Kultur

Danilo Art-Merbitz hat einen Wende-Roman geschrieben, der sich mit der Generation beschäftigt, die zur Zeit der Wende jugendlich war. (Foto: Davenport Hastings)

05.10.2026

Die Gnade der späten Geburt? Roman über die vergessene Wende-Generation

Danilo Art-Merbitz’ Roman „Altmark Blues“ ist eine gelungene Coming-of-Age- und Coming-of-System-Geschichte

Bis heute prägt die Wendezeit zwischen 1989 und 1991 viele Menschen in Ost und West. Während die Zeit aus Perspektive der älteren Generation schriftstellerisch gut aufgearbeitet ist und auch junge Stimmen, die die DDR teilweise gar nicht mehr selbst erlebten, zuletzt vermehrt zu Wort kamen, gibt es im Grunde nur Clemens Meyer, der aus Sicht derjenigen schreibt, die zur Wendezeit Teenager oder junge Erwachsene waren. Doch wer die aktuelle Entwicklung im Osten Deutschlands verstehen will, muss seinen Blick auch auf diese Altersgruppe, heute zwischen 45 und 55 Jahre alt, richten.

„Diese Generation hat die Wendezeit erlebt, die mit ihrer Pubertät zusammengefallen ist“, sagt der Leipziger Schriftsteller und Kulturjournalist Danilo Art-Merbitz. Also eine in zweifacher Weise äußerst intensive Zeit. Damals seien alle Autoritäten weggebrochen. „Es war eine Zeit der enormen Freiheit, aber auch der Orientierungslosigkeit. Da haben alle versucht, ihre Truppen auszusenden.“ So zog es auch viele Neonazis aus dem Westen in die neuen Bundesländer, um dort im Machtvakuum Strukturen aufzubauen und Jugendliche zu radikalisieren. Es kam zu Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime, rechte Skinheads machten Jagd auf Linke, Migranten, Obdachlose und Homosexuelle.

Diese sogenannten Baseballschläger-Jahre finden auch Eingang in Art-Merbitz’ Roman Altmark Blues. Techno. Träume. Treuhand, der am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, erschienen ist. „Es ist eine Coming-of-Age- und eine Coming-of-System-Geschichte“, sagt Art-Merbitz, Jahrgang 1976, der diese Zeit selbst erlebt hat. „Im Osten ist damals alles zusammengebrochen. Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, welche Perspektivlosigkeit damals geherrscht hat.“ So viele Biografien, die komplett entwertet wurden. So viel Arbeitslosigkeit. Und so viel Unsicherheit. Der Autor sagt, er habe den Roman auch erst mit einigem Abstand schreiben können. Übrigens nicht nur mit zeitlicher Distanz, sondern auch mit räumlicher: Große Teile des Romans entstanden in Franken, wo Art-Merbitz einige Jahre lebte.

Der Abstand hat dem Werk sicher nicht geschadet. Mit viel Humor – trotz des ernsten Themas – und unverkrampfter Sprache zieht der Autor einen mitten hinein in die Geschichte. Die Rahmenhandlung des Romans spielt im Jahr 2001, Hauptprotagonist und Erzähler ist Eddi, der – wie Art-Merbitz – Redakteur bei einer Tageszeitung in Leipzig ist. Für einen Reisebericht in der Wochenendausgabe soll er einige Tage in seiner alten Heimat, der Altmark im Norden Sachsen-Anhalts, verbringen. Was seine Chefin erwartet, ist „eine schicke bunte Reisereportage“. Ein bitteres Sozialdrama, das die tatsächlichen Zustände in dieser Zeit beschreiben würde, wolle keiner lesen, wie Eddi erklärt.

Der Artikel wird zur lästigen Nebensache

In der Altmark angekommen, verschieben sich aber schnell die Prioritäten: Als Eddi erfährt, dass seine mittlerweile am Tegernsee lebende Jugendliebe Linda zu Besuch in der alten Heimat, aber verschwunden ist, begibt er sich auf die Suche nach ihr. Der Artikel wird zur lästigen Nebensache.

Je mehr Zeit Eddi in der Altmark verbringt, desto stärker kommen die Erinnerungen an damals hoch. So springt die Erzählung immer wieder in die Jahre vor und nach 1989 zurück. Eddi erinnert sich an die Zeit im Ferienlager, in der Schule, den Pionieralltag, das unselige Werk der Treuhand, Technomusik und den Freibadbesuch, bei dem er sich in Linda verliebte. Und er erinnert sich an den traurigen Tag, als seine Flamme ihm verkündete, dass sie nach Bayern ziehen werde – weil sie in ihrer Heimat einfach keinen Ausbildungsplatz gefunden hatte.

Auf seiner Suche nach Linda trifft Eddi viele Freunde und Bekannte aus seiner Vergangenheit, die – aus den unterschiedlichsten Gründen – nicht den Absprung geschafft haben. Zum Beispiel Adler, einen Gedichte liebenden Skinhead, in dessen Jugendzimmer die Reichskriegsflagge hing und der heute noch den Baseballschläger stets griffbereit im Kofferraum seines Autos liegen hat. Oder Lindas Eltern, vor der Wende stramme Parteigenossen, danach arbeitslos und verbittert. Nicht nur ihnen kommt Linda, die ein VW-Cabrio fährt, plötzlich wie ein „Besserwessi“ vor. „Ihr Kleid, ihr Gang, ihre Blicke“, erklärt die Mutter.

Die Erlebnisse einer Bekannten, die denen Lindas sehr ähnlich waren, waren tatsächlich Ausgangspunkt des Romans, sagt Art-Merbitz. Vieles andere habe ebenfalls seinen Ursprung im näheren Bekanntenkreis gehabt. „Nur ganz wenige Szenen sind frei erfunden.“ Eddi beschreibt die Zeit nach der Wende in einem Gedicht so: Wir stürzen in die neue Freiheit hinein/ mit Westcola, Pamela und Pfälzer Billigwein./ Begrüßungsgeld verdampft zum Kassettendoppeldecker/ dazu Bananen, Dosenananas, lustige Radiowecker./ Werktätige umgeschmiedet vom Treuhandhammer,/ zum alten Eisen für die neue Abstellkammer./ Brüder, Mütter, Tanten, Onkel, Alt und Jung,/ marschieren statt zur Sonne zur Umschulung.

Ob Linda wieder auftaucht, es zu einer Aussöhnung kommt und ob Eddi seinen Artikel doch noch bis zur Deadline fertigstellt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. (Thorsten Stark)

Danilo Art-Merbitz, Altmark Blues, Tredition, Ahrensburg, 2026, 402 Seiten, 19 Euro, ISBN 978-3-384-90517-8.

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