Kultur

Ausschnitt aus einer Fotografie, die Eugen Heimhuber auf dem Nebelhorn, dem Oberstdorfer Hausberg, zeigt. Mit dabei eine Balgenkamera und ein Stativ, die Glasplatten hatte er im Rucksack. Mehr als 18 000 Aufnahmen hat er so gemacht. Seinem Bruder Fritz war mit Begleiter 1901 die Wintererstbesteigung des Nebelhorns gelungen. (Foto: Fotostudio Heimhuber)

14.01.2022

Bauernwelt im Wandel

Das Haus der Bayerischen Geschichte zeigt in seinem Regensburger Museen, wie Fotopioniere des Allgäus ihre Lebenswelten sahen

Ist das eine Idylle? Oder eher ein bisschen seltsam? Auf jeden Fall ist es Vergangenheit – individuelle sowieso, aber auch bayerische. Und die erzählt – unentwegt neue Themen und Formate ausprobierend – das Haus der Bayerischen Geschichte. In seinem Regensburger Museum an der Donau ist aktuell eine reizende kleine Fotoschau zu sehen, die einen munteren Blick zurückwirft in die Vergangenheit des Allgäus, einer Gegend und Landschaft Bayerns, die nicht zuletzt sommers wie winters vom Tourismus lebt – und das schon seit gut einem Jahrhundert.

Bayerische Fotopioniere heißt die Ausstellung, in der frühe Fotografien der Bäuerin Auguste Städele sowie der Brüder Fritz und Eugen Heimhuber zu sehen sind.
Beschreibt also folgendes Motiv eine Idylle? Eine Frau sitzt im Garten am Rand eines Hauses, an dem jede Menge Ofenholz gestapelt ist. Noch scheint sich bis zu ihr nicht herumgesprochen zu haben, dass man auf Fotos immerzu krampfhaft zu lächeln hat. Nein, die Frau schaut ernst, aber nicht unbehaglich ins Weite. Regelrecht philosophisch. Neben ihr ein Tischlein mit Decke, auf der eine Vase mit Blumen steht und ein Hund sitzt. Dieses durchaus recht eigentümliche Arrangement wird ergänzt durch einen Mann mit Hut im Hintergrund, der auf einem Fahrrad heranrollt – Fahrradfahren war seinerzeit vielerorts der letzte Schrei und immer noch etwas Neues.

Sorgfältig inszeniert

Das Foto hat Auguste Städele im Jahr 1927 gemacht. Es zeugt von famoser gestalterischer Leidenschaft. Betitelt ist es „Mutter mit Radfahrer“: Abgebildet ist Josefa, die Mutter der Fotografin; der Hund heißt übrigens Boxele. Zusammengehalten wird diese Inszenierung in der oberen Bildmitte durch einen Pfahl, der aus dem Kopf der Mutter zu wachsen und den ins Bild fahrenden Radler abzubremsen scheint.

Für die frühen Fotograf*innen war die sorgfältige Inszenierung, als noch nicht die Gegenwart im Sekundentakt verschnappschusst wurde, wichtig. Diese Aufnahmen hatten einen Wert in sich, waren etwas Besonderes, vor allem noch Neues. Denn die Zeit war im Umbruch, neue Techniken zogen ein und auch aufs Land. Und so sieht man auf einem weiteren Motiv einen Mann, der – wohl der Lichtverhältnisse wegen – vor einem Haus im Sonntagsanzug steht und mit sichtbarem Besitzerstolz sein riesengroßes, blank geputztes Grammofon auf einem Podest präsentiert – eine Schallplatte hält er auch in die Kamera. Dieses Foto ist aus dem Jahr 1910. Bei dem Mann handelt es sich um den Postboten und Kleinbauern Bechteler, sein Wohnort ist das Dorf Missen im heutigen Landkreis Oberallgäu.

Fahrrad, Grammofon, Skier, Motorisierung und auch schon eine Art ÖPNV im Postauto: Die Zeiten änderten sich selbst im kleinen, von den Metropolen weitab gelegenen Missen, wo die Bäuerin Auguste Städele lebte und ihre nähere Lebensumwelt fotografierte – den noch unhandlichen Plattenapparat hatte sie vom Dorfkaplan geschenkt bekommen.

Nur wenige Kilometer entfernt in Sonthofen fotografierten die Heimhuber-Brüder – nicht aus Liebhaberei, sondern als Söhne eines Königlich Bayerischen Hoffotografen, der ein eigenes Atelier samt Verlag unterhielt (das Unternehmen besteht in fünfter Generation bis heute), mit professionellem Anspruch. Die beiden verlegten sich primär auf spektakuläre Bergfotos – danach gierte das kaufwillige Publikum.

Dorf, Menschen, Winter, Neues, Arbeit, Freizeit heißen die Themenkomplexe, die diese Fotos in der Ausstellung ordnen. Die Bilder sind Rückblicke, bis ins Detail oft erstaunliche Dokumente früheren Daseins auf dem Land, das sich durch seine Schönheit den Großstädtern beliebt zu machen begann. Und über das natürlich auch die Geschichte hinwegzieht. Man sieht zum Beispiel verschrottete Weltkriegsflugzeuge auf einem Haufen: ein durchaus bizarrer Anblick.

Bizarre Momente

Man sieht eine Fleischbank mit ebenfalls umwerfender Inszenierung: ein Mann, der eine Kuh am Halfter hält, ein anderer Mann mit Axt, eine Frau mit Messer, ein Bub mit einer metallenen Schüssel. Alle blicken ernst. Nur die Kuh schaut unbedarft. Ein Bub, barfuß, präsentiert ein offenbar selbst vogelwild zusammengezimmertes Ding, das entfernt wie ein Fahrrad ausschaut – Erfindungsreichtum macht vor Armut nicht halt. Männer in Winterkluft spielen vor Zuschauern Eishockey, eine Sportart, die lang nahezu eine ausschließlich bayerische Spezialität war. (Christian Muggenthaler)

Abbildung: Die Bäuerin Auguste Städele hat als Hobbyfotografin auch ihre Mutter samt Hund mit ihrer Plattenkamera porträtiert.    (Foto: Auguste Städele)

Information: Bis 20. März. Eintritt kostenlos. Haus der Bayerischen Geschichte, Museum, Donaumarkt 1, 93047 Regensburg. Aktuelle Öffnungszeiten unter www.museum.bayern

 

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2020

Nächster Erscheinungstermin:
10.Dezember 2021

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 11.12.2020 (PDF, 15 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.