Kultur

Famose Ensembleleistung: Oliver Jaksch, Sebastian Degenhardt, Alissa Snagowski, Björn Jacobsen, Elke Wollmann, Juliane Böttger und Ralph Jung rudern durch den Wahnsinn. (Foto: Jochen Quast)

22.04.2024

Die gelungene Kaskade des Misslingens

Eine Art Abschied mit reichlichem Pointenbuffet: „Der nackte Wahnsinn“ am Theater Erlangen

Am Bühnenbild kann man in diesem Fall gar nicht so viel machen, das gibt der Text schließlich vor: die vier Türen oben, die vier Türen und das Fenster unten, eine Treppe. Damit legt der Autor Michael Frayn in seinem Hochgeschwindigkeits-Klassiker „Der nackte Wahnsinn“ den Handlungsapparat strikt fest, damit das alles funktioniert – oder eben nicht funktioniert – in der fiktiven Boulevard-Komödie „Nackte Tatsachen“, die hier in ihrem schönsten Scheitern erst geprobt, dann aufgeführt und schlussendlich versenkt wird: Da geht’s Klipp und Klapp, Tür auf und Tür zu. Es ist präzises Theaterhandwerk nötig, um das sich ausbreitende Tohuwabohu dieser immer krasser scheiternden Inszenierung gelungen hinzubekommen. Jetzt, mit ihrer letzten Inszenierung als Intendantin des Theaters Erlangen, zeigt Katla Ott noch einmal, zeigen Ensemble und Gewerke, was sie allesamt so draufhaben: ganz schön vieles. Das Publikum dankt’s.

Eine herzliche Hingabe an die Situationskomik, die das Stück bietet, ein herrlicher Blick aufs Pointenbuffet, das Frayn angerichtet hat, explosive Spielleidenschaft: Zu beobachten ist auf der fiktiven Ebene ein eher unterdurchschnittlich begabtes Wander-Ensemble, das durch britische Städte tingelt, sich an dem gemeinsam einstudierten Boulevard-Stück eh schon halb die Zähne ausbeißt, dann aber aufgrund persönlicher Leidenschaften und amouröser Obsessionen alles im vollkommenen Fiasko enden lässt. Drei Akte lang: Chaoskaskade. Ausstatterin Monika Gora begibt sich modisch und farbtechnisch in die Welt der 1970er, alles schrill, plärrend und außergewöhnlich schräg geschmacklos. Das passt dann schon mal ganz gut zur vogelwilden Theatertruppe.

Dazu die Musik von Jan-S. Beyer und Jörg Wockenfuß voll ironischer Zitate bis hin zum Kastagnetten-Gezirpe, wann immer das Wort „Spanien“ fällt. Vor allem im zweiten Akt, in dem alles im Backstage spielt und nicht gesprochen werden darf, bedarf’s einer Meisterleistung und Timing und Gebärden; so aber entwickelt sich die pulsierende Verwirrung noch eindringlicher. Jede Schauspielerin, jeder Schauspieler spielt in diesem Stück auf der Bühne zwei Rollen, die des jeweiligen Darstellers selbst und dessen Rolle auf der fiktiven Bühne. Da ist dann zum Beispiel Alissa Snagowski, als Brooke Ashton eine herzensgute Frau, immer im Kampf mit ihren Kontaktlinsen, die wiederum als Vicki gnadenlos ihren Text durchzieht, auch wenn dringend Improvisation gefragt wäre und so im dritten Akt perfekt dazu beiträgt, die fiktive Aufführung vollends ins Verderben zu führen.

Anderes Beispiel – man kann ja gar nicht alle erwähnen –: Juliane Böttger als patente Schauspielerin in ihrem unendlich scheiternden Versuch. alles irgendwie zusammenzuhalten und sich die jeweilige Bühnenwirklichkeit zurecht zu improvisieren: die Mühen des Sisyphos, hier mal als Theaterarbeit. Sebastian Degenhardt ist der chronisch überforderte Inspizient, an dem viel hängen bleibt, süß und rührend im Versuch zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Nach einer überaus gelungenen „Möwe“ nun „Der nackte Wahnsinn“ als eine Art Abschlussarbeit: deutliche Fußspuren. (Christian Muggenthaler)

 

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