Kultur

Latenter Rassismus in der Kulturbranche tritt oft bei Castingentscheidungen offen zutage - und das wiederum symptomatisch für Herrschaftsgebaren und gegenseitiges Bekämpfen. Szene aus "R-Faktor. Das Unfassbare". (Foto: Münchner Kammerspiele)

26.05.2021

Beiläufiger Rassismus

„R-Faktor“ als Stream an den Münchner Kammerspielen

Vorhang auf? Nein, Vorhang zu. Eine schön gefältelte Stoffbahn begrenzt diesmal nämlich die Spielfläche nach hinten - und dient zugleich als wellige Leinwand, auf der witzige Filmszenen zu sehen sind: junge Frauen mit angeklebten Bärten und Koteletten spielen da die Jury einer Schauspielschule. Vor dem Vorhang wiederum agiert Safak Sengül als Moderatorin und Spielmacherin dieser neuesten Stream-Aufführung an den Münchner Kammerspielen mit dem Titel R-Faktor. Das Unfassbare.

Konzept, Regie und Textcollage stammen von Ayse Güvendiren, die zahllose Interviews mit meist jungen Leuten aus der Kulturszene geführt und daraus „fiktionalisierte Berichte“ gebastelt hat, die den gleichsam beiläufigen Rassismus illustrieren sollen, der eben auch im Kulturbereich herrscht.

Es sind Geschichten wie die von dem jungen Mann türkischer Abstammung, der Schauspieler werden will. Wie 5000 weitere Aspiranten jedes Jahr, bewirbt er sich um einen der 300 Ausbildungsplätze, die es an deutschsprachigen staatlichen Schauspielschulen gibt. An der 20. Schule wird er tatsächlich angenommen, nachdem ihm die Jury die Aufgabe gestellt hatte, einen Vater zu spielen, der sein Kind „vor Erdogan beschützen“ muss. „Warum vor Erdogan“, denkt sich der Bewerber, „warum nicht vor Söder oder Gauland?“ Aber weil er ja Erfolg haben will, widerspricht er nicht - und überzeugt die Jury. Allerdings erfährt er auch, dass dann „der andere Türke“ vom Vortag nicht genommen wird, weil die Kunstrichter offenbar nur Türken mit Türken und Deutsche mit Deutschen vergleichen. Es geht ihnen also offenkundig darum, einen Türken aufzunehmen, um damit zu demonstrieren, wie vorurteilsfrei, offen, „divers“ ihre Schauspielschule ist, es geht ihnen um „Selbstinszenierung“. (Was freilich wenig erstaunt an einer Ausbildungsstätte fürs Theater).

Sehr anschaulich zeigt diese Geschichte, wie Rassismus im engeren und weiteren Sinn auch im Kulturbetrieb, der sich doch gern dezidiert antirassistisch und progressiv gibt, untergründig omnipräsent ist. Verwundern wird diese oft unbewusste Heuchelei aber nur blauäugige Schwärmer*innen, die nicht wissen (wollen?), dass in der Kulturbranche die gleichen Markt- und Verdrängungsgesetze gelten wie in der ganzen übrigen Produktionssphäre.

Aber genau hier liegt auch das gedankliche Problem dieses handwerklich ausgezeichnet gelungenen Theaterprojekts. Es verkennt, dass die Wurzel des Übels (das prinzipiell Migranten wie Autochthone betrifft) systemischer Natur ist: Wo Konkurrenz und Abhängigkeit das Funktionsprinzip darstellen, gibt es Machtgefälle, Demütigung sowie Kampf unter den Abhängigen - und der Rassismus ist bloß eines der vielen miesen Strategeme innerhalb dieser Herrschafts- und Kampfzone.

Wer also glaubt, man müsse nur den Rassismus beseitigen, könne die Kampfzone selbst aber bestehen lassen, der ist eben nicht emanzipatorisch unterwegs, wie er irrtümlich vermeint. Im Gegenteil, diese naive Haltung erweist sich, um mit Adorno zu reden, als äußerst affirmativ und systemstabilisierend: sie zementiert den Status quo, indem sie den Kern des Problems aktiv verschleiert und mit der Universalisierung eines peripheren Symptoms (Rassismus) von der Krankheitsursache nicht nur ablenkt, sondern diese als scheinbar naturgegeben verewigt.

Mit einem Wort: Das ganze hippe Spektakel politisch korrekter „Wokeness“ ist in Wirklichkeit nichts als reaktionäre Herrschaftsideologie - die nicht weiß, dass sie solche ist, weil ihr der Vorhang des falschen Bewusstseins nie aufgegangen ist.  (Alexander Altmann)

Information: R-Faktor wird im Online-Stream am 3. Juni um 17 Uhr zu sehen sein. Allerdings nicht auf der Webseite der Kammerspiele, sondern vom Körberstudio Junge Regie am Thalia Theater Hamburg. https://www.thalia-theater.de/stueck/r-faktor-das-unfassbare-2021

Die Tickets kosten 5 Euro.

 

 

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