Kultur

Szene aus der Oper „JFK“, die am Augsburger Staatstheater europäische Erstaufführung feierte. (Foto: Jan-Pieter Fuhr)

22.03.2019

Das Phänomen Kennedy

David T. Littles Oper „JFK“ feierte am Staatstheater Augsburg seine europäische Premiere

Der Schicksalsfaden kann auch die Filmrolle sein, die vom Cutter häppchenweise gekappt wird. Für die europäische Erstaufführung der Oper JFK des in New Jersey lebenden Komponisten David T. Little schöpfte das Inszenierungsteam um Regisseur Roman Hovenbitzer die Metaphern des Librettos ebenso wie Dirigent Lancelot Fuhry mit dem Orchester die eruptive Klangfülle der kontrastreichen Partitur aus.

Großes Gespür offenbart der Komponist für die schwebenden Zwischentöne, die einen tief in die Traumsphären hineinsaugen, die Beklemmung und dunkle Vorahnung suggerieren. Dies mixt er mit dem orchestralen Tonfall musikalischer Politsatire samt texanischem Lokalkolorit und bereichert sein Werk mit atemberaubenden Solopartien insbesondere für die tragende Partie der First Lady.

Mit der darstellerisch wie stimmlich nahezu phänomenalen, wandlungsfähigen Mezzosopranistin Kate Allen war sie mehr als ideal besetzt. Der Zuschauer litt und lebte mit dieser Jackie, die tapfer die Maske der damenhaften Eleganz auflegt, ihrem schmerzgeplagten Mann in der Badewanne Morphinspritzen gegen seine Rückenschmerzen verabreicht und sich der alles verzehrenden Trauer hingibt, nie ohne Loyalität gegenüber Gatten und Staats-Protokoll zu verletzen. Da gab es mehrfach Gänsehaut-Momente.

Neben ihr noch Kontur zu gewinnen, taten sich die Ensemblekollegen schwer. Das galt leider ein wenig auch für den Titelhelden. Bariton Alejandro Marco-Buhrmester traf für seinen JFK in der Mittellage den staatsmännischen Ton zwischen totaler Erschöpfung und präsidialer Soll-Erfüllung zwar sehr gut, konnte aber an der Seite einer derart dominanten Bühnen-Frau zu wenig Profil zeigen.

Als Randerscheinungen, wenngleich nicht historisch gesehen, speicherte man die zu plakativ inszenierten Auftritte von Chruschtschow (Roman Poboinyi) oder Vize-Präsident Lyndon B. Johnson (Irakli Gorgoshizde – leider schwach) ab; überzeugend gelungen sind die Reminiszenz an Kennedys Schwester Rosemary (Olena Sloia) und die Vision der Begegnung mit der Past-First Lady, Jackie Onassis (Natalya Boeva).
Das Schicksal des 35. amerikanischen Präsidenten JFK, der für Erfolg und Hoffnung stand, war also unabwendbar und wurde am 22. November 1963 mit den tödlichen Schüssen in Dallas besiegelt.

Die Oper JFK entstand als Auftragswerk zum 70-jährigen Jubiläum der Fort Worth Opera (Texas) gemeinsam mit der Opéra de Montréal sowie dem American Lyric Theater und feierte im April 2016 ihre Weltpremiere. Exakt an diesem Ort – Fort Worth – verbrachte das Präsidentenpaar Kennedy die letzten zwölf Stunden vor dem Attentat, das die Welt nachhaltig erschütterte und bis heute Verschwörungstheorien nährt. Bewusst fokussierten sich Komponist und Librettist (Royce Vavrek) nicht allein auf das Rätsel und das Phänomen Kennedy, sondern schauen durchs Schlüsselloch mitten in das Leiden des stets fotogenen, eleganten und fernsehtauglichen Traumpaars Jack und Jackie.

Wach-und Alpträume sind der dramaturgische Kniff, mit denen die Zuschauer rasch in die Vergangenheit und die seelischen wie realpolitischen Abgründe eintauchen, um die von Schmerz, Abhängigkeit und gegenseitiger Achtung bestimmte Paarbeziehung von Jack und Jackie zu erforschen. In Summe: Spannendes zeitgenössisches Musiktheater, wirklich sehens- und hörenswert. (Renate Baumiller-Guggenberger)

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