Kultur

Die Ausstellung Dis-Ignoranz will weniger Antworten liefern, sondern vor allem Fragen stellen. So auch Elsa Oberndörffer_mit ihrem Werk an den Garderobenspinden. (Foto: Manuela Unverdorben)

27.02.2026

Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum: Gegen die Ignoranz

Münchner Kunststudentinnen und -studenten beschäftigen sich in Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum mit extremistischer Gewalt

Das haben die Studentinnen und Studenten der Akademie der Bildenden Künste schon richtig gesehen, dass man für ihre Ausstellung im Garderoben-Souterrain des NS-Dokumentationszentrums München eine führende Hand braucht. Sie haben für DisIgnoranz, so der Titel der Ausstellung, einen Raumplan, ein Antifaschismus-Vademecum und fotografische Erläuterungen entworfen. Das hilft beim Rundgang durch die Schau, die im Untertitel „Sehen im rassistischen Nebelfeld“ heißt und sich mit „rassistischer, antisemitischer und rechtsextremer Gewalt“ beschäftigt sowie mit deren gesellschaftlicher Normalisierung.

Die Recherchen, die künstlerische Form, die ganze Ausstellung ist Teil des Bayerischen Forschungsverbunds für Gegenwartsanalysen, Erinnerungspraxis und Gegenstrategien zum Rechtsextremismus in Bayern. Und damit es nicht so trocken aussieht, wie es klingt, gehörte es zur Teilnahme an dem Projekt, dass sich die jungen Leute auch um eine möglichst publikums-, besonders schülernahe Vermittlung kümmern sollten: Wo gibt es Lücken in der Wahrnehmung des Betroffenen-Alltags? Wo und wie gibt man die entsprechenden Fragen an das Publikum weiter? Wo ist die eigene Betroffenheit und wo kann man sie erzeugen?

Dass die Dokumentation am Max-Mannheimer-Platz in München nicht nur ein wissenschaftlich fundiertes und künstlerisch herzeigbares Ergebnis erbringen sollte, war auch zwei Jahre vorher den Teilnehmern klar: auch Elsa Oberndörffer und Paul Neuberger. Sie sind beide im fünften Semester ihres Studiums der Kunstpädagogik mit dem Ziel des Lehramts an Gymnasien. Von Anfang an hatten sie teilnehmen wollen an dem Forschungprojekt.

Jetzt sagen sie aber gleich, dass ihre Arbeit und deren Ergebnis nicht die Antwort auf vorformulierte Fragen sein soll. Es gehe auch um „unsere Perspektive“. Die eigene Betroffenheit spielt eine große Rolle, wenn die beiden durch die Ausstellung führen und ganz viel empathische Begeisterung und Überzeugung ausstrahlen.

Unter der Leitung von Sandra Schäfer und Manuela Unverdorben hat das klassen- und semesterübergreifende Projekt mit Vorträgen, Workshops, Braunstormings, Stadtführungen in München begonnen, bis schließlich mit der Ausstellungstitel feststand. Dis-Ignoranz – das ist das Nicht-sehen-Wollen und auch das Nicht-sehen-Können im Nebelfeld des alltäglichen Rassismus.

Fragen stellen und nicht Antworten geben

Also Fragen stellen und nicht Antworten geben: Darauf setzt auch Elsa Oberndörffer, wenn sie an die Türen der Garderobenspinde für Besucherinnen und Besucher selbst formulierte Fragen klebt. Etwa: „Sind wir kritikfähig?“ oder „Wer ist wir?“ – das alles auf Deutsch und auf Englisch. 

Gleich um die Ecke und im Gang Richtung Bibliothek hat Paul Neuberger seine Plakate, Texte und Fotografien platziert. Sein Ausgangspunkt sind vermeintlich unbedeutende Situationen des Alltags, Verletzungen, an die Betroffene meistens schon gewöhnt sind: im Bus, am Obststand, „bei jeder Beschimpfung von Ausländern“. Der Hauslautsprecher wiederholt währenddessen die Einladung zu Dis-ignoranz – wie der Schulsekretariats-Lautsprecher vor der Pause. Fragen wie „Warum habe ich diese Fragen nie vorher gestellt?“ haben auch Paul Neubergers postkartengroße Fotoarbeiten beeinflusst.

Man ist erstaunt über den Ideenreichtum, der in die zwölf Arbeiten geflossen ist: die Suche nach Kerzen auf dem Obersalzberg, die dort von Nazianhängern angezündet wurden, und die Frage an sie nach dem Warum, das Sammeln von Liedern aus den Familien von Betroffenen oder solche Richtigstellungen, dass das Attentat vom Olympia-Einkaufszentrum eben doch ein rassistisches gewesen ist.

Weniges ist vordergründig putzig – wie ein Plattenbau-Puppenhaus (Vy Pham), das zeigt, wie es zu Hause in Migrantenfamilien aussieht. Oder ein gläserner Stadtplan von München: Darauf fallen einem sofort die braunen Flecken auf. Dort haben die Studenten Bierflaschenreste gesucht und gehäuft gefunden – handelt es sich um nazibraune Locations?
(Uwe Mitsching)

Bis 28. Februar. NS-Dokumentationszentrum, Max-Mannheimer-Platz 1, 80333 München. Dienstag bis Sonntag, 10 bis 19 Uhr.
www.nsdoku.de

 

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