Kultur

Modell des Wikipedia-Denkmals im polnischen Slubice, ein Werk von Mihran Hakobjan (Ausschnitt, ganze Ansicht im Text). (Foto: dpa)

15.01.2016

Die Weisheit der Vielen

15 Jahre Wikipedia: Längst geht es nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie der Nutzung

Jeder tut es – viele uneingestanden: Mal schnell in Wikipedia nachschauen. Diese Online-Enzyklopädie gibt es am heutigen Freitag, den 15. Januar, genau seit 15 Jahren. Dem Brockhaus hat sie längst den Garaus gemacht: Von der mehreren Generationen dienenden vielbändigen Referenzquelle Nummer 1 des Bildungsbürgertums (die freilich manchmal auch nur als „Kann-ich-mir-leisten“-Dekoration im Wohnzimmerregal ausgestellt war) wird es keine weiteren Auflagen mehr geben. Wikipedia dagegen wächst und wächst – und scheint den Traum von der Volksaufklärung respektive Selbstaufkörung wahr werden zu lassen: Die Schranken, sich Wissen anzueignen, schwinden.

Nichtkommerzieller Renner

Nach Selbstauskunft von Wikipedia findet man derzeit 37 Millionen Artikel darin, verfasst in annähernd 300 Sprachen. Die Länge der Einträge variiert von einer spröden Handvoll Zeilen bis zu zig-seitigen Abhandlungen. Zum Beispiel der Eintrag über Wikipedia selbst: Auf Deutsch ergibt er 31 DinA4-Seiten, in der asturischen Sprache (Nordspanien) nicht einmal eine halbe Seite.

Von Auflagenhöhe spricht man hier nicht – was zählt, sind Klicks. Verschiedene Quellen stufen Wikipedia weltweit unter die Top Ten ein – Wikipedia selbst sieht sich auf Platz 7. Auf den vorderen Plätzen rangieren Facebook, Google, Youtube – doch die sind alle kommerziell. Wer hingegen bei Wikipedia mit dem Finger auf der Maus schmökert, wird nicht mit Werbung bombardiert oder ständig auf Amazon weitergeleitet – das Projekt finanziert sich durch Spenden.

Frei und kostenlos sind die hochgehaltenen Charakteristika von Wikipedia. Eigentümerin ist die (nach amerikanischen Recht) gemeinnützige Wikimedia Foundation, unter deren Dach noch eine Menge anderer „Wiki-Plattformen“ zu finden sind: Wikiquote, Wikisource, Wiktionary... Konkretes siehe ausführlichen Beitrag in der Selbstdarstellung unter www.wikimediafoundation.org

Wenn Wikipedia-Gründer Jimmy Walsh wie jüngst zu Spenden aufruft, kommen schnell einige Millionen zusammen. Spenden gibt es freilich nicht nur Cash, sondern vor allem in Form von ehrenamtlicher Mitarbeit. Die Community der Wikipedianer, der Verfasser, geht in die Tausende. Frei ist die Enzyklopädie eben nicht nur für Leser, sondern auch für Beiträger: Jeder darf sein Wissen, oder das, was er für wissenswert hält, hinzufügen, darf korrigieren, ergänzen oder löschen. Freilich werden da auch regelrechte Kriege („Editor-Wars“) ausgefochten, oft um Nichtigkeiten oder aus Rechthaberei. Das kann man alles nachlesen – auch die penibel registrierten Veränderungen („Versionsgeschichte“). Nicht jeder hält sich an den NPOV, den „neutral point of view“, also den neutralen Standpunkt. Wikipedia ist auch in diesem Aspekt gewachsen – um einen Vermittlungsausschuss und ein Schiedsgericht zum Beispiel.

Heraus kommen kollaborativ geschriebene Texte – die Weisheit von Vielen.

Selbstaussage eines „Benutzers“, wie die Wikipedia-Autoren heißen, in seinem „Profil“: „Ich treibe mich hier herum, um mit meinen bescheidenen Mitteln dem enzyklopädistischen Geist der Aufklärung zu nützen. Daher bemühe ich mich einerseits, Obskurantismus, Gerüchte und einseitige politische Stellungnahmen zu bekämpfen, und zum Anderen vernachlässigten oder unterdrückten Standpunkten zu ihrem Recht zu verhelfen. Dabei habe ich genug Selbstbewusstsein, um meiner eigenen Ansicht zu vertrauen – sollte ich mich einmal irren, wird’s mir schon jemand sagen.“ (Benutzer „KomDok“ – solche Alias-Identitäten werden im Wikipedia-sprachgebrauch „Sockenpuppen“ genannt, viele Autoren outen sich mit ihren richtigen Namen).

Konsens, nicht Wahrheit

Das ist vielleicht demokratisch erarbeiteter Konsens der Meinungsvielfalt oder Schwarmintelligenz, aber nicht die Wahrheit, wettern Kritiker der Online-Enzyklopädie – und schon gar nicht Wissenschaft: Die gehe in die Tiefe, beuge sich nicht Kompromissen. Wissen müsse strukturiert werden. Ist der eine Artikel ellenlang, nur weil Schreiber zugange sind, die sich beim Thema auskennen, die beauftragt oder bezahlt wurden, oder weil es gerade zeitgeistig ist? Warum dümpeln dagegen andere Lemmata (Stichworte) vor sich hin? Der Beitrag zur Gazetten-Queen Paris Hilton ist sechs DinA4-Seiten lang, der zur Raketentechnikerin Yvonne Brill nur drei.

Solche Ungleichgewichte provozieren – allerdings auch die Antwort: Wer motzt, soll sich doch selbst beteiligen. In der Tat: Berührungsängste der Wissenschaftler schwinden, viele verfassen selbst Beiträge oder wirken in der Autorengemeinschaft mit. Aufschlussreich lesen sich die unterschiedlichen Positionen im Sonderheft Ein Universum des Wissens für alle, das die Otto-Friedrich-Universität Bamberg der Wikipedia gewidmet hat (Download-Link unten).

Seitdem sich Experten mit Wikipedia angefreundet haben, steigt die Richtigkeit der Fakten und sinkt die Zahl der Autoren: Nicht mehr jeder Klugscheißer meint, seinen letztendlich unbedeutenden Senf beitragen zu müssen.

Nach 15 Jahren geht es heute nicht mehr um die Frage, ob man Wikipedia nutzen soll oder nicht, sondern primär um das Wie? Blindes Vertrauen in die Richtigkeit des Informationsangebots ist gefährlich – aber predigt das die Wissenschaft nicht bei jeglicher Quelle? Wikipedia macht es einem da sogar relativ leicht: Die Transparenz, wie um die verbreiteten Fakten gerungen wird, ist erstaunlich. Auch das Prinzip der spezifischen Fußnoten, hier als Weblinks und „Einzelnachweise“, gibt eine Menge Anknüpfungspunkte zur Überprüfung und Eigenrecherche.

Insofern ist Wikipedia ideal, Kompetenz in der (nicht nur digitalen) Informationsbeschaffung zu lehren und zu lernen. Das Sonderheft der Uni Bamberg bricht sogar eine Lanze dafür, wie man Wikipedia wissenschaftlich zitierfähig machen kann. Das kommt fast einem Adelsschlag gleich. Jetzt steht nur noch die Anerkennung als Unesco-Weltkulturerbe an: Ein Verein macht sich stark dafür. (Karin Dütsch)

Information: Sonderheft „Ein Universum des Wissens für alle. Bamberger Perspektiven auf die Wikipedia“ unter: www.uni-bamberg.de/uni-publikationen/univers-forschung/2015

Abbildungen:
37 Millionen Artikel und kein Ende: Wikipedia wächst immerzu.    (Foto: dpa)

Modell des Wikipedia-Denkmals im polnischen Slubice, ein Werk Mihran Hakobjan.    (Foto: dpa)

 

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Kommentare (1)

  1. Steffen am 15.01.2016
    Eine Alias-Identität ist in der Wikipedia, wie auch im echten Leben, ein Pseudonym. Erst bei der Nutzung weiterer Identitäten spricht man von Sockenpuppen. Kann, soll und will Wikipedia als Tertiärquelle überhaupt zitierfähig sein? Hätte man jemals den Brockhaus zitierfähig machen wollen?

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