Kultur

Lukas Kindermann präsentiert Exponate aus mehreren Jahrhunderten zur Thematik Erdanziehung. (Foto: Gerald von Foris)

02.11.2026

DG Kunstraum: Selbst das Chaos ist der Erdanziehung unterlegen

Im Münchner DG Kunstraum stellen die Künstler Lukas Kindermann und Judith Neunhäuserer Arbeiten vor, die sich mit der Gravitationskraft beschäftigen

Im Jahr 2009 stellte der renommierte Physiker und Empfänger des Alternativen Nobelpreises, Hans-Peter Dürr, das heute berühmte „Chaospendel“ bei den Umwelttagen Basel vor: eine Metallkonstruktion aus drei miteinander verbundenen schwingenden Armen. Stößt man es an, beginnt das Faszinierende: Im Gegensatz zu den Schwingungen eines gewöhnlichen Pendels lassen sich die Bewegungen des Chaospendels nicht lange vorausberechnen. Es reagiert extrem sensibel auf seine Umgebung, denn schon zufälliger Luftzug im Raum kann es bedeutend beeinflussen. In der Physik sagt man: Es verhält sich chaotisch.

Im Münchner DG Kunstraum hängt ein nachgebautes Chaospendel. In der neuen Ausstellung Erdanziehung beschäftigen sich die Künstlerin Judith Neunhäuserer und der Künstler Lukas Kindermann mit bestimmenden Elementen unseres planetengebundenen Daseins: Gravitation, Wissenschaft und Chaos. Neunhäuserers Nachbau ist aus Holz, circa 2 Meter groß und hängt an der Wand wie ein Jesuskreuz. Gegenüber ist Hans-Peter Dürr auf einem Röhrenfernseher zu sehen, wie er die Funktion des Pendels in Basel erklärt. Schade, dass man es hier nicht anschwingen kann. Aber das wäre ja fast wie Gott spielen.

Was können wir über unsere Realität wissenschaftlich erfassen, was vielleicht nur durch Poesie oder Spiritualität? In diesem Zwischenraum lassen sich Neunhäuserers Exponate verorten: Neben dem Pendelnachbau fließen auf 13 Bildern aus Tusche und Ölkreide wissenschaftliche und spirituelle Erkenntnis auf eindrucksvolle Weise zusammen, indem Adam und Eva, griechische Gottheiten und Yggdrasil, die „Weltenesche“, in filigranen Zeichnungen von Sternenkonstellationen und mikroskopischen Tieren überlagert werden. Auf im Raum liegenden Granitsteinen sind zudem die Schwingungen eines Chaospendels eingraviert – das schwer Erfassbare verewigt.

Die Faszination der Künstlerin für einen holistischen Erkenntnisgewinn, für die Überschneidung der Disziplinen wirkt ansteckend. Auch für Dürr hatte das Chaospendel Implikationen weit über die Physik hinaus: „Nicht nur die Religionen“, schrieb er, „sondern auch die Wissenschaft müssen bescheiden zur Kenntnis nehmen, dass sie die ,eigentliche‘ Wirklichkeit im Urgrund nicht ausreichend und angemessen beschreiben, sondern nur mithilfe von Gleichnissen deuten können.“

Lukas Kindermann dagegen versucht sich an einer Beschreibung der Wirklichkeit durch die Präsentation eines umfassenden Archivs. Teil seines Entropic Archives ist eine gigantische Wandinstallation: 240 Bilder auf pinkem Papier. Der Blick schwirrt dabei chaotisch von einem Motiv zum nächsten: Hier hängen Fotos von der ersten Mondlandung, naturwissenschaftliche Zeichnungen und historische Zeitungsartikel über Meteoriteneinschläge nebeneinander.

Digital Art Space ergänzt die Ausstellung

In großen Vitrinen finden sich unter anderem Kupferstiche aus dem 18. Jahrhundert, ein Lavafragment und ein Fossilienknochen. Darunter mischen sich Meteoritensplitter aus aller Welt: Die Erdanziehung wird von Kindermann damit als Schnittpunkt zwischen dem Mystischen und dem irdisch Messbaren hervorgehoben. Weil sein Archiv keinem offensichtlichen System folgt, ist der Fokus inmitten des Chaos aus Exponaten immer subjektiv. Die einzig unverrückbare Wahrheit ist die nie weichende Kraft der Gravitation. Von Dürrs Pendel wissen wir ja: Selbst das Chaos ist der Erdanziehung unterlegen.

Verlässt man den DG Kunstraum und folgt der Kardinal-Döpfner-Straße, lassen sich Globen in den Schaufenstern verschiedener Geschäfte entdecken: Sie führen zum Digital Art Space, der die Ausstellung ergänzt. Durch das Ladenfenster der Galerie sind zwei sich ähnelnde Videoinstallationen sichtbar, welche die beiden Künstler lange vor ihrer gemeinsamen Ausstellung angefertigt haben.

In Polar Portals #4 springt Judith Neunhäuserer in den meterhohen Schnee der Antarktis und wird davon verschluckt. In 172 Zentimeter schaufelt Lukas Kindermann ein tiefes Loch in den Schnee und scheint ebenfalls darin zu verschwinden. Es ist, als würden die beiden sich direkt zum Mittelpunkt der Erde, dem Zentrum der Gravitation, graben wollen. Weil das nicht möglich ist, haben sie es mit Kunst versucht. (Johannes Harder)

Bis 12. November. DG Kunstraum – Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst e.V., Finkenstraße 4, 80333 München. Eintritt frei.
www.dg-kunstraum.de

 

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