Kultur

Auch der renommierte mittelfränkische Knabenchor darf nicht auftreten. (Foto: dpa/Daniel Karmann)

04.12.2020

Der Nachwuchs bleibt aus

Weihnachtsauftritte des Windsbacher Knabenchors sind auch Werbung in eigener Sache – eine Chance, die nun entfällt

Die Liste fängt mit dem Aachener Domchor an und hört mit der Wuppertaler Kurrende auf: 46 Chöre, alphabetisch aufgelistet, allesamt Knabenchöre, und unter ihnen natürlich auch die Windsbacher. Sie waren zusammen mit den Augsburger Domsingknaben, den Regensburger Domspatzen und dem Tölzer Knabenchor Initiatoren von „Viva la musica“ und sangen mit einer digitalen Aufführung von Chormusik gegen Corona an – genauso wie jüngst die Knaben im Augsburger Dom mit 24 Stunden Palestrina und getreu dem Motto des Kirchenlehrers Augustinus: „Wer singt, betet doppelt.“ Sie alle wollten aufmerksam machen auf ihre spezifische Problematik, die aus der weitgehend verhinderten Nachwuchswerbung wegen Corona resultiert.

Nur digital präsent

Weihnachten ohne die Windsbacher, ohne Konzerte in der Nürnberger Meistersingerhalle, in fränkischen Kirchen und regional weit darüber hinaus – was man sich nicht vorstellen mochte, ist derzeit Realität. Etwa ein gutes Dutzend Konzerte hat der fränkische Knabenchor sonst im Dezember bestritten, die gelockerten Bedingungen im Oktober ließen Konzerte in Blaibach und Lorenzer Motetten in Nürnberg zu, wenn auch mit eingeschränkten Besetzungen und ohne das große Repertoire von Mozart oder Bach.
Doch jetzt sind auch die Knabenchöre auf die digitale Ebene zurückgeworfen. Und bangen um ihre Zukunft in einer Gegend, die sich im westlichen Mittelfranken lange gegen Corona-Höchstzahlen gestemmt hat.

Chorleiter Martin Lehmann wie auch seine Kollegen machen unter #Kulturgutknabenchor auf ein Debakel aufmerksam, das genauso brisant ist wie die ausfallenden Konzerte: Woher soll der Nachwuchs in den Knabenchören kommen, wenn ein ganzer Jahrgang ausfällt, weil Eltern ihre Söhne nicht mehr in einer solchen Institution anmelden wollen? Wenn die Chöre nicht wie gewohnt werben können? Da, so fürchtet Lehmann, fällt der Nachwuchs in den unteren Chorgruppen einfach ersatzlos weg.

Sonst und vor Corona lagen die Anmeldezahlen für den Windsbacher Knabenchor und parallel dazu für die Chorklassen im Windsbacher Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium immer um die 20 bis 30 Sänger. Noch für das Schuljahr 2020/21 waren die Anmeldezahlen (mit 18 Schülern) noch kein Anlass zu Verzweiflung. Da waren trotz Krisenbeginn im Frühjahr die Entscheidungen in den Familien schon gefallen: aufgrund der Werbung und des Schul-Scoutings in 2019. Danach aber und besonders jetzt im Hinblick auf die Anmeldung für 2021/22 entfällt die Talentsuche in öffentlichen Schulen, scheinen Eltern zusätzliche Ausbildungsmöglichkeiten für ihre Kinder zu meiden. Es gibt keine Reklame für den Chor durch seine Konzerte, Eltern scheuen sich, ihr Kind neben der vermehrten Belastung in der Schule auch noch der im Chor auszusetzen.

Für die Windsbacher bedeutet der Ausfall eines kompletten neuen Jahrgangs, dass sie Werke wie Bachs Matthäus-Passion, das Weihnachtsoratorium oder Mozarts Requiem nicht mehr ad-äquat aufführen können.

Normalerweise überzeugt bei den Windsbachern die Verbindung von Internat, Chor und Gymnasium. Dort lernen die Chorschüler in besonderen Musikklassen (zehn bis 20 Schüler) mit der beliebten Sprachenfolge Englisch/Latein und dem Schwerpunktfach Musik und mit einer besonderen Abstimmung von Lernstoff und Arbeitstempo auf die Chorklassen. Noch im Frühjahr 2020 haben sich die großzügigen Außenanlagen während des angeordneten Corona-Schichtunterrichts als sehr vorteilhaft erwiesen: Viel Bewegung im Freien und Betreuung durch spezielle Erzieher waren an der Tagesordnung.

Individuelles Vorsingen

Wo professionelle Erwachsenenchöre derzeit unter den Soloselbstständigen problemlos Ersatz finden (wenn überhaupt nötig), ist die Situation der Knabenchöre für die Zukunft nicht so rosig. Was immer im Köcher der Werbemaßnahmen steckt, wie Tage der offenen Tür und Schnupperunterricht, kann man erst nach dem Lockdown und damit frühestens in den ersten Wochen des neuen Jahres reaktivieren – wenn überhaupt, und vielleicht ist es dann schon zu spät, den Nachwuchs zu gewinnen?
Da bleibt den Windsbachern wie auch ihren Kollegen in Augsburg, Regensburg oder Bad Tölz nur die digitale Präsentation und der dringliche Hinweis, sich um individuelle Vorsingtermine zu bemühen. (Uwe Mitsching)

Information: www.windsbacher-knabenchor.de


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