Kultur

Die Visualisierung zeigt, wie in den Klosterhof ein neuer Kreuzgangflügel eingefügt wird. (Foto: Onirism Studio für David Chipperfield Architects)

09.02.2024

Die Zeit sichtbar machen

Das renommierte Architekturbüro David Chipperfield modernisiert das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg

Es ist gar nicht so leicht, sich in dem riesigen Gebäudekomplex, in dem sich das renommierte Germanische Nationalmuseum (GNM) in Nürnberg befindet, zurechtzufinden. Am besten, man orientiert sich anhand eines Stadtplans an der historischen Stadtmauer mit der parallel laufenden Straße Frauentormauer im Süden und dem Kornmarkt im Norden. Vom Kornmarkt aus gelangt man über die Kartäusergasse mit der „Straße der Menschenrechte“ zur großzügigen Eingangshalle. Zumindest bis hierher ist man von moderner und zeitgenössischer Architektur umgeben.

Historischer Kern und „Seele“ des Gesamtkomplexes ist das ehemalige mittelalterliche Kartäuserkloster mit seinen gotischen Kirchenstrukturen und den Resten eines Kreuzgangs. 1852 hat Hans Freiherr von und zu Aufseß dort ein Museum gegründet, das umfassendes Quellenmaterial aus der deutschen Kulturgeschichte anlegen und ausstellen soll.

Immer wieder ergänzt

Die Anlage ist, wie gesagt, sehr umfangreich. Schon am Ende des 19. Jahrhunderts und in den 1920er-Jahren wurden heute als historisch geltende Gebäudeteile ergänzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste vieles wieder aufgebaut und letztmals in den 1990er-Jahren erweitert werden.

Inzwischen ist es nach dem Befund der Museumsleitung unter Generaldirektor Daniel Hess nötig, den sogenannten Süd- und Südwestbau aus der Zeit um 1900 sowie aus den 1960er-Jahren baulich zu ertüchtigen. Der Südbau mit 3800 Quadratmeter Ausstellungsfläche erhebt sich parallel zur Stadtmauer, der Südwestbau (1700 Quadratmeter) schließt sich westlich an. Hinzu kommen 4000 Quadratmeter Depotfläche.

Für die Ertüchtigung, die 2025 beginnen und einschließlich Einrichtung und Ausstattung 67 Millionen Euro kosten soll, konnte mit dem Büro David Chipperfield eines der bedeutendsten, international gefragten Architekturbüros der Gegenwart gewonnen werden. In ständigem Einvernehmen mit dem Museum hat man bereits begonnen, Pläne zu erarbeiten, die unter anderem eine Vollendung des Kreuzgangs und einen gartenähnlichen Innenhof vorsehen.

Ziele bei aller Neugestaltung sind die Erhaltung der denkmalgeschützten Substanz sowie die Sichtbarmachung ursprünglicher Zeitschichten. Das ist eine große Herausforderung, wenn man bedenkt, dass schon rein technisch gesehen einschneidende Maßnahmen wie die energetische Anpassung, der Einbau einer Klimaanlage, der barrierefreie Zugang mit Aufzug und ein verbesserter Lichtschutz bewerkstelligt werden müssen. Man stelle sich den Aufwand vor: Große Teile der Böden, Decken und Wandbekleidung werden denkmalgerecht demontiert, gereinigt und wieder eingebaut.

Fast genial ist die Idee, den im Zweiten Weltkrieg zerstörten südlichen Kreuzgangflügel wieder zu errichten. Dessen Ästhetik soll nicht einfach eine Nachahmung, sondern eine zeitgenössische Interpretation der gotischen Formen sein – wohl ein entscheidendes Meisterstück des Architekturbüros. Raffiniert ist gleichzeitig die Tatsache, dass von diesem Kreuzgang aus die Besucher*innen alle Gebäudeteile des Museums zu Fuß erschließen können und nicht, wie bisher, da und dort in eine Sackgasse geraten.

Wie werden die schließlich entstandenen Ausstellungsräume inhaltlich gestaltet sein? Hier steht den internationalen Publikumsströmen Spannendes bevor: Die erhaltene florale Deckenmalerei im Rittersaal will das Architekturbüro wieder freilegen sowie die bedeutende Sammlung an Rüstungen und Waffen in den Rittersaal zurückkehren lassen. Manchmal müssen gute Architekten also nur auf gleichsam organische Weise das Vorhandene wieder „wachsen“ lassen – wie die Pflanzen in den entstehenden Höfen am Kreuzgang.

Museale Neukonzeption

Mit am aufregendsten erscheint jetzt schon die Neukonzeption der Dauerausstellung über die Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts, die sich hauptsächlich unter der Ägide von Karin Rhein in dem Millionenprojekt ausbreiten wird. Ihre Ideen sind, so viel kann man bereits sagen, im Grunde genauso unbezahlbar wie diejenigen der Architekten aus dem Chipperfield-Büro. Um 2029, bei der Wiedereröffnung, könnte das Germanische Nationalmuseum nicht nur bedeutend für das Kulturerbe Zentraleuropas sein, sondern im Sinne des amerikanischen Philosophen Robert Harrison ein Garten mit Zugang zum Wesen des Menschen. (Andreas Reuss)

Information: Lesen Sie ausführlich über die Neukonzeption der Dauerausstellung zum 19. Jahrhundert in einer der nächsten Ausgaben von UNSER BAYERN, dem Online-Magazin der Bayerischen Staatszeitung.

 

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