Schon während der Schulzeit war Filmmusik die größte Leidenschaft von Lukas Geppert aus Bayreuth. Nach dem Abitur beschloss er dann, Filmkomponist zu werden. Sein Plan ging auf. Inzwischen hat er in Hollywood Fuß gefasst – dem weltweit immer noch bedeutendsten Ort für Filmproduktionen.
BSZ: Herr Geppert, man sagt, in Hollywood sei alles größer, schöner und besser bezahlt. War das auch für Sie der Grund, dort Karriere zu machen und nicht in Deutschland?
Lukas Geppert: Für mich als Komponist ist Los Angeles natürlich das Nonplusultra, denn hier werden die großen Blockbuster gemacht, hier ist immer noch der Kern der Filmindustrie und demnach gibt es hier auch die meisten Aufträge. Deswegen war es schon immer mein großes Ziel, hierhinzukommen und Fuß zu fassen.
BSZ: Wenn Sie die Filmmusikproduktion in Hollywood mit der in Deutschland vergleichen: Was sind die größten Unterschiede?
Geppert: In Deutschland gibt es bei Weitem nicht so viele Blockbusterkomponisten. Und in Hollywood haben die meisten Filmkomponisten ein Team. An der Filmmusik schreiben teilweise zwei bis fünf Komponisten mit, dazu kommen eventuell noch ein paar Assistenten. Die Deadlines sind eben sehr knackig.
BSZ: Aber Sie haben es bisher immer geschafft, sie einzuhalten?
Geppert: Auf jeden Fall – auch wenn es manchmal kurze Nächte sind.
BSZ: Was sind weitere große Unterschiede?
Geppert: Wir haben hier diese drei großen Studios – Warner, Paramount, Universal – und jetzt auch noch Sony und Netflix. In den Warner Studios gibt es zum Beispiel eine große Bühne, auf der man dann das Orchester aufnimmt. Diese große Studiokultur ist schon einzigartig, auch wenn ich nicht weiß, wie lange sich das noch hält.
BSZ: Was war für Sie die größte Überraschung, als Sie nach Hollywood kamen?
Geppert: Als Laie dachte ich noch, der Filmkomponist hat einfach seine große Vision, die er dann verwirklichen kann. Aber was wir schreiben, kommt nicht einfach in den Film, nur weil wir es gut finden. Der Regisseur muss es freigeben. Der ist abhängig von seinem Produzenten, und der wiederum von den Executive Producers. Diese Menge an Feedback und Input von außen beeinträchtigt die Musik oftmals sehr stark. Wenn irgendjemandem unser Musikstück nicht gefällt, müssen wir es solang ändern, bis es das tut.
BSZ: Nervt das?
Geppert: Ich kann’s nachvollziehen. Wir sind ja nicht Regisseur, Komponist und Produzent in einem wie etwa Wagner, der allein entscheiden konnte, was künstlerisch am besten passt. Wir sind Dienstleister für den bestmöglichen Support der Story. Der Regisseur und die anderen arbeiten viel länger am Film als wir und helfen uns, die Emotionen einer Szene perfekt zu interpretieren. Eine weitere Sache hat mich auch überrascht.
BSZ: Welche?
Geppert: Wenn wir an einem Film arbeiten, entwickeln wir idealerweise viele Motive vorab und schreiben viele Variationen so früh wie möglich, damit die Cutter, die den Film schneiden, schon möglichst viel zu unserer Musik schneiden können. Aber selbstverständlich verändert der Film sich nach dem ersten Rohschnitt wirklich noch sehr oft. Teilweise bekommen wir jede Woche eine neue Schnittversion. Auch deshalb müssen wir auch unsere bereits geschriebene Musik immer wieder anpassen, weil sie sonst nicht mehr synchron ist.
BSZ: Ab wann war Ihnen klar, dass Sie es in Hollywood versuchen möchten?
Geppert: Schon während meines Music-Technology-Bachelorstudiums in Deutschland. Ich habe sehr viel in meine Bewerbung investiert, um in das Filmkomponisten-Masterprogramm an der University of Southern California aufgenommen zu werden – und konnte mich gegen Hunderte anderer durchsetzen. Das Studium bot ein großes Sprungbrett, weil man gleich sehr gut mit der Filmindustrie vernetzt wird. Ich bin dann zu Komponist Tim Wynn gestoßen, der mir mehr und mehr Verantwortung übertragen hat. Zusammen haben wir Final Destination 6 gemacht – mein erster großer Hollywoodfilm. Von da an ging alles sehr viel leichter.
BSZ: An welchem Projekt arbeiten Sie gerade?
Geppert: Ich habe erst vor Kurzem an einem großen Film gearbeitet, dessen Namen ich leider noch nicht nennen darf. Man kann auf jeden Fall in diesem Jahr noch zwei Filme sehen, für die ich die Musik geschrieben habe. Wahrscheinlich in der zweiten Jahreshälfte.
BSZ: Mit KI-Programmen kann man mittlerweile innerhalb von Sekunden Musik generieren. Macht Ihnen das Angst?
Geppert: Es gab einen ähnlichen Einschnitt, als die Synthesizer-Bibliotheken eingeführt wurden. Davor waren Filmkomponisten teilweise beim Studio angestellt und leiteten ein Orchester, auf das sie quasi jeden Tag zugreifen konnten. Inzwischen kommt der Orchestersound in 90 Prozent der Produktionszeit aus dem Computer. Erst am Ende nehmen wir alles mit einem echten Orchester auf. Sie wären überrascht, wie viele große Produktionen es mittlerweile gibt, die sogar komplett auf Liveorchester verzichten. Die Samples sind einfach so gut geworden. Aber für die großen Blockbuster werden immer noch die Topprofis mit echten Orchestermusikern arbeiten – weil es ums Prestige geht und um die letzten Prozente, die es dann doch noch besser machen. Genauso sehe ich es bei KI.
BSZ: Wie gut kann die KI inzwischen komponieren?
Geppert: Momentan ist sie noch weit von dem Level entfernt, auf dem wir agieren. In der Filmmusik ist auch sehr viel Psychologie gefragt. Der Regisseur hat eine Vision, die er manchmal gar nicht musikalisch in Worte fassen kann. Der braucht dann eine Person, die das für ihn in die Sprache der Musik übersetzt. Ich kann mir noch nicht vorstellen, wie eine künstliche Intelligenz diese Arbeit machen könnte. Vielleicht kann sie uns Aufgaben abnehmen, etwa das perfekte Arrangieren von Noten. Ich glaube, dass die großen Blockbuster in Zukunft auch noch echte Komponisten brauchen werden. Im unteren Budgetbereich gehe ich davon aus, dass sehr viel wegfallen wird.
BSZ: Sie halten jetzt beim Kontrast-Filmfest in Ihrer Heimat Bayreuth einen Vortrag über Richard Wagners Einfluss auf die Filmmusik. Kann man sagen: Ohne Wagner keine Filmmusik?
Geppert: Ich weiß nicht, ob ich so weit gehen würde. Aber Wagners Leitmotivtechnik ist natürlich gerade für Fantasy, Science-Fiction, Action und alles andere, das große, melodiöse Orchesterklänge benötigt, immer noch einer der wichtigsten Einflüsse. Wagner hilft uns Filmkomponisten elementar, die Filmmusik effizienter zu machen und zu strukturieren. So können wir Zusammenhänge über große dramaturgische Strecken herstellen. In den letzten zehn Jahren gibt es allerdings auch einen Trend weg von den Leitmotiven, klar erkennbaren melodischen Elementen und Orchestern hin zu mehr Klangfarben und flächigeren Sounds.
BSZ: Welche Einflüsse haben Sie persönlich geprägt?
Geppert: Ich habe früher in Rock- und Popbands gespielt. Das beeinflusst mich bis heute. Und bei den Filmkomponisten: Hans Zimmer – er ist einfach das Maß aller Dinge. Brian Tyler ist auch ein großer Einfluss. Er schafft es, alle Genres miteinander zu verbinden.
BSZ: Was haben Sie sich für Ihre Karriere vorgenommen?
Geppert: Irgendwann mal Hauptkomponist großer Blockbuster zu sein, wäre schon ein Meilenstein. Mein größter Traum wäre aber ein anderer: mit meiner Filmmusik irgendwann auf Livetourneen gehen zu können. Wir sitzen den ganzen Tag in unserem Studio und haben immer nur den einen Gänsehautmoment, wenn wir die Musik mit einem echten Orchester aufnehmen. Wenn ich sehe, wie Hans Zimmer weltweit Hallen und teilweise Stadien füllt, weil seine Musik die Menschen so bewegt – das ist schon beeindruckend. (Interview: Thorsten Stark)
Vom 20. bis 22. Februar 2026 findet das 26. Kontrast-Filmfest im Internationalen Jugendkulturzentrum in Bayreuth statt. Das Festival zeigt internationale Kurzfilme jenseits des Mainstreams. Der Vortrag von Lukas Geppert findet am Samstag, 21. Februar, ab 16 Uhr statt.
www.kontrast-filmfest.de
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