Kultur

Ein Meisterwerk: Bella Figura. (Foto: Bayerische Staatsoper, S. Gherciu)

21.04.2026

Ballett-Meisterwerke: Botschaften an die Menschheit

Muss man gesehen haben: den dreiteiligen Ballettabend „Common Ground“ des Bayerischen Staatsballetts in München

Nicht immer heften und halten „Klammern“ eigenständige Meisterwerke so gut zusammen wie im dreiteiligen Ballettabend Common Ground des Bayerischen Staatsballetts. Fakt ist, dass die drei Choreografen Alexander Ekman, Johan Inger und Ji(r)í Kylián im legendären Nederlans Dans Theater (NDT) in Den Haag ihr Fundament fanden.

Alle drei Stücke, die hier zu einem phänomenalen, in jeder Phase hochklassig getanzten Triple Bill fusionierten, feierten mit einigen Jahren Abstand am NDT ihre Uraufführung. Sie alle nutzen neben ihrer originellen Körper- und Bildsprache auch das Potenzial eines gekonnten Lichtdesigns, das konstant sich verändernde räumliche Dimensionen kreiert. Mit dieser Leuchtkraft ließen sich die bei Ekman auch textlich gewitzt verpackten künstlerischen Botschaften an die Menschheit entschlüsseln: Notsituationen, ob absehbar oder überraschend, lassen sich am ehesten im Kollektiv bewältigen, wenn es fokussiert bleibt und/oder sich der eigenen Fragilität stellt.

Der schwedische Choreograf Johan Inger konzipierte im Jahr 2020 sein Impasse (was so viel wie Einbahnstraße heißt) als tiefsinnigen Kommentar zum leichtfertigen Umgang mit Ressourcen und Bevölkerungswachstum. Dabei setzt er auf die kraftvollen Impulse der jungen Generation, die am ehesten Antworten auf die Herausforderungen einer ungewissen Zukunft liefern.

Mitreißender musikalischer Elan

Tonangebend ließ er sich von dem mitreißenden musikalischen Elan des französischen Jazztrompeters und Komponisten Ibrahim Maalouf inspirieren. Ingers poetische Tanz-Art ist organisch und der Natur verbunden und immer auch doppelbödig, wo sie Emotionen und Erfahrungen spiegelt. Staunend folgte man dem anfangs unbeschwert vereinten Trio (Violetta Keller, Severin Brunnhuber und Sören Sakadales), in dessen Idylle erst die „City People“ und bald eine exaltierte Zirkustruppe eindringen. Deren Schritt- und Lebensmuster werden voller Neugier akzeptiert und adaptiert, bis alle zu einem lebendigen Organismus verschmelzen. Als sich „von oben“ düster-atmosphärische Spannungen ankündigen, profitiert das Trio von seinem ursprünglichen Wissen, findet im Miteinander und der Bescheidenheit seine Überlebensstrategie.

Alexander Ekman stellt in seinem Ensemblewerk Cacti (2010) die Meinungshoheit der Kunstkritik infrage. Oft missfiel ihm, dass andere entschieden, worum es in seinem Werk gehe. „Ich glaube“, so äußert sich Ekman im Programmheft, „dass es keinen richtigen Weg gibt und dass jeder Kunst so interpretieren und erleben kann, wie er möchte.“ So könnte diese Rezension hier enden.

Doch es wäre schade, unerwähnt zu lassen, wie atemberaubend sein zum Auftakt gezeigtes Werk war. Es strotzt vor Dynamik, es lebt von der verblüffend synchron potenzierten Turbo-Energie, mit der die 30 involvierten Tänzerinnen und Tänzer ihre irrwitzige Schwarmintelligenz generieren. Auf, hinter und mit ihren Minipodesten schalten und walten sie in Hochgeschwindigkeit, um virtuos mit Kakteenschalen zu interagieren und am Ende eine skurrile Installation zusammenzupuzzeln.

Grandios das Duett als tänzerisch präzis bewältigte Krise, aus der sich Carollina Bastos und Osiel Gouneo samt Plüschkatze herauswinden, während wie beim Autorenkommentar einer DVD das Publikum deren Gedanken mithört. Und Ekman setzt noch eins drauf, indem er die Mitglieder eines Streichquartetts Beethoven, Haydn und Schubert live spielend subtil ins sensationelle Tanzgeschehen integriert. Muss man gesehen haben!

Diese Empfehlung gilt natürlich auch für das Werk Bella Figura von Kylián. Noch immer wird Kyliáns eigene Definition, die Bella Figura, als Parabel für die Relativität von Sinnlichkeit, Schönheit und Ästhetik im Allgemeinen beschreibt, dem ikonischen Meisterwerk absolut gerecht. Hochkonzentriert und mit jeder Finesse der Hommage an barocke Metaphern vertraut, machten die neun Solistinnen und Solisten Vergänglichkeit und Verletzlichkeit erfahrbar.

Erneut zündete die Magie in der absoluten Stille der finalen Feuerschalen-Momente: Über 2000 Menschen waren minutenlang gebannt und ließen sich von der hohen Kunst des vollendet gezeigten interpretierten Balletts verzaubern. (Renate Baumiller-Guggenberger)

Die nächste Aufführung ist am Donnerstag, 23. April, um 19.30 Uhr. 

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