Kultur

Alina Rank und Stephan Ullrich begeistern als das französische Königspaar am Vorabend ihrer Hinrichtung. (Foto: Martin Kaufhold)

08.12.2023

Das Volk bleibt ahnungslos

Das Bamberger E. T. A. Hoffmann Theater verzichtet in „Marie-Antoinette oder Kuchen für alle!“ auf gewollte Aktualisierung

Darstellungen von Königinnen sind berühmt. Auf raffinierte Weise wurden nun mehrere Gemälde von Marie-Antoinette (1755 bis 1793) für das gleichnamige Theaterstück von Peter Jordan im Bamberger E.T.A. Hoffmann Theater eingesetzt. Alina Rank verkörperte diese französische Königin hervorragend auf tragikomische Weise. Gezeigt wird etwa, wie sie mit verzerrter Miene, halb weinend, halb kritisch, vor ihrem eigenen Bild kniet und es selbstverliebt betastet. Die Inszenierung ist auch eine große Leistung von Regisseur Martin Schulze.

Dass sich die Handlung an der historischen Wahrheit orientiert, sollte man nicht erwarten. Wir befinden uns in einer nicht klar definierten Phase der Französischen Revolution. Marie-Antoinette und Ludwig XVI. wurden noch nicht guillotiniert, aber sie warten seit 20 Jahren darauf in einem heruntergekommenen Salon, zusammen mit Leuten aus der Dienerschaft.

Sie sind eingeschlossen, was an Stücke erinnert, die in einem einzigen Raum spielen und die These widerlegen, dass ein gutes Theaterstück vom Wechsel des Bühnenbilds lebt. Diese Gesellschaft langweilt sich und unterhält sich mit einem gerade eingetroffenen larmoyanten Kardinal, den es auch noch nicht erwischt hat.

Ab und zu dringt das Geschrei des Volkes herein, das man im Grunde nach wie vor von oben herab missachtet. Der ebenfalls gedemütigte Robespierre, einst großsprecherischer Anführer, proklamiert die Phrase: „Die Revolution frisst ihre eignen Kinder.“

Lobenswert ist, dass kein aktueller politischer Bezug erzwungen wird. Zu deutlich erkennt man, dass die Zeit über derartige Kunstwerke längst hinweggegangen ist. Dem Publikum wird meist zu wenig zugetraut, das zu kapieren. Auch ohne darauf ausdrücklich gestoßen zu werden, setzt es sich beim Nachdenken mit allgemein-menschlichen Fragen, Staatstheorien und eben auch der aktuellen politischen Lage auseinander.

Genialer König-Interpret

Solches anzuregen, ist die große Kunst eines Schauspielers wie Stephan Ullrich als Ludwig XVI. Jeder Satz, jede Bewegung und jede Miene hat bei ihm Hintergrund, einen doppelten Boden. Ob er sich klamaukartig herumwälzt, majestätisch posiert und Ausrufe von sich gibt wie „Ich bin von Gott selbst als König eingesetzt!“ – immer ist er ein großartiger Don Quijote, bei dem man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Einfach herrlich, wie er „Ihr habt doch alle keine Ahnung!“ aus dem Fenster ruft. Die haben wir tatsächlich nicht, durchzuckt es einen unwillkürlich. Gedanken macht man sich auch, als das Königspaar um den Sinn ständiger Abstimmungen rätselt. Aber diese müssen wohl sein, auch wenn dadurch das Unheil nicht immer verhindert werden kann. (Andreas Reuss)

 

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