung eine Frisur wäre, würde man sie wohl „adrett“ nennen: sehr hübsch und ordentlich, aber auch etwas brav. Unter dem Titel "Haar – Macht – Lust" zeigt die Kunsthalle München (früher: Hypo-Kunsthalle) einen mit viel Fleiß und Sorgfalt erarbeiteten kulturhistorischen Überblick zum Umgang des Menschen mit seiner Körperbehaarung, wobei natürlich das Haupt- und Barthaar im Mittelpunkt steht.

Es beginnt mit den alten Ägyptern (die gern Perücken trugen) und den Assyrern, von denen ein Relief aus der Zeit um 900 vor Christus präsentiert wird. Darauf ist ein Genius dargestellt mit langem gelockten Bart, wie er auch von den Königen damals als Zeichen hoheitlicher Würde getragen wurde. Eines der jüngsten Exponate wiederum, ein 2007 entstandenes Foto Herlinde Koelbls, zeigt eine bunte Punkfrisur, die ja ebenfalls als dezidiertes Distinktionsmerkmal dient und insofern – trotz aller zeitlichen und kulturellen Distanz – rein funktionell quasi nur um Haaresbreite vom assyrischen Bart entfernt ist.

Denn über die Jahrtausende hinweg hat die Haartracht, ähnlich wie die Kleidung, immer auch eine soziale und somit automatisch eine mal mehr, mal weniger politische Signalwirkung: An die Zeiten ab 1968, als die Langhaarigen (zumindest in modischer Hinsicht) die Macht übernahmen, erinnert ein Foto des berühmten „Bed-in“, das der vollbärtige und langmähnige John Lennon 1969 mit seiner Frau Yoko Ono als Protest gegen den Vietnamkrieg durchführte. Und weil das Bett, in dem die beiden Edel-Hippies eine Woche lang öffentlich lagen, in der Präsidentensuite des Hilton Hotels Amsterdam stand, ist es nicht an den Haaren herbeigezogen, wenn man sagt, sie haben sich ihr politisches Engagement einiges kosten lassen.

Pfui-Zone der Intimbehaarung

Zumindest am Rand rückt in der Ausstellung aber auch die Pfui-Zone der Intimbehaarung kurz ins Bild. Ein Foto von 1969 zeigt die bekannte Wiener Aktionskünstlerin Valie Export in einer aufgeschnippelten Jeans, die genau ihren Schambereich unbedeckt lässt und in der sie seinerzeit die Performance Aktionshose: Genitalpanik in der Öffentlichkeit durchführte.

Zweifellos eine haarige Angelegenheit, und so kann man froh sein, dass sich die Panik gut ein halbes Jahrhundert später doch auf weniger haarsträubende Themen verlagerte: „Wir haben alle mal einen Bad-Hair-Day“, klagte etwa Kunsthallen-Chef Roger Diederen bei der Präsentation der Schau. Der Mann hat leicht reden, schließlich erfreut er sich noch üppigen Haupthaares. Und notfalls ist zwecks Verschönerung ja im letzten Ausstellungssaal ein schicker Friseursalon eingerichtet, wo Besucher vor einem Bildschirm Platz nehmen dürfen, um von der KI ein Selbstporträt mit Fantasiefrisur von sich anfertigen zu lassen, das man auch gleich übers Netz allen Freunden schicken kann.

Wahrscheinlich wäre eine Ausstellung zu diesem Thema aber unvollständig, wenn sich nicht auch ein Haar in der Suppe fände. Und darum muss man es leider so deutlich sagen: Rein künstlerisch bleibt die Schau ziemlich schütter. Es gibt hübsche Porträtbüsten und antike Stücke, aber neben einem der bekannten Murillos aus der Alten Pinakothek stellt den einzigen ästhetischen Höhepunkt Botticellis Porträt einer Renaissance-Blondine (um 1480) mit kunstvoller Flechtfrisur dar, das sonst in der Berliner Gemäldegalerie prangt.

Und speziell an zeitgenössischen Werken ist so gut wie nichts Herausragendes vertreten. Die Mehrheit der Exponate erweist sich vorwiegend nur in historisch-dokumentarischer Hinsicht als bedeutend.

Darunter auch witzige Kuriosa wie sogenannte Barttassen aus der Belle Epoque, in die ein spezieller Quersteg eingearbeitet ist, damit den Herren beim Trinken nicht der Kaffee in den stolzen Pracht-Schnurrbärten hängen bleibt. Kurzum: Man darf diese Ausstellung nicht über einen Kamm scheren, und jedes weitere Herumkritteln wäre Haarspalterei.
(Alexander Altmann)

Bis 4. Oktober. Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstraße 8, 80333 München. Täglich 10 bis 20 Uhr, an jedem dritten Mittwoch des Monats bis 22 Uhr.
www.kunsthalle-muc.de

 

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